Politik in der Kritik

Impf-Prio in NRW seit 7. Juni aufgehoben – Hausärzte brodeln

NRW droht ab dem heutigen 7. Juni ein wahres Impf-Desaster. Die Wut auf die Politik seitens der Hausärzte ist groß.

Dortmund – Der Juni droht in Sachen Corona-Impfungen ein Desaster für NRW* zu werden – so jedenfalls die Befürchtung vieler Ärzte. Mehrere Faktoren könnten die nordrhein-westfälische Impf-Maschinerie ab dem 7. Juni ins Stottern bringen. RUHR24* erklärt, welche das sind.

Corona-Inzidenz in NRW39,9 (Stand 1. Juni)
Gemeldete Corona-Fälle total805.670
Aktuell infizierte Personen24.600

Corona-Impfungen in NRW: Hausärzte warnen vor Desaster ab dem 7. Juni

Da wäre zunächst die am Montag (7. Juni) wegfallende Impf-Priorisierung in Deutschland*. Heißt konkret: Jeder Bürger von NRW kann sich ab diesem Zeitpunkt eigenverantwortlich um eine Impfung gegen das Coronavirus* bemühen.

Schon jetzt stöhnen Hausärzte vor penetranten Patienten, die täglich via Telefon oder Mail nach einem Termin fragen – was man ihnen aber auch nicht verübeln kann. Wie sonst sollen sie an eine Impfung gegen Corona kommen?

Corona-Impfstoff in NRW nach wie vor knapp – Menge wie in der Vorwoche

Nächstes Problem sind die inzwischen knapp werdenden Impfstoffe. Die zwei Kassenärztlichen Vereinigungen in NRW, KVWL und KVNO, weisen die Hausärzte aktuell darauf hin, dass es zwischen dem 7. und dem 13. Juni die gleiche Impfstoff-Menge gäbe, wie eine Woche zuvor. Rund 3,4 Millionen Impfstoffdosen sollen die Hausärzte bekommen.

Weil am 7. Juni aber die Impf-Priorisierung entfällt, müssten die Hausärzte aber eigentlich deutlich mehr Dosen bekommen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Hinzu kommt das „Kinder-Problem“, denn auch sie dürfen sich ab dem 7. Juni um eine Corona-Impfung bemühen, sofern sie mindestens 12 Jahre alt sind*.

Kinder ab 12 Jahren bemühen sich ab 7. Juni um Corona-Impfung in NRW

Denn seit Freitag (28. Mai) gibt es dafür seitens der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) eine Zulassung für die EU – allerdings nur für den ohnehin bereits äußerst gefragten Impfstoff von Biontech/Pfizer. Und davon gibt es pro Hausarzt derzeit nur 18 Dosen a 6 Impfungen pro Woche.

Fraglich ist indes noch, ob Kinder ab zwölf Jahren ab dem 7. Juni tatsächlich die Hausarztpraxen stürmen werden. Immerhin gibt es seitens der Ständigen Impfkommission (Stiko) noch keine Empfehlung (Stand 7. Juni).

Stiko hat noch keine Empfehlung für Corona-Impfung ab 12 Jahren

Sie hat bislang lediglich angedeutet, den Impfstoff womöglich nur für vorerkrankte Kinder zu empfehlen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) sagte dazu jüngst in der ARD-Sendung „Anne Will“, das Votum der Stiko sei eine „Empfehlung“. Sobald die Kommission den Impfstoff für diese Altersgruppe offiziell freigebe, könne er auch entsprechend verimpft werden. Eltern sollten über eine Impfung für Kinder dann in Absprache mit ihrem Arzt entscheiden.

Doch während nun Millionen neuer Impfberechtigten in NRW auf eine Impfung gegen das Coronavirus hoffen* dürfen, gibt es für sie keine zusätzlichen Impfstoffdosen. Der Bund hat für Kinder und Jugendliche dafür schlicht nicht mehr Impfstoff bestellt, als ursprünglich geplant. Das bedeutet, dass die Zahl der Menschen, die sich die geringen Impfstoffdosen teilen müssen, ab 7. Juni noch größer sein wird – zumal die Betriebsärzte ab diesem Datum ebenfalls beginnen, zu impfen.

NRW: KVNO-Chef kritisiert die Politik und warnt vor „Windhundrennen“ um Corona-Impfung

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, befürchtet, dass die Patienten ihren Ärger an den Praxisteams auslassen werden: „Die Politik hat sich hier einmal mehr als beratungsresistent erwiesen. Wir haben mehrfach davor gewarnt, dass es hierdurch zu einem Sturm auf die Praxen kommen wird. Das scheint der Politik egal zu sein. Da hilft es auch nichts, zu beteuern, dass nicht jeder sofort einen Impftermin erhalten kann. Das „Windhundrennen“ ist eröffnet – und die Praxen müssen es ausbaden“, so Bergmann.

Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, kritisiert die Politik in Sachen Corona-Impfungen.

Indes verspricht Gesundheitsminister Jens Spahn, dass Schüler ab zwölf Jahren bis Ende August ein Impfangebot erhalten sollen. Eine drohende Konkurrenz um Impftermine zwischen Erwachsenen und ab 12-Jährigen sehe der Gesundheitsminister nicht, wie er jüngst im ZDF-Mittagsmagazin sagte.

Corona-Impfungen für Erwachsene: Jens Spahn gibt großes Versprechen

Spahn geht sogar einen Schritt weiter: In den ersten Wochen des Sommers sollen auch alle impfwilligen Erwachsenen ein Angebot erhalten haben – zumal 80 Prozent der über 60-Jährigen bereits geimpft seien. Der Bund erwarte 50 Millionen Biontech-Impfdosen bis Ende August.

Unterdessen tut sich ein weiteres Problem auf: Inzwischen bekommen immer mehr Menschen in NRW ihre Zweitimpfung und werden aufgrund einzuhaltender Fristen dafür jenen vorgezogen, die auf eine Erstimpfung warten. Terminlich kompliziert könnte das in den anstehenden Sommerferien in NRW* werden, wenn erste Hausärzte in den Urlaub fahren. Den Ärzten bleibt dann nur, die Zweitimpfung zu verschieben oder sie auf einen Hausarzt-Kollegen abzuwälzen – wenn die nicht schon längst aufgrund großer Frustration aufgegeben haben. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa, Federico Gambarini/dpa, Collage: RUHR24

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