Unterwegs im Nordmarkt-Viertel: Zwischen Dealern und Brauereigeschichte

Große Letter weisen den Weg zum Nordmarkt.
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Große Letter weisen den Weg zum Nordmarkt.

Dortmund/NRW - Im Norden tut sich etwas. Ein so rosiges Bild wie Stadtspitze und Polizei zeichnen die Anwohner im Nordmarkt-Viertel jedoch nicht. Wir haben uns zwischen Hafen und Borsigplatzviertel umgeschaut – und dabei geschichtsträchtige wie zwielichtige Ecken gefunden.

Im Norden tut sich etwas. Ein so rosiges Bild wie Stadtspitze und Polizei zeichnen die Anwohner im Nordmarkt-Viertel jedoch nicht. Wir haben uns zwischen Hafen und Borsigplatzviertel umgeschaut – und dabei geschichtsträchtige wie zwielichtige Ecken gefunden.

In der südöstlichen Ecke des mit rund 28.000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Quartiers im Norden startet der Rundgang. Streng genommen gehört die Ecke Grüne und Schwützenstraße, in der große Lettern auf Fredenbaum und eben den Nordmarkt hinweisen, noch zum Hafen.

Ein Stück weiter, hinter dem Keuning-Haus nahe des Bahnhofs, gehen Anwohner mit ihren Hunden spazieren. Junge Männer mit Fahrrädern und Handys stehen hier nicht nur abends, auch tagsüber floriert das Geschäft mit Drogen. Die Mallinckrodtstraße, an die der Park im Norden grenzt, gilt als berüchtigter Umschlagplatz.

Anzeichen des Wandels

Entlang der Straße stehen einige Hauseingänge offen, andere Türen sind hingegen vernagelt. In einem Innenhof spielen Kinder Fußball, es riecht nach frischer Wäsche. An der Ecke zur Uhlandstraße, die das Viertel nach Westen hin zum Hafen abgrenzt, wird gebaut. Es sind erste Anzeichen eines hoffentlich erfolgreichen Wandels in der Nordstadt.

Und überhaupt ist die Uhlandstraße überraschend grün. In den Seitenstraßen wie der Haydnstraße prägen hingegen Wettbüros und Cafés das Bild des Quartiers. Überhaupt findet das Leben hauptsächlich auf der Straße statt. Das Viertel ist lebendig. Auf den Straßen hört man unterschiedliche Sprachen. Sowohl solche mit slawischem Zungenschlag, als auch arabische Töne. Spannend.

Hipster und bunte Kleider

So divers wie die Gesellschaft in diesem Teil Dortmunds sind auch die Gebäude. Manche werden renoviert, andere sind bereits auf Vordermann gebracht. An der Münsterstraße ragt plötzlich ein Plattenbau aus dem Boden. Davor fahren hippe Typen mit Rennrädern an bunt gekleideten Müttern vorbei. Schräger geht es kaum. Dennoch wird hier niemand komisch angeschaut. Das Gefühl, jeder würde hier auf seinen Nebenmann achten, stellt sich aber auch nicht wirklich ein.

Ein paar Ecken weiter gibt es einen wahren Schatz der Bierkultur zu entdecken: Das Dortmunder Brauerei-Museum. Auf zwei Etagen sind hier Sammlerstücke aus der Geschichte der Dortmunder Biere ausgestellt. Horst Duffe nimmt mich am Eingang in Empfang. Der Senior hat fast 60 Jahre Brauereigeschichte erlebt. 41 Jahre lang war er DAB-Mann, anschließend machte er für die Brauerei im Ausland Werbung.

Bikini-Mädels und Feuerspucker

Derzeit gibt es noch die Ausstellung "Essen außer Haus". Auf Fotos ist etwa der prunkvolle Kronenbergsaal aus den 1920er-Jahren zu sehen, in denen die hohen Herrschaften speisten und tranken. "Für die damaligen Kosten dieses Saals könnte man heute eine kleine Brauerei bauen", sagt Duffe. Damals rollte der Rubel eben noch richtig.

