Angebliche Missstände

NRW: Amazon schießt nach TV-Doku mit „Team Wallraff“ gegen RTL

Nach der Recherche von „Team Wallraff“ im TV auf RTL kritisiert Amazon die Doku jetzt scharf. In der Sendung waren Missstände aus NRW thematisiert worden.

NRW – Wie schlecht steht es um die Arbeitsbedingungen bei Amazon in NRW? In einer RTL-Doku von „Team Wallraff“, die auch Szenen aus Krefeld und Duisburg zeigt, kritisierten Undercover-Reporter zuletzt die Zustände der Lagerarbeiter und Fahrer. Amazon indes schießt jetzt zurück und meint, die Sendung vermittle ein „stark verzerrtes Bild der Realität.“

Name der SendungTeam Wallraff
SenderRTL
Thema der SendungAmazon

Amazon in NRW: RTL-Team um Günter Wallraff schleust sich Undercover ein

Konkret geht es unter anderem um den Vorwurf der systematischen Kontrolle der Mitarbeiter im Krefelder Amazon-Lager. Ein Undercover-Reporter von RTL erfährt dort von einem Angestellten einer Zeitarbeitsfirma, dass Geräte zum Abscannen der Pakete auch Leistung und Pausenzeiten der Arbeiter erfassen würden. Zudem würden Kameras die Mitarbeiter von Amazon bei der Arbeit filmen.

Amazon widerspricht der Behauptung, es würden Mitarbeiter elektronisch überwacht. In einer öffentlichen Stellungnahme gibt Amazon dann aber zu, dass der Einsatz von Scannern und Sicherheitskameras in der Logistikbranche „Industriestandard“ sei. Mit den Scannern könnten sich Kunden in Echtzeit über den Status ihrer Lieferung informieren.

Amazon: Kameras in NRW-Lagern? US-Riese nimmt Stellung

Die Sicherheitskameras in den Amazon-Lagern, so das US-Unternehmen, würden der Sicherheit der Mitarbeiter dienen und keine festen Arbeitsplätze filmen (und falls ja, nur geschwärzt), sondern nur die Fördertechnik. Die Bilder seien nur für „autorisiertes Personal, wie Techniker oder Sicherheitspersonal, zugänglich. Vorgesetzte von Mitarbeitern hätten keinen Zugriff darauf, versichert Amazon.

Zudem, schreibt Amazon auf eine Anfrage von RUHR24, gäbe es in den Pausenräumen gar keine Kameras. Das RTL-Team soll diesen Eindruck in einer Szene seiner Reportage erweckt haben.

Team von Günter Wallraff: RTL-Reporter arbeitet als „Picker“ bei Amazon in Duisburg

Das RTL-Team um den erfahrenen Investigativjournalisten Günter Wallraff („Ganz unten“) recherchierte auch verdeckt im Amazon-Werk in Duisburg. Ein Reporter arbeitete dort als sogenannter „Picker“, wuchtete also Pakete auf Transportbänder. Dabei soll er laut RTL 17 Kilometer pro Schicht zurückgelegt haben.

RTL kritisiert, dass Ruhepausen während der Arbeitszeit durch die Vorarbeiter untersagt würden. Und: Für den Toilettengang bedürfe es der Erlaubnis des Vorarbeiters und einer Ersatzarbeitskraft. Sei diese nicht da, müssten „Picker“ den Harndrang zunächst aushalten.

Amazon indes antwortet zum Toiletten-Vorwurf mit einem feinen PR-Video, in dem ausgewählte Mitarbeiter zu dem „Gerücht“ befragt werden. Wenig überraschend reagieren diese irritiert, geben an, jederzeit auf die vielen Toiletten in den Amazon-Lagern gehen zu dürfen. Zum Vorwurf, „Picker“ dürften sich zwischendurch nicht ausruhen, sagt Amazon nichts.

Toiletten-Gang bei Amazon: Müssen „Picker“ ihre Pinkelpause anmelden?

Dem Vorwurf, Mitarbeiter würden sich krank zur Arbeit in die Lager von Amazon schleppen, um ihre Jobs nicht zu verlieren, entgegnet ein Sprecher gegenüber RUHR24: „Bei uns soll und darf niemand krank zur Arbeit kommen, das wissen die Teams auch.“ Ob Mitarbeiter – möglicherweise in Eigenregie – Druck ausüben, vermag die PR-Abteilung des US-Giganten aber wohl auch nicht zu wissen.

Amazon: 90 Prozent der Mitarbeiter geben Unternehmen die Bestnote

In seinem Fazit verweist das US-Unternehmen darauf, dass der Großteil seiner 20.000 festangestellten Mitarbeiter in Deutschland zufrieden seien. Laut internen Umfragen würden 90 Prozent der Mitarbeiter ihre Arbeit mit Bestnoten bewerten. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: 2000 Amazon-Mitarbeiter vergeben schlechtere Noten – aus welchen Gründen auch immer.

Laut Amazon werden Kameras – wie hier im Verteilzentrum in Dortmund – zur Sicherheit der Mitarbeiter genutzt.

Ist also alles perfekt bei Amazon? Nichts zu beanstanden? Der US-Riese gibt zu: „Wir wissen, wir sind nicht perfekt. Wir arbeiten kontinuierlich daran, uns zu verbessern.“ Und so lässt das Unternehmen nach den RTL-Recherchen plötzlich die Zusammenarbeit mit einem Sicherheitsservice aus Berlin ruhen.

RTL-Reportage zeigt: Amazon-Subunternehmer machen Probleme

Das RTL-Team hatte bei seinen Recherchen herausgefunden, dass das Subunternehmen von Amazon Arbeitszeiten der Mitarbeiter durch geschicktes Austauschen von Scannern versuche zu strecken. Ein RTL-Reporter habe mit diesem „Trick“ am Ende weniger als den Mindestlohn verdient.

Überhaupt, was die Subunternehmer von Amazon betrifft, scheint es Probleme zu geben. Etwa in der Unterschreitung des Mindestlohns durch ausländische Firmen, die Lkw-Fahrer für Amazon bereitstellen. Während Amazon 12 Euro die Stunde als Einstiegsgehalt zahlt, ist das bei den Partnerunternehmen aus dem Ausland nicht immer der Fall.

Amazon gibt zu, dass es immer Unternehmen oder Einzelpersonen geben könne, die sich nicht an Regeln hielten. „Und wir entdecken sie gegebenenfalls nicht immer sofort“, so das Unternehmen, das verspricht, umgehend zu handeln, sollte es auf Probleme aufmerksam werden. Nach den Recherchen von RTL könnte es dazu an manchen Stellen wohl Anlass geben.

Rubriklistenbild: © RTL

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