Bild: Felix Huesmann/Dortmund24

Der Nabel der Welt ist Kirchhörde nicht unbedingt. Dafür wohnt es sich in dem Stadtteil im tiefen Dortmunder Süden angenehm ruhig und beschaulich. Die Dinge des täglichen Bedarf lassen sich (fast) alle an einer Straße finden und Wald und Wiesen sind nur einen Katzensprung entfernt.

Der Weg von der Dortmunder Innenstadt bis ins südliche Kirchhörde ist gar nicht weit. Vom Hauptbahnhof geht es für mich mit der Regionalbahn Richtung Lüdenscheid. Am Signal-Iduna-Park, dem Tierpark und dem benachbarten Rombergpark vorbei, und schon steige ich am Bahnhof Kirchhörde aus.

Der Kirchhörder Bahnhof. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Der wirkt allerdings eher wie eine kleine Schotterpiste mit Gleis, als wie ein richtiger Bahnhof. Und das in einem Stadtteil, der als besonders wohlhabend gilt? Wahrscheinlich fahren die meisten Kirchhörder sowieso eher mit dem Auto in die Stadt.

Der Bahnhof ist direkt an der Hagener Straße gelegen. Die Straße ist die Pulsader Kirchhördes. An ihr beginne ich meinen Spaziergang in einem für mich bislang unbekannten Teil Dortmunds. Ich folge der Straße bergauf in Richtung des Kirchhörder Zentrums. Mein Weg führt mich vorbei an einem Gartengeräte-Händler, einer Bäckerei, die für ihre veganen und laktosefreien Brötchen wirbt, an Friseuren, einer Blumenbinderin, mehreren Versicherungen, Fleischerei und Reformhaus, an verschiedenen Ärzten.

Die Hagener Straße – mit Blick auf das Westfalenstadion. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Kleinstadt-Feeling

Im Zentrum des Stadtteils, das ein paar Minuten entfernt liegt, gibt es noch weitere Bäcker, einen Supermarkt, ein Ärztezentrum. Mein erster Eindruck: Hier gibt es (fast) alle Dinge des alltäglichen Bedarfs. Nach Großstadt fühlt es sich dabei aber nicht an. Nur die Busse fahren hier häufiger, als in einer ländlichen Kleinstadt.

Das Stadtteil-Zentrum. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Gegenüber des Edeka-Supermarktes liegt das Eiscafé Panciera. Hier mache ich erstmal das, was ich in einem Stadtteil, den ich erkunden will, immer zuerst mache: Ich setze mich draußen an einen Tisch, bestelle einen Kaffee und beobachte die Menschen. Der bestellte Espresso Macchiato ist mit 2,20 Euro nicht gerade günstig, schmeckt aber genau so, wie er schmecken soll. Beim Kaffee verfestigt sich der Eindruck, den ich schon auf dem Weg hatte: Kirchhörde ist kein junger Stadtteil!

Auf dem Bürgersteig vor mir schiebt eine alte Frau ihren Rollator vor sich her, auf der anderen Straßenseite eine etwas weniger alte Frau einen Kinderwagen, in dem vermutlich ihr Enkelkind liegt.

Die Hagener Straße ist die Pulsader Kirchhördes. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Aber was macht Kirchhörde aus, warum zieht es Menschen hier hin? Immerhin gehören die Mietpreise in Kirchhörde zu den teuersten der Stadt. Und zwischen vielen älteren Ein- und Mehrfamilienhäusern stehen hier auch einige Neubauten, denen man direkt ansieht, dass ihre Besitzer einiges an Geld in die Hand genommen haben.

