Unterwegs am Phoenix See: "Hier wird ja jeder Quadratmeter genutzt"

Unterwegs am Phoenix See. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24
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Unterwegs am Phoenix See. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24

Dortmund/NRW - Ort ohne Seele oder doch Dortmunds schönstes Ausflugsziel? Wenn es um den Phoenix See geht, wird es für viele Dortmunder grundsätzlich. Wie lebt es sich, in Hördes neustem Quartier? Wir haben die Gegend rund um den Phoenix See besucht – und mit den Menschen vor Ort gesprochen.

Ort ohne Seele oder doch Dortmunds schönstes Ausflugsziel? Wenn es um den Phoenix See geht, wird es für viele Dortmunder grundsätzlich. Wie lebt es sich in Hördes neustem Quartier? Wir haben die Gegend rund um den Phoenix See besucht – und mit den Menschen vor Ort gesprochen.

Drei riesige Säcke voller Erde schleppt Sabine (44) in der prallen Mittagshitze an diesem warmen Dortmunder Maitag in ihr Häuschen mit Seeblick. An den Emscherauen, der Straße, in der auch ein paar Stars des BVB wohnen, ist es ruhig um die Mittagszeit. In den exklusiven Häusern und Wohnungen sieht man um diese Uhrzeit in der Regel: Gärtner, Hausdamen, Handwerker und den einen oder anderen Rasenmäherroboter.

"Tolle Sache für alle"

Sabine (*Name auf Wunsch von der Redaktion geändert) wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern seit fünf Jahren in dem Haus in erster Reihe. "Es ist toll hier - und übrigens nicht nur bei gutem Wetter", erzählt die Münsteranerin, die früher mal in Barop wohnte. Dass es so viele konträre Meinungen zum Phoenix See gäbe, könne Sabine nicht wirklich verstehen. "Der See ist doch für alle Dortmunder eine tolle Sache", sagt sie. Und die Nachbarschaft? Die sei ganz nett. Manche machten ihr Ding, andere seien geselliger. "Aber man kennt sich hier auf jeden Fall." Zu kritisieren sei an und für sich nur die Situation mit den Parkplätzen - aber wofür gibt es die eigene Garage?

Szenewechsel. Vorbei an den oft weißen und fast ausschließlich mit Flachdach bestückten Häusern direkt am See geht es zwei Straßen weiter nördlich an die Weingartenstraße. Früher blickten die Anwohner von hier aus auf die Fackel des Hoesch-Stahlwerks. Auch von dem Haus aus, das Claudia (59) vor 20 Jahren kaufte. "Hier hat sich seitdem sicher Einiges verbessert, das war schon alles sehr runtergekommen", erzählt die Frau, die in Schüren aufwuchs. Das Haus kaufte sie zu jener Zeit, als feststand, dass Hoesch sein Stahlwerk schließen würde. "Aber was hier entstehen sollte, wussten wir damals noch nicht", sagt Claudia. 2006 begann man schließlich, den Boden für den See auszuheben, 2010 wurde der See dann geflutet.

Inzwischen sei zwar die Schlacke-Bahn des Hochofens vor der Haustür verschwunden, dafür habe sich der Verkehr auf der Weingartenstraße mit Entstehung des Phoenix Sees vervielfacht. "Es entsteht hier ein neuer Stadtteil, aber es werden keine neuen Straßen gebaut", ärgert sich Claudia. Zudem setzte die Stadt mit manchen Konzepten aufs falsche Pferd: Stichwort "versetztes Fahren" auf der Faßstraße. Aktuell gibt es dort in beide Fahrtrichtungen auf etwa 300 Meter einen ungewöhnlich breiten Fahrstreifen, statt zwei engerer Streifen. Zwei Autos können dort zwar noch nebeneinander fahren, aber nur sehr langsam. Vor allem die CDU in Hörde kritisiert das Projekt Faßstraße - und Claudia auch. "Das ist schon alles schwer zu begreifen."

Von ihrem Haus aus kann die 59-Jährige noch in Richtung See blicken. Noch. Denn aktuell klafft gegenüber eine Lücke, die ein Haus hinterließ, das abgerissen werden musste. Selbstverständlich, so habe es Claudia erfahren, werde dort ein neues Haus gebaut. "Hier wird ja jeder Quadratmeter genutzt." Und obwohl die Hörderin die Veränderung in ihrer Wohngegend grundsätzlich gut findet, so gibt es Vieles, was sie stört.

Kein Blick mehr auf den See

Ähnlich wie Claudia sieht es Aleksander (18), der an der Weingartenstraße wohnt, seit er denken kann. "Am Wochenende ist es hier ein bisschen voll. Dann sind die Parkplätze rar." Aber, so der junge Hörder, man habe hier schon ein schönes Plätzchen geschaffen. "Den See sehen wir von unseren Balkons aber nicht mehr, davor wurde jetzt überall gebaut", sagt Aleksander.

Was der 18-Jährige meint, sieht man nur ein paar hundert Meter weiter. Demnächst soll hier, am Ende der Promenade mit den Cafés und Restaurants ein 12-stöckiges Gebäude entstehen. "Comunita Residenz Phoenix See" steht auf dem Bauschild. Das Haus füllt das letzte unbebaute Areal an der Hafenpromenade. Hier soll später ein Seniorenzentrum mit unterschiedlichen Wohnformen entstehen. Tiefgaragen und ein Restaurant sind auch geplant.

