Bild: Sandra Schaftner/Dortmund24

Zwei Wochen nach der ersten Demonstration von Bewohnern des Hannibals II und der Initiative Hannibal II ist am Samstag (28. Oktober) die zweite gefolgt. Jedoch kamen viel weniger Bewohner, obwohl die Lage noch nicht besser ist, wie die Redner am Mikro deutlich machten.

Ungefähr 60 Demonstranten versammeln sich vor dem NH Hotel neben dem Dortmunder Hauptbahnhof, das ebenfalls dem Hannibal II-Eigentümer Intown gehört. Unter den 60 Menschen sind ungefähr 50 Mieter und Angehörige, die Übrigen sind Mitglieder der Linken und der Sozialistischen Alternative (SAV), die sich in der Initiative Hannibal II für die Bewohner einsetzen.

50 Bewohner ist keine gute Quote

50 von 800 Betroffenen, das ist keine gute Quote, finden die anwesenden Bewohner und die Hannibal-Initiative. Deswegen beschließen sie, nicht wie geplant eine große Demo-Runde zu gehen. Stattdessen ziehen sie mit ihren Schildern und Bannern auf direktem Weg zum Platz von Leeds vor der Reinoldikirche, wo sie eine Kundgebung machen möchten.

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Die Demonstranten benutzten dieselben Schilder und Transparente wie bei der ersten Demo. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Ihre Schilder und Banner sind immer noch dieselben wie bei der letzten Kundgebung. Auf dem Transparent steht in roter Schrift: „Wir fordern: 1. Sofort finanzielle Entschädigung für Alle! 2. Sofort Ersatzwohnungen oder Hotelzimmer! 3. Intown enteignen!“ Die Schilder fordern: “Finanzielle Entschädigung für Alle!”, “Intown enteignen!”, “Keine Geschäfte mit unserem Wohnraum!”, “Intown spielt mit Menschenleben!” und “Menschenwürdiges Wohnen statt Massenunterkünfte!”

Nichts hat sich geändert

Dass die Demonstranten die Schilder wieder verwenden, zeigt: Es hat sich immer noch nichts geändert. Die Schilder sind gleich, die Forderungen sind gleich, die Lage ist immer noch gleich schlimm. Und dabei hat sich in der Zwischenzeit Einiges getan. Es gab weitere Gespräche zwischen Stadt und Mietern und die Stadt hat die Schlüssel an Intown zurückgegeben.

Das war nach Ansicht der anwesenden Demonstranten aber eher ein Schritt zurück als nach vorne. „Es wirkt so, als ob die Stadt sagen würde: Jetzt sind wir raus aus der Geschichte“, sagt Daniela Weber, Sprecherin der Initiative Hannibal. Die ehemaligen Bewohner beschweren sich, dass die Stadt aber auch ihre alten Forderungen noch nicht eingelöst hat. Während sie vor dem NH-Hotel stehen, tauschen sie sich aus. Keiner von ihnen hat schon das von der Stadt versprochene Geld gesehen. „Herr Sierau hat mir persönlich ein Taxi für den Kindergarten-Weg meiner Tochter versprochen“, sagt eine Mieterin. Die anderen bestätigen dies. „Ja, ins Gesicht! Auf der Info-Veranstaltung!“ Doch das Amt sage, das gehe nicht. Bezahlt werde nur die Fahrt zur Schule, nicht zum Kindergarten. „Die Stadt verarscht uns von vorne bis hinten“, meint eine andere Betroffene.

„In einer versifften Gammelwohnung“

Einige der Bewohner schildern ihre Schicksale mit dem Mikrofon auf dem Platz von Leeds. „Mittlerweile sind wir in eine Ersatzwohnung verfrachtet worden, wie vielleicht die meisten von uns. In einer versifften Gammelwohnung, in der man nichts anfangen kann. Irgendwelche Betten, die sich nicht anfühlen wie Betten. Man hätte genauso gut auf dem Boden schlafen können.“ Das sagt die 15-jährige Nikola Jazdzewska, die acht Jahre lang im Hannibal gewohnt hat.

„Im Koma vor Stress“

Die zweifache Mutter Baser Derya sagt: „Wir haben bis heute keine Hilfeleistung vom Amt oder von irgendwo bekommen. Man hatte gesagt, wir sollen Quittungen sammeln. Ich habe eine Absage bekommen. Ich bekomme keine Hilfe.“ Sie erzählt von unaushaltbarem Stress. „Wir fühlen uns immer noch schlecht. Und krank. Ich habe schon das zweite oder dritte Mal eine Erkältung bekommen, weil ich ständig vorm Hannibal oder so stehe. Eine Bekannte von mir lag im Koma vor Stress.“

Derya möchte auf jeden Fall in ihre Wohnung im Hannibal zurück. Sie hat dort seit ihrer Jugend jahrelang gelebt. Jetzt wohnt sie seit drei Tagen in einer Sozialwohnung in Schüren, in der regelmäßig der Strom ausfällt und die Heizung nicht funktioniert. Davor hauste sie bei Bekannten in Bochum „Aber Geld haben wir dafür noch nicht gesehen“, meint sie.

Keine Rückkehr in den Hannibal?

Aber werden Derya und die anderen Bewohner überhaupt ins Hannibal zurückkehren können? Die meisten anwesenden Mieter haben daran große Zweifel. Sie haben am Mittwoch (25. Oktober) ein Schreiben von Intown in ihren Briefkästen gefunden. Darin heißt es wörtlich: „Wir können Ihnen die Rückkehr in Ihre Wohnungen nicht mehr zusichern. Denn gemäß der obigen städtischen Verfügung (Anmerkung der Redaktion: der Nutzungsuntersagungsverfügung vom 21. September) geht die Stadt Dortmund von einer Wiederaufnahme der Nutzung nicht vor Ablauf von ca. zwei Jahren aus.“

Laut den demonstrierenden Bewohnern sagte die Niederlassungsleiterin von Intown im persönlichen Gespräch vor dem Hannibal noch deutlicher, dass sie nicht davon ausgeht, dass die Bewohner in das Gebäude zurückkehren können. „Und bei allen Behörden sagen sie uns: Das Hannibal wird dicht gemacht“, erzählt eine Mieterin.

Viele haben den Kampf aufgegeben

Deswegen glaubt die Bewohnerin Franziska Hesse auch, dass viele Mieter den Kampf inzwischen aufgegeben haben. „Sie schauen jetzt nur noch, wie sie das Beste aus der schwierigen Situation machen“, meint Hesse. Sie würde sich aber mehr Engagement bei allen wünschen. „Wie sieht das denn aus, wenn 50 von 800 kommen?“ Auch die Initiative Hannibal II ist enttäuscht. Sie hat die Demonstration organisiert und kümmert sich auch um die Mietertreffen im Latino Sol an der Schützenstraße. Beim letzten Mal seien jedoch nur zehn Mieter da gewesen, erklärt Daniela Weber. Ein nächstes Treffen ist aber angesetzt.

Es gibt sie also noch, ein paar Bewohner und Aktivisten, die noch nicht aufgegeben haben. Die nicht aufgeben wollen, bis ihre Lage endlich besser ist. Aber die Demonstrantenzahlen zeigen, dass es immer weniger werden. Eine weitere Demonstration ist noch nicht geplant.