Evakuierungsmission gestartet

Drama in Afghanistan: NRW will Flüchtlinge aufnehmen

Afghanen steigen auf ein Flugzeug in Kabul.
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Nur raus aus Kabul: Die Menschen in Afghanistan wollen mitgenommen werden.

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan versuchen die Einwohner das Land zu verlassen. In Deutschland und auch in NRW diskutiert man, was mit den Ortskräften passieren soll.

Afghanistan/NRW - Die Lage in Afghanistan wird nach der Machtübernahme der Taliban immer dramatischer. Zuletzt hatten tausende Menschen am Flughafen von Kabul versucht, Flugzeuge zu besteigen und zu flüchten. Besonders heikel ist die aktuelle politische Lage für Ortskräfte, die die Bundeswehr vor Ort im Kampf gegen die Taliban jahrelang unterstützt hatten. Sie fürchten um ihr Leben und können das Land vielleicht gar nicht mehr verlassen. Doch NRW hat Pläne.

EreignisMachtübernahme der Taliban in Afghanistan
OrtAfghanistan, Kabul
WannAugust 2021

Taliban in Afghanistan: Tausende Helfer der Bundeswehr sind in Gefahr

Rund 1.300 afghanische Ortskräfte hat allein die Bundeswehr seit 2013 beschäftigt. Dazu kommen tausende afghanische Anwälte, Menschenrechtler und Hilfsorganisationen, die die Deutschen jahrelang im Kampf gegen die Machtübernahme der Taliban unterstützten. Allesamt entwickelten sie sich in den vergangenen Jahrzehnten zu wichtigen und helfenden Schlüsselfiguren. Doch gerade die Hilfe, die sie jahrelang den Deutschen anboten, wird ihnen nun zum Verhängnis.

Für die Taliban, die in Afghanistan die Macht übernommen und das Parlament besetzt haben, sind die afghanischen Ortskräfte Verräter. Sie sind deshalb in dem stark politisch umkämpften Land eigentlich nicht länger sicher und trotzdem müssen sie weiterhin darauf warten, in Sicherheit gebracht zu werden.

10.000 Menschen sollen aus Afghanistan nach Deutschland geflogen werden

Dass die Taliban auf dem Vormarsch sind, steht schon länger fest. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte deshalb vor drei Wochen gefordert, „dass wir hier denen, die uns sehr stark geholfen haben, auch wirklich einen Ausweg geben“. Ihr Plan sah damals vor, Charterflugzeuge zu entsenden und die Ortskräfte und ihre Familien auszufliegen. Viel ist seitdem aber nicht passiert.

Nach der endgültigen Machtübernahme der Taliban befinden sich noch immer viele Ortskräfte und Helfer Deutschlands in Afghanistan. Schätzungen der Bundesregierung zufolge, könnten es sich dabei zusammen mit ihren Angehörigen um rund 10.000 Menschen handeln.

Ortskräfte haben in Afghanistan der Bundeswehr jahrelang geholfen.

Menschen sollen über Usbekistan nach Deutschland gebracht werden

Am heutigen Montag (16. August) hat Deutschland mehrere Maschinen nach Afghanistan entsandt, um deutsche Bürger und besonders gefährdete Afghanen auszufliegen. Die Zeitdauer der Rettungsaktion ist bis zum 31. August vorgesehen.

Transportmaschinen sollen die Geretteten zunächst bis nach Taschkent (Usbekistan) fliegen und anschließend von dort per Chartermaschinen nach Deutschland bringen. Wie viele Ortskräfte und afghanische Helfer aber überhaupt noch gerettet werden können, ist aktuell völlig unklar.

Hat die Bundeswehr zu lange gewartet, die Ortskräfte auszufliegen?

Der Bundesregierung wurde zuletzt vehement vorgeworfen, die Lage völlig falsch eingeschätzt und viel zu spät gehandelt zu haben. Die politische Lage in Afghanistan wurde seit Wochen immer heikler und der Vormarsch der Taliban ins Parlament war nur noch eine Frage der Zeit.

David Helmbold, Sprecher des Verteidigungsministeriums, teilte unlängst mit, dass in den vergangenen Monaten bereits rund 1.800 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen worden seien. In Anbetracht der momentanen Lage aber deutlich zu wenig. Nun müssen binnen kürzester Zeit tausende Menschen aus dem Land gebracht werden. Ob das überhaupt noch gelingen kann, wird sich zeigen.

Die Bundeswehr bereitet die Evakuierung von Deutschen in Afghanistan vor.

Außenamt und Regierungssprecher nennen Gründe, warum Deutschland so spät handelte

Christofer Burger, Sprecher des deutschen Außenamtes, räumte ein, dass Deutschland und andere westliche Länder von dem schnellen Vormarsch der Taliban überrascht worden seien. „Unsere Einschätzung, wie sich die Lage entwickeln würde, war falsch“, sagte er. Da gebe es auch nichts zu beschönigen.

Regierungssprecher Steffen Seibert stimmte ihm zu, dass auch andere Länder nicht mit der rasanten Entwicklung in Afghanistan gerechnet hätten. Dafür müsse man nun umso schneller und drastischer vorgehen, die Evakuierungsmission „mit Hochdruck“ ablaufen lassen, sagt er.

NRW will geflüchtete Afghanen schnell und ohne Bürokratie aufnehmen

In Nordrhein-Westfalen bereitet man sich unterdessen bereits auf die Ankunft geflüchteter Ortskräfte und afghanischer Bundeswehr-Helfer vor. Das Bundesland hat sich dazu bereit erklärt, die Menschen schnell und unbürokratisch aufzunehmen.

„Selbstverständlich wird Nordrhein-Westfalen die Menschen, die uns vor Ort geholfen haben, aufnehmen“, sagte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) der Rheinischen Post am Montag. Angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan ginge es jetzt nicht darum, zu diskutieren, welche Bundesländer wie viele Menschen aufnehmen.

Video: Deutsche fliehen vor den Taliban - über Taschkent in die Heimat

„Keine Flüchtlingswelle wie 2015/2016!“

„Jetzt geht es um die Rettung unserer Freunde und Verbündeten. Wir haben in unseren Einrichtungen in NRW entsprechende Versorgungskapazitäten für eine schnelle Aufnahme“, so der FDP-Politiker weiter. Und kritisierte zugleich die Vorgehensweise des Auswärtigen Amtes: „Ich finde es unverantwortlich und beschämend, dass Außenminister Maas so lange gewartet hat, unsere Unterstützer zu evakuieren.“

In Bezug auf eine Flüchtlingswelle wie in den Jahren 2015 und 2016 sagte Stamp der Rheinischen Post, dass eine derartige Entwicklung nicht zu erwarten sei.  „Die meisten Flüchtlinge werden in der Region bleiben. Allerdings muss Deutschland jetzt den Nachbarstaaten bei der Versorgung der Geflüchteten helfen.“ mit dpa-Material