In NRW gibt es sie bereits

„Das ist absurd“: Aersolforscher wütend über Ausgangssperren in NRW

An der Corona-Maßnahme „Ausgangssperre“ scheiden sich die Geister. Einige Experten halten sie für dringend geboten, andere für Fehl am Platz. In manchen Regionen in NRW gilt sie bereits.

Dortmund – Um die dritte Corona-Welle zu durchbrechen, setzen immer mehr Kreise und Städte auf nächtliche Ausgangsbeschränkungen. Sogar die Bundesregierung will die Regelung im Rahmen der auf den Weg gebrachten „Bundes-Notbremse“ umsetzen. Dabei ist die Maßnahme unter Experten umstritten.

BundeslandNordrhein-Westfalen
LandeshauptstadtDüsseldorf
RegierungschefMinisterpräsident Armin Laschet (CDU)
Regierende ParteienCDU und FDP

Ausgangssperren in NRW gegen die Corona-Pandemie: Epidemiologisch und juristisch umstritten

So haben sich zuletzt bereits der Bonner Virologe Hendrik Streeck (43) und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) öffentlich über Ausgangssperren gezofft. Während der SPD-Politiker die Wirksamkeit der umstrittenen Maßnahme mit Studien aus Oxford begründet, befürchtet Streeck, dass die Menschen so weiter zusammengedrängt werden – besonders in beengten Wohnverhältnissen.

Auch juristisch wird das Instrument zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie längst heiß diskutiert. Im Märkischen Kreis in NRW zeichnet sich ein regelrechter Showdown um die Ausgangssperre ab. Der Kreis hatte sie hier aufgrund anhaltend hoher Inzidenzwerte angeordnet. Das Verwaltungsgericht Arnsberg kippte die Regelung nach mehreren Eilanträgen wieder. Jetzt wird vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster verhandelt.

Corona in NRW: Ausgangssperren gegen die Pandemie – Aerosol-Forscher rechnet mit Maßnahme ab

Befeuert wurde die Debatte um Ausgangssperren in Deutschland nicht zuletzt durch einen offenen Brief der Gesellschaft für Aerosolforschung an die Bundesregierung und die Landesregierungen. Darin wurde ein grundsätzliches Umdenken gefordert. Irreführende Regeln wie die Maskenpflicht im Freien hätten ein falsches Bild geschaffen, so der Vorwurf. Der Tenor: Draußen ist es nicht gefährlich.

Gerhard Scheuch (66) ist einer der führenden Aerosol-Forscher aus Deutschland, der den Brief mitverfasst hat. Der ehemalige Präsident der internationalen Gesellschaft für Aerosolforschung hat am Mittwochmorgen (14. April) bei WDR 5 über die Forderungen aus dem Papier gesprochen. Dabei rechnete er auch mit dem Streitthema „Ausgangssperren“ ab.

In NRW gelten mancherorts – wie hier in Hagen – bereits nächtliche Ausgangssperren.

Maßnahmen wie diese seien kontraproduktiv, so Scheuch. Seit April 2020 wisse man bereits, dass sich das Corona-Infektionsgeschehen in Innenräumen abspielt. Ein chinesischer Wissenschaftler hätte zu diesem Zeitpunkt eine Studie veröffentlicht, für die er 7.000 Infektionen untersucht hatte. Das Ergebnis: Nur eine einzige fand im Außenbereich statt.

Corona: Ausgangssperren laut Scheuch ein falsches Signal: „Draußen ist es nicht gefährlich“

Das zeige laut Scheuch, dass das Coronavirus ein Innenraumproblem sei. Genau dort würden viele der verhängten Corona-Maßnahmen aber nicht ansetzen. „Wenn wir Ausgangssperren verhängen, suggerieren wir der Bevölkerung: ‚Achtung, draußen ist es gefährlich!‘ Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn die Leute in Innenräumen bleiben, dann ist es gefährlich.“

Das Argument, solche Maßnahmen würden auch zu weniger Treffen führen, ließ der Aerosol-Experte nicht gelten. „Kontaktbeschränkungen gibt es schon.“ Es sei ohnehin schon jetzt verboten, Party zu machen. Ein weiteres Gesetz zu beschließen, bei dem nur das „Rausgehen“ zusätzlich verboten wird, sei nicht nötig (mehr News zu Corona in NRW auf RUHR24).

Es sei laut Scheuch absurd, jemandem der in einer beengten Wohnung lebt zu verbieten, bei einem abendlichen Spaziergang kurz eine Zigarette zu rauchen. „Das kann es doch nicht sein. Da bin ich perplex.“

Aerosol-Forscher schlägt Alarm: Ausgangssperren treiben die Leute in die gefährlichen Innenräume

Einen möglichen psychologischen Effekt solcher Maßnahmen, wodurch ein Bewusstsein für den Ernst der Lage geschaffen werden könne, will Scheuch nicht dementieren. Allerdings befürchtet er, dass es im Gegenzug zu einem sehr viel schlimmeren Effekt kommen wird. Einen, den er selbst bereits beobachtet hat.

„Abends gibt es kleinere Zusammenkünfte in Parks. Da haben sich Leute getroffen, unterhalten und vielleicht eine Flasche Bier getrunken. Diese Leute treiben wir in die Innenräume. Draußen würde nichts passieren“, so der 66-Jährige.

Corona-Hysterie oder zielgerichtete Maßnahme? An gut besuchten Plätzen im Freien gilt vielerorts eine Maskenpflicht.

Der offene Brief der Gesellschaft für Aerosolforschung richte sich aber keineswegs nur gegen die Ausgangssperren, sondern allgemein gegen Beschränkungen im Freien. Jogger müssten zum Teil eine Maske tragen, das Rheinufer und etliche Parks seien gesperrt worden. „Das ist absurd“, so Scheuch im Interview mit WDR 5.

Statt Ausgangssperren: Regelmäßiges Lüften und Kontaktreduzierung bleiben oberstes Corona-Gebot

Man solle den Leuten ermöglichen, nach draußen zu gehen. Für den Aerosol-Forscher sei es absolut nicht nachvollziehbar gewesen, dass „draußen“ rund um Ostern plötzlich politisch „katastrophiert“ wurde.

Stattdessen fordert Scheuch, für die große Gefahr in Innenräumen zu sensibilisieren. Sinnvoll sei es etwa, im Büro Raumluftfilter zu installieren. Das Lüften werde viel zu häufig vergessen. Zudem sei es nach wie vor das oberste Gebot, Kontakte in Innenräumen zu vermeiden. „Jede Stunde Kontakt im Innenraum ist ganz, ganz gefährlich.“

Rubriklistenbild: © Andreas Arnold/dpa

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