Wenn Gewalt die Familie zerstört

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Dortmund/NRW - In fast 40 Jahren konnte das Frauenhaus Dortmund 4.887 Frauen und 4.605 Kindern Zuflucht und Unterstützung bei häuslicher Gewalt bieten.

In fast 40 Jahren konnte das Frauenhaus Dortmund fast 5000 Frauen und 5000 Kindern Zuflucht und Unterstützung bei häuslicher Gewalt bieten. Auch Sarah suchte sich dort Hilfe.

Dortmund - Sarah*ist Mitte 30 als sie sich entschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die große Tochter geht bereits in die Grundschule, die kleine ist noch im Kindergarten. Sarah hat eine Berufsausbildung und gehört zur Mittelschicht. Weil sie keinen Streit mit ihrem Mann wollte, hat sie nachgegeben. Jahrelang.

Rückblick: Als Sarah das erste Mal schwanger wird, hört sie auf zu arbeiten. Ihr Mann ist jetzt der Alleinverdiener. Er fängt an sie zu kontrollieren. Und zu isolieren. Er sagt, er mag ihre Familie nicht. Sarah bricht den Kontakt zu ihnen ab.

Dazu wird er ihr gegenüber immer bedrohlicher. Als Sarah das zweite Mal schwanger wird, isoliert er sie noch mehr. Er sagt, dass er ihre Freunde nicht mag. Auch zu ihnen bricht Sarah den Kontakt ab. Weil sie keinen Streit wollte, hat Sarah nachgegeben.

Als ihr Mann entscheidet, dass die zweite Tochter nicht in die KiTa gehen darf, eskaliert die Situation. Er schlägt Sarah, seine eigene Frau. Sarah hat ein blaues Auge.

Sarah erlebte acht Jahre lang Gewalt - von ihrem eigenen Mann

In der Schule weint die größere Tochter. So kam überhaupt erst heraus, dass Zuhause etwas nicht stimmt und Sarah acht Jahre lang von ihrem eigenen Mann Gewalt erfahren hat.

Er war eifersüchtig, sie war handlungsunfähig. Sarah hat sich selbst die Schuld gegeben. Versteht nicht, wie das passieren konnte. "Du bist Schuld" sagte ihre innere Stimme immer und immer wieder.

"Bei Fällen von häuslicher Gewalt ist es so, dass die Täter ihren Opfern die Schuld geben. 'Du kennst mich, du weißt, wie ich bin' sagen sie oft", sagt Rita Willeke vom Dortmunder Frauenhaus. Häusliche Gewalt ist meist ein schleichender Prozess.

Insgesamt ein halbes Jahr verbringt Sarah mit ihren Kindern im Frauenhaus. "Sie war ein Häufchen Elend, jetzt geht es ihr wieder gut. Sie hat eine tolle Entwicklung hinter sich", freut sich Eva Grupe vom Frauenhaus über ihren Schützling. Sarah hat sich von ihrem Mann getrennt und wohnt jetzt alleine mit ihren beiden Töchtern in Dortmund. Und sie hat auch wieder Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden. Es ist nicht leicht, aber es geht ihr gut.

Gewalt gegen Kinder bringt das Fass zum Überlaufen

"Es gibt Fälle von häuslicher Gewalt, in denen schlagen Männer ihre Frauen, wenn sie ihr Baby auf dem Arm halten. Die Kinder versuchen dann der Mama zu helfen und werden teilweise selbst geschlagen. Und wenn die Gewalt sich auf einmal nicht nur mehr gegen die Frauen richtet, sondern auf auch gegen die eigenen Kinder, ist das der Punkt, an dem viele Frauen sagen: 'Jetzt reicht's'", erzählt Grupe.

Lange Zeit galt Gewalt gegen Frauen als Tabu-Thema. Das wollten Frauen aus Dortmund ändern. 1979 setzten sich einige von ihnen für ein Hilfsangebot ein und eröffneten das Frauenhaus. Zwei Jahre vorher (1977) gründeten sie bereits den Verein "Frauen helfen Frauen e.V.", der auch heute noch der Träger des Frauenhauses ist. 1981 wurde dann noch die Frauenberatungsstelle eröffnet.

Das Frauenhaus können alle Frauen aufsuchen, die Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt geworden sind. Sie erhalten dort unter anderem Beratung gegen Gewalt, Einsamkeit, oder Essstörungen. Sie erhalten auch Unterstützung beim Thema Scheidung oder anderen Krisen.

