Umstrittenes Wüsten-Turnier

WM-Boykott in der Dortmunder Kneipenszene: Zwischen Krise und Moral

Die Fußball-WM in Katar ist umstritten. Manche Kneipen in Dortmund zeigen die Spiele, andere wiederum nicht. Die Beweggründe sind verschieden.

Dortmund/Bochum – Die hochgradig umstrittene Fußball-WM in Katar läuft bereits seit einigen Tagen und nahezu täglich wird Kritik am Mega-Event laut. Der Diskurs dreht sich unter anderem um Menschenrechtsverletzungen, Homophobie und das Bier-Verbot in den Stadien. Kein Wunder also, dass viele Menschen die WM boykottieren. Auch in Dortmund zeigen nicht alle Kneipen die Spiele, manche Betreiber halten demgegenüber allerdings wenig von einem Boykott der WM.

Dortmunder Kneipen zwischen WM-Boykott und wirtschaftlichem Überleben – Meinungen gehen auseinander

RUHR24 hat bei zahlreichen Kneipen in Dortmund nachgefragt, ob und wenn ja warum die Spiele gezeigt werden. Mancher Kneipenbesitzer hat klare Kante gezeigt – andere wiederum relativieren.

Inflation, Energiekrise, Corona: Dass einige Kneipen kurz vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar noch mit dem Boykott der Spiele gehadert haben, ist angesichts der aktuellen Situation wenig verwunderlich. Schließlich sind zahllose Kneipenbesitzer gerade jetzt auf durstige und hungrige Kundschaft angewiesen.

Mehrere Kneipen in Dortmund zeigen die Spiele: „Politik hat mit Fußball nichts zu tun“

Doch sollte man für einen erfolgreichen Kassensturz am Ende des Tages wirklich die WM-Spiele aus Katar zeigen? In der Gaststätte Schmiedlingslust am Fredenbaumpark in Dortmund, hat man sich jedenfalls bewusst dafür entschieden.

„Ja, wir zeigen die Spiele“, erklärt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Fußball interessiert die Leute und wer gucken will, der guckt halt“. Angesprochen auf die Boykott-Aktionen anderer Kneipen und die Debatten rund um Menschenrechtsverletzungen in Katar findet er, dass „Politik mit Fußball nichts zu tun“ habe.

Fußballfans können WM-Spiele in zahlreichen Dortmunder Kneipen sehen

In der „Ratsschänke“ gegenüber vom Rathaus in Dortmund sind die Fernseher zu den Spielen ebenfalls eingeschaltet. „Warum soll man die Spiele denn nicht zeigen?“, fragt Mitarbeiterin Bea irritiert. „Ich finde es toll, wenn Kneipen die Spiele zeigen, am besten sogar mitten auf dem Friedensplatz, damit das alle mitbekommen!“

Auch in der Kneipe „Zum Sauren“ am Hansaplatz können Fußballfans die Spiele sehen. „Wir zeigen die Spiele, ja“, erklärt die Wirtin. „Die guckt aber keiner“, fügt sie umgehend hinzu und lacht.

In der „Gaststätte Markos Erpel“ in Dortmund-Hörde steht die WM ebenfalls auf der Agenda. „Wer gucken will, der guckt halt“, sagt Markos Erpel. Auch wenn ihm die häufig kritisierten Begleitumstände des Events nicht gefielen, so bliebe Fußball aus seiner Sicht „eben Fußball“.

Dortmunder Kneipen beteiligen sich an WM-Boykott – Kundschaft versteht Beweggründe größtenteils

Anderswo überwiegt hingegen die Skepsis. In der von Ex-BVB-Profi und Fanliebling Kevin Großkreutz betriebenen Kneipe „Mit Schmackes“ an der Hohen Straße hat man sich nach langem Überlegen bewusst dagegen entschieden, die WM-Spiele zu zeigen. Das käme auch bei der Kundschaft gut an, das Feedback sei bislang „überwiegend positiv“ gewesen, sagt Mitarbeiter Jonathan.

Auf der anderen Seite könne er aber auch nachvollziehen, wenn andere Gaststätten und Kneipen in Dortmund zur umstrittenen WM einschalten. „Klar, Corona ist ja weiterhin ein großes Thema, dazu kommt noch die Energiekrise“, erklärt er. Durch die WM bekämen manche Wirtschaften eben „die Chance auf zusätzlichen Umsatz“.