Nur ein Katzensprung bis in den Wald

Ich frage Herrn Panciera, den Inhaber des Eiscafés, was es in Kirchhörde schönes oder besonderes gibt. „Gute Frage“, antwortet er und grübelt erst einmal. So richtig will ihm nichts einfallen. „Ich wohne auch selber nicht hier“, sagt er. Die Hagener Straße, die sei wichtig, meint er. Dann wendet er sich an ein älteres Paar, das in der Ecke des Cafés sitzt – Stammkunden, Kirchhörder. „Was meinen Sie?“

„Nach Kirchhörde zieht man vor allem, weil man nah am Wald wohnen will“, sagt die Frau. Außerhalb des Stadtteils gebe es Reitwege, außerdem sei die Bittermark nicht weit. „Und dort ist es wirklich schön!“

Wohnen im Grünen in Kirchhörde. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Ich muss ihr zustimmen, die Bittermark ist wirklich eine Perle Dortmunds. Da die streng genommen aber außerhalb Kirchhördes liegt und sogar ein eigener Unterbezirk ist, entscheide ich mich heute gegen einen Spaziergang bis in die Bittermark. Stattdessen biege ich einfach von der Hagener Straße ab und spaziere eine kleine Seitenstraße entlang. Hier stehen fast nur noch Einfamilienhäuser, mit jedem Schritt wird es ein wenig ruhiger. Am Ende der Straße führt nur ein kleiner Fußweg weiter. Autolärm höre ich hier nur noch als leises Hintergrundrauschen. In den Vordergrund tritt das Zwitschern der Vögel.

An die Wohnsiedlung grenzt ein kleines Waldstück an, das zum spazieren einlädt. Mitten hindurch fließt und plätschert der Kirchhörder Bach, der ein paar Kilometer weiter in die Emscher mündet.

Der Getränke Drive In

Nach diesem kleinen Ausflug in die Natur mache ich mich langsam auf den Rückweg. Erneut bergauf in Richtung Hagener Straße. Kurz vor dem Kirchhörder Bahnhof mache ich nochmal Halt. „Getränke Drive In“ steht dort an einer kleinen ehemaligen Tankstelle. Ist das etwa der MC Donald’s unter den Getränkemärkten?

Wolfgang Schnoor betreibt den „Drive In“ schon seit 13 Jahren. „Vorher hatten wir direkt auf der anderen Straßenseite 30 Jahre lang eine Trinkhalle.“ Mittlerweile hätten aber fast alle Trinkhallen und Buden im Stadtteil zugemacht. Sein Geschäft brummt jedoch. Das Konzept: „Die Leute fahren hier vor und wir räumen denen die Getränke direkt ins Auto.“ Anderen Kunden liefert er die Getränke sogar direkt nach Hause, Firmen wie Privatkunden. Schnoors Getränkeangebot kann sich sehen lassen: Mehrere Dutzend Sorten Bier und Wasser, verschiedene Limonaden und Softdrinks. „Ich habe sogar lebendiges Wasser. Da sind keine Schadstoffe drin“, sagt Schnoor und zeigt auf eine Palette voller Wasserkisten. Auf der Nachbarpalette steht sogar noch außergewöhnliches Wasser: „Das wir nur bei Vollmond abgefüllt.“ Da muss man dann schon fest dran glauben, um einen Unterschied festzustellen, denke ich mir. „Das ist wissenschaftlich bewiesen“, sagt Wolfgang Schnoor.

Nach einer kleinen Führung durch sein Lager, muss Schnoor einen Kunden bedienen. Der fährt in einer schwarzen Mercedes-Limousine vor der kleinen Bude vor. Schnoor holt ihm zwei Zeitungen, reicht sie durchs Fenster und kassiert. Das ist mal Service!

„Ich kann mit meinen Preisen natürlich nicht mit den großen Supermärkten mithalten“, erklärt Schnoor. Seine Kunden würden für den Service aber gerne etwas mehr bezahlen. „Das würde aber in fast keinem anderen Dortmunder Stadtteil funktionieren“, ist er sicher. Denn in Kirchhörde, sagt auch Schnoor, wohnen doch eher die gut betuchten der Stadt.

Kirchhörde im Schnelldurchlauf