Heute werde aus Dortmund noch in rund 40 Länder exportiert, weiß der ehrenamtliche Museumsführer. Daran ist er selbst wohl nicht ganz unschuldig: Sieben Monate fuhr er damals mit einem DAB-Werbetruck durch den Osten der USA. Da blieb kein Auge trocken: Bikini-Mädels und Feuerspucker wurden aufgefahren – das volle Programm. Anschließend warb der gebürtige Lütgendortmunder zehn Jahre lang in Europa für das Bier aus seiner Heimat. Dass er bald das 150-jährige Bestehen der Dortmunder Actien-Brauerei erleben darf, mache ihn stolz, sagt er zum Abschied.

Nordmarkt zeigt den Zwiespalt des Viertels

Vom Museum ist es nur ein Katzensprung zum Zentrum des Stadtteils. Der namensgebende Nordmarkt ist ein fast quadratischer, geometrisch angelegter Platz, der zum Verweilen einlädt. Historische Bedeutung erlangte er durch die "Schlacht am Nordmarkt" im Jahr 1932 zwischen SA, Kommunisten, Sozialdemokraten und der Polizei. Während sich heute am einen Ende Eltern und Kinder auf dem Spielplatz tummeln, trinken auf der Gegengerade ältere Männer Bier. Abends treffen sich hier Dealer und Junkies. Dieser Platz, er ist das perfekte Bild für den Zwiespalt dieses Viertels.

"Es ist lebhaft, aber ich fühle mich hier wohl", sagt Tobias (27), der direkt am Nordmarkt wohnt und gerade sein Rad in den Kofferraum lädt. Klar gebe es Probleme, der schlechte Ruf werde dem Stadtteil aber nicht gerecht, findet er. Er lobt die vielen Macher und Projekte in der Nordstadt. Was ihm nicht gefällt ist, wie die Polizei mit der Kriminalität umgeht. Dadurch würde sich etwa das Problem der Drogendealer nur verlagern. Insgesamt würden die Menschen hier, trotz ihrer verschiedenen Interessen, aber gut miteinander auskommen.

"Großes Gelaber"

Die Raucher vor dem Nordmarkt-Kiosk der Diakonie sehen das anders. "Es hapert an den vielen Dealern", sagt eine Besucherin. Ob der Kampf gegen die Dealer keinen Effekt habe? Davon wollen sie nichts wissen. "Großes Gelaber", raunt eine der Frauen. "Mit meiner Tochter würde ich niemals hier hin gehen", sagt eine junge Mutter. Es sei "die schlimmste Ecke".

Eine Straße weiter treffe ich Paiman Gori und ihre Schwester Hoda. Auch sie sind zwiegespalten. "Ich finde es nicht so schlimm, wie alle behaupten", sagt Hoda und zuckt mit den Schultern. Schönreden wolle sie aber auch nichts. Paiman erzählt, dass ihr vor kurzem das Handy gestohlen wurde. Eine üble Erfahrung. Für das Ordnungsamt der Stadt haben beide kaum ein gutes Wort übrig. "Die sind bei sowas untätig, kontrollieren lieber Falschparker", sagt Hoda.

"Die Leute hält hier nichts"

Was könnte man besser machen? "Man muss in die Jugend investieren", sagt Hoda entschlossen, damit die nicht auf der Straße herumlungern. "Das Problem ist: die Leute hält hier nichts", bringt Hoda es auf den Punkt.

Sein schlechter Ruf lastet damit weiter auf den Schultern dieses Viertels. Das ist schade. Denn das "Herz der Nordstadt" hat wirklich schöne Ecken, ist überraschend grün und lebt von seiner Vielfalt. Die Imagepflege der Stadt rollt langsam an, zeigt aber bislang kaum Wirkung. Bei den Bewohnern im Viertel scheint davon noch nicht viel angekommen zu sein. Doch echter Wandel braucht Zeit. Der Anfang scheint gemacht.