Kneipen in Dortmund in Krisenzeiten auf zusätzlichen Umsatz angewiesen

Auch im Dortmunder „Gänsemarkt“ in der Altstadt wird die WM 2022 boykottiert. Wie aus der Pistole geschossen, erklärt Mitarbeiterin Jessica: „Ich bin generell dagegen, dass die WM in Katar stattfindet und finde es sehr gut, dass viele Leute die Veranstaltung boykottieren!“

Dafür, dass andere Kneipen die Spiele trotz der erhitzten Debatte um Menschenrechte dennoch zeigen, hat sie wenig Verständnis. Die Kneipen-Gäste würden den WM-Boykott im Dortmunder Gänsemarkt hingegen größtenteils nachvollziehen können, erklärt die Mitarbeiterin.

Auf Nachfrage erklärte demgegenüber eine Mitarbeiterin des „Täglich“ in Dortmund-Huckarde, dass man auch hier die Spiele zwar nicht zeige. Allerdings müsse „jeder die Möglichkeit haben, die Spiele anzuschauen“, die Gastronomie müsse schließlich „Geld verdienen“.

Dortmunder Kneipe solidarisiert sich mit CSD – Werte und Loyalität zur Szene „wichtiger als Geld“

Im „Klubhaus 1249“ an der Kleppingstraße in der Innenstadt stand schnell fest, dass die WM-Spiele nicht gezeigt werden. „Auch bei uns war die Entscheidung zunächst schwierig, schließlich müssen wir nun auf mögliche Einnahmen verzichten“, erklärt Inhaber Ishak Ince. Doch dem Betreiber der Cocktailbar im Dortmunder Zentrum und seinem Team waren nach eigener Aussage Werte wichtiger als Geld.

„Wir pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit dem CSD (Christopher Street Day, Anm. d. Red.) und uns war die Loyalität zur Szene wichtig“, so Ince weiter. Ince und sein Team hätten die umstrittene WM in der Wüste von Anfang als gute Gelegenheit gesehen, um zu beweisen, dass man tatsächlich hinter der Szene und für Vielfalt und Toleranz stehe.

Die meisten Gäste zeigten auch überwiegend Verständnis für den WM-Boykott, man ernte stets „Bewunderung und von vielen großen Respekt“. Und diejenigen Kunden, die den WM-Boykott im „Klubhaus 1249“ nicht verstehen, wolle man auch nicht da haben, macht Isha Ince klar. Anders als es in Katar vorgelebt werde, solle „der Sport schließlich verbinden“.

In einigen Kneipen zeigen die Besitzer bewusst keine Spiele der WM in Katar.

„Klubhaus 1249“ zeigt WM-Spiele nicht und vertritt Werte wie Vielfalt und Toleranz – Kunden haben überwiegend Verständnis

Allerdings kann der Inhaber des „Klubhauses 1249“ auch verstehen, dass viele Gastronomen aus wirtschaftlichen Gründen in den Krisenzeiten gezwungen seien, die Spiele zu zeigen: „Ich persönlich würde mir wünschen, dass diese Gastronomen nicht verurteilt werden.“

Denn Corona und die Folgen des Ukraine-Kriegs sorgten bekanntermaßen dafür, dass die Kosten insgesamt durch die Decke gehen. Im Klubhaus sei man hingegen „gut durch die Corona-Zeit gekommen“, sodass man sich den Boykott wirtschaftlich auch erlauben könne.

Dortmunder Kneipen mit Blick auf die WM 2022 in Katar gespalten

Insgesamt gehen die von RUHR24 kontaktierten Dortmunder Kneipen sehr unterschiedlich mit der WM in Katar um. Während die einen den Fußball von jeglicher politischen Verantwortung freisprechen und die Spiele bedenkenlos zeigen, wollen andere wiederum durch den WM-Boykott ein Zeichen für verschiedene Werte setzen.

Ob und inwieweit die WM tatsächlich zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in der von der Krise gebeutelten Dortmunder Kneipenszene beiträgt, wird die Zukunft zeigen.

Rubriklistenbild: © Michael Gstettenbauer/Imago

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