Frauenhaus war 2016 zu 99 Prozent belegt

In fast 40 Jahren konnte das Frauenhaus Dortmund 4.887 Frauen und 4.605 Kindern Zuflucht und Unterstützung bei häuslicher Gewalt bieten. 2016 war das Frauenhaus das ganze Jahr über zu 99 Prozent belegt. Die Nachfrage ist riesig. "Jeden Tag müssen wir Frauen, die in unserem Frauenhaus einen Platz suchen, absagen", sagt Eva Grupe. 15 Plätze gibt es insgesamt. Eigentlich sind es nur 13, denn zwei gelten als Notplätze. Im Frauenhaus gibt es Wohnmöglichkeiten im Einzelzimmer, in Wohneinheiten für Mütter mit mehreren Kindern und es gibt ein Appartement für Frauen mit mehr als drei Kindern. Außerdem gibt es ein behindertengerechtes Appartement und sechs Gemeinschaftsküchen, denn die Frauen müssen sich selbst versorgen.

Es gibt ein Kinderspielzimmer mit Bällebad, im Garten einen Kinderbereich mit Schaukel und Spielplatz und auch eine kleine KiTa, in die die Kinder gehen können, wenn ihre Mütter ihren Jobs nachgehen oder einkaufen sind. Denn es ist ganz wichtig, dass die Frauen trotz allem versuchen, ihrem Alltag so gut wie möglich beibehalten. Nur Besuch dürfen sie im Frauenhaus nicht empfangen. Denn das Frauenhaus ist eine geschützte, anonyme Wohnmöglichkeit.

Frauen brauchen fünf bis sechs Monate zum Erholen

"Es gab eine Zeit, da brauchten die meisten Frauen bis zu vier Monate zum Erholen. Mittlerweile sind es fünf bis sechs Monate", verrät Grupe. Das hängt auch mit dem Wohnungsmarkt zusammen. Für allein erziehende Mütter sei es gar nicht mehr so einfach, eine passende Wohnung für sich und ihre Kinder zu finden.

Das Frauenhaus können alle Frauen ab 18 Jahren aufsuchen. "Der Schwerpunkt liegt bei den 20- bis 40-Jährigen", sagt Grupe. 2016 war die älteste Bewohnerin 65 Jahre alt. Und auch dieses Jahr ist eine 60-Jährige mit im Haus.

"Frauen in schwerer Krise sind im Frauenhaus jederzeit willkommen. Es ist eine Einrichtung für Frauen, die einen Grund haben zu uns zu kommen. Für Frauen, denen es nicht gut geht", erklärt Willeke.

Das Schönste an ihrem Job ist für Eva Grupe und Rita Willeke vom Dortmunder-Frauenhaus-Team, wenn sie sehen, dass die Kinder wieder unbeschwert und die Frauen wieder glücklich sind und sich gut weiterentwickelt haben. Und sie freuen sich, wenn Frauen die Chance ergriffen haben, aus ihrer Welt mit Gewalt auszubrechen. Im Frauenhaus wagen viele den ersten Schritt in ein neues Leben. So wie Sarah.

Jede fünfte Frau geht zurück zu ihrem Partner

Das Ziel des Frauenhauses ist es, die Gewalt zu beenden und die Familie zu erhalten. Umso schlimmer ist es dafür für Eva Grupe und Rita Willeke, wenn sie sehen, dass einige Frauen trotz all' der Gewalt und obwohl sie genau wissen, dass sich nichts geändert hat wieder zurück zu ihrem Mann gehen. Zurück in ein Leben mit Gewalt, Gewalt gegenüber sich selbst und auch gegenüber ihren Kindern. Laut Statistiken soll jede fünfte Frau zurück zu ihrem Mann gehen.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: "Es ist sehr zermürbend, dass wir nicht genug Geld haben", sagt Rita Willeke traurig. Das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle erhalten zwar Fördermittel von der Stadt Dortmund und dem Land NRW, aber diese Fördermittel stellen noch lange keine Vollfinanzierung dar. Damit die Arbeit aufrechterhalten werden kann, muss ein Drittel der Kosten durch Spenden finanziert werden. Falls ihr Lust habt zu spenden, klickt doch mal hier.

In Unna wurde anlässlich des Internationalen Gedenktages "Nein zu Gewalt an Frauen" am 25. November eine Fahne gehisst. 

Mehr Infos zum Dortmunder Frauenhaus findet ihr hier.

*Name von der Redaktion geändert.