Wohnen, arbeiten und entspannen am Wasser - das ist im Grunde das Konzept hinter dem Phoenix See. "Diese Mischung finde ich ganz gut", sagt Julian (31), der in der IT-Branche arbeitet und sein Büro direkt an der Hafenpromenade des Phoenix Sees hat. Kritisch sehe er allerdings das "Gesamtkonstrukt Phoenix See", das in seinen Augen nur schlecht auf die Vermischung verschiedener Gesellschaftsschichten setze. Will heißen: Hier gibt es viel Wohnraum für den zahlungskräftigen Dortmunder und nur wenig für den Rest.

Dass die Argumente des 31-Jährigen nicht von der Hand zu weisen sind, sieht man mit Blick auf das nördliche Ufer. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das nächste. Nach gefördertem Wohnraum sieht es hier jedenfalls nicht aus.

Günstiger Wohnraum

Und doch gibt es sie, die kleinen Ecken in Toplage, die auch für Menschen mit nicht so viel Geld erschwinglich sein sollen. Am Südufer des Sees errichtet ein Privatinvestor an der Schüruferstraße zum Beispiel ein generationsübergreifendes Wohnprojekt mit 29 Wohnungen für Mieter, die einen Anspruch auf eine Wohnberechtigungsbescheinigung haben. Aktuell gibt es schon 30 öffentlich geförderte Mietwohnungen und 14 Miet-Einfamilienhäuser im Umfeld des Sees. Aber im Verhältnis zu dem übrigen Wohnraum ist die Zahl der günstigen Wohnungen am See gering.

Günstiger Wohnraum hin, teure Luxushäuser her: Über die Dortmunder Stadtgrenzen hinaus scheint die Debatte um die Phoenix See noch nicht angekommen zu sein. Jedenfalls nicht bei Andreas (49) aus Haltern am See. Der Mountainbiker ist auf zwei Rädern zum Phoenix See gekommen, genießt die Aussicht vom Kaiserberg am östlichen Ufer. "Es ist zwar ganz schön hier, aber wohnen würde ich hier nicht wollen, zu viel los", verrät der 49-Jährige. Und in Haltern habe er ja schon den See vor der Nase - mit deutlich mehr Natur. Dennoch: Die Kombination aus Industriekulisse auf Phoenix West und dem See sei schon beeindruckend.

Unterdessen brutzelt die Sonne unerbittlich vom stahlblauen Himmel über Dortmund. Paul (16) und Melina (17) kommen oft hinauf auf den Kaiserberg, der über den Phoenix See thront. "Oft, auch wenn es dunkel ist, wegen der coolen Lichteffekte und so", sagt Melina, die eigentlich aus Selm kommt. Dass sich Anwohner über laute Jugendliche beschweren würden, haben die beiden nicht mitbekommen. Man sei aber, sagt Paul, in der Regel ganz ruhig. Zum Hintergrund: Alle Jahre wieder gibt es Beschwerden über Lärm und Randale am Phoenix See. Nächtlichen Party-Tourismus mit lauter Musik, Randale und betrunkene, grölende Jugendliche sind hier nicht selten.

Mai Tai in der Kneipe am Phoenix See

Einer, der das Umfeld am Phoenix See kennt, wie nur wenige, ist Markus (44), der gelegentlich in der alt eingesessenen Kneipe "Zum Phoenix" aushilft. Die sogenannten Neureichen kämen ab und zu mal in die Kneipe, um ihren Gästen eine urige und für Dortmund typische Kneipe zu zeigen, doch wirklich Umsatz brächten die nicht. "Die wirklichen Stammgäste werden immer weniger, weil sie uns wegsterben", sagt Markus.

Die Zeiten von einst, als die Stahlarbeiter hier ein- und ausgingen, sind im "Zum Phoenix" längst vorbei. Inzwischen öffnet die Kneipe nur noch von Donnerstag bis Samstag, 17 Uhr bis Ende offen. Etwas anderes rentiere sich einfach nicht mehr. "Manche kommen hier rein, und wollen tatsächlich einen Mai Tai", sagt Markus kopfschüttelnd. Man habe schon versucht, ein paar Sektgetränke wie "Hugo" anzubieten, aber im Endeffekt sei die Nachfrage trotzdem zu gering. Aber auch der Kellner will den Phoenix See nicht per se verteufeln. "Für junge Menschen ist er eine Bereicherung". Wenn nicht die vielen Tagestouristen kämen, die im Sommer die Straßen verstopften. In dieser Hinsicht kann der 44-Jährige die alt eingesessenen Hörder noch verstehen, die den Blick auf die Hoesch-Fackel vermissen.

Scheiße oder Schick? Charismatisch oder seelenlos? Der Phoenix See ist am Ende wohl ein bisschen von beidem. Es kommt nur darauf an, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet.

Info: Der Phoenix See wurde im Frühjahr 2011 eröffnet. Im selben Jahr begann man damit, das Nordufer zu bebauen. Zwei Jahre später begannen die ersten Bauarbeiten am Südufer. Vorher wurde auf dem Gelände des heutigen Phoenix Sees Stahl produziert. Das Werk wurde im April 2001 stillgelegt.