Tuning-Szene in NRW

Unterwegs mit einem Autotuner in Dortmund: "Ich fühle mich kriminalisiert"

Mit dem getunten Wagen durch den Tunnel an der B236. Foto: Florian Forth/RUHR24
+
Mit dem getunten Wagen durch den Tunnel an der B236.

Die Tuning-Szene in Dortmund ist groß. Der Druck durch die Polizei auch. Wir waren mit einem Auto-Tuner in der Stadt unterwegs.

Dortmund/NRW – Es ist nicht gerade das größte Hobby der Auto-Tuner, mit der Presse zu reden. Aber mittlerweile ist der Ärger größer als die Verschlossenheit. Wo drückt also der Schuh?

Das Problem sei, dass überall Raser und Auto-Tuner in einen Topf geworfen würden, sagt Robert P. aus Dortmund. In den Medien. Von der Polizei. "Die Polizei möchte die Raser loswerden, bekämpft aber tatsächlich fast nur die Tuning-Szene", sagt er. Das liegt auch daran, dass Uneinsichtige immer wieder andere gefährden. So wie dieser Raser, der Polizisten noch Geld bot, um weiterfahren zu können.

Tuner sind keine Raser - aber weiß das auch die Polizei?

Robert ist 23 Jahre alt, ein ruhiger Typ mit etwas längeren Haaren. Eigentlich heißt er anders. Aus Angst vor noch mehr Kontrollen, möchte er seinen Namen nicht in der Presse lesen. Seit viereinhalb Jahren tüftelt er bereits an Autos herum. Seitdem wurde er 20 Mal von der Polizei kontrolliert.

+++ Ärger für JP Kraemer: Darum beschweren sich Anwohner in Selm über den Tuning-Star +++

Sein knallroter Wagen steht im Hof. 234 PS, tiefergelegt, große Felgen, Heckschürze mit Diffusor. Die Schrauberei an dem Wagen hat seinen Kaufpreis mittlerweile verdoppelt, schätzt Robert. Individualisierung sei alles. "So ein Tuning-Auto ist nie fertig", sagt er.

Wer das verstehen will, muss einsteigen. Also rein in die Sport-Ledersitze und rauf auf den Asphalt. Es gehe nicht ums Rasen: "Wir fahren eher, um zu gucken", sagt Robert, als wir gemächlich über die B236 in Dortmund rollen. Und fast wie bestellt schiebt sich auf der linken Spur JP Kraemer, Dortmunds Tuning-König, an uns vorbei.

Der Wagen: Rot, 234 PS, tiefergelegt

Im Tunnel dann Fenster runter, sonst hört man den Auspuff nicht. Robert drückt ein paar Knöpfe, dann aufs Gas. Der Motor dreht hoch, klingt schon irgendwie mächtig. Auch er wurde schon zu Rennen aufgefordert. Aber Robert winkt ab: "Ich denke mir dann: Ich fahre doch grade zum Einkaufen."

Angehalten werden wir zwar nicht. Solche "Juxfahrten", wie Robert sagt, macht er trotzdem kaum noch. Schon gar nicht auf dem Wall. "Das macht einfach keinen Spaß mehr", sagt er. Wegen der ständigen Kontrollen. Dabei würde man gerade dort im Sommer die meisten Exoten sehen: Lamborghini Huracan, Porsche 911 GT3 RS.

Kein Spaß mehr an "Juxfahrten"

Auch der Treffpunkt Phoenix-West ist für die Tuner mittlerweile tabu. Also theoretisch. Eine schrumpfende Szene trifft sich dort weiter, kontrolliert wird noch immer. "Wir sind echt traurig, dass wir da nicht mehr hindürfen", sagt Robert. Von den Driftern und Motorradfahrern, die es in dem Industriegebiet übertrieben haben, distanziert er sich. Den Ärger der Anwohner könne er verstehen.

Raser auf dem Wall in Dortmund.

Mitunter habe Robert auch für rechtmäßig eingetragene Autoteile - wie seine neuen Felgen - ein Ordnungsgeld zahlen müssen. Die Polizisten würden da manchmal "selber nicht durchsteigen", sagt Robert. Das erwarte er aber auch gar nicht. Ihm gehe es vielmehr um einen vernünftigen Umgang. Darum, Vorurteile abzubauen. Bei der Polizei und den Anwohnern.

+++ Schwerer Unfall nach illegalem Autorennen: 19-Jähriger rast in Supermarkt +++

"Wer Alkohol trinkt, wird ausgegrenzt"

Dennoch sagt Robert: "Ich fühle mich kriminalisiert." Straßenrennen fahre er nicht, "dafür gibt es Rennstrecken". Wer in der Szene Alkohol und Drogen nimmt, werde ausgegrenzt.

Tuner, die auf dem Wall rasen, kassieren schnell abfällige Sprüche. Schwarze Schafe gebe es - wie überall - auch bei ihnen, sagt Robert. "Wo die Grenze ist, muss jeder selbst entscheiden." Dennoch: Die Abgrenzung zu den Rasern fällt den Tunern, zumindest nach außen, nicht leicht.

"Es gibt einen Unterschied zwischen 'ich fahre schnell' und 'ich schraube gerne'. Raser sind für ihn junge Fahrer mit viel PS. Tuner die älteren mit Sachverstand. "Wir sind einfach Leute mit einem Hobby", sagt Robert. Dabei gehe es nicht ums Protzen, sondern um die Technik. Es werde viel gefachsimpelt.

Raser und Tuner: Für die Polizei nicht dasselbe

Interessanterweise unterscheidet auch die Polizei zwischen Rasern und Tunern. Schwierigkeiten bereitet bloß die Schnittmenge aus beiden. Denn Raser machen mit teuren, schnellen Autos auf dicke Hose - ziemlich gefährlich für andere.

Bei Treffen der Tuner - wie etwa am "Car-Freitag" - seien es eher die "Nebenerscheinungen" wie Müll, Lärm, unsichere Umbauten und eben auch Rasereien einzelner, die die Polizei auf den Plan rufen. Die Kontrollen seien für die Beamten dann wegen der konträren Standpunkte "nicht immer angenehm".

Auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks Phoenix West in Dortmund trafen sich lange die Tuner. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24

"Für uns ist nicht offensichtlich, welches der aufgehübschten Autos auch für Rennen genutzt wird", sagt Cornelia Weigandt, Pressesprecherin der Dortmunder Polizei. Ob jemand damit rase, werde auf der Straße kontrolliert. "Bei getunten Autos geht es uns um die Verkehrssicherheit", sagt sie.

Das Gesamtpaket der Polizei richte sich klar gegen Raser. Problemklientel: Bis 25 Jahre. Die Erfahrung der Beamten zeigt aber auch: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein getuntes Auto auch PS-stärker ist, ist relativ hoch. Deshalb auch die gemeinsamen Kontrollen.

PS-Begrenzung für Fahranfänger?

Ziel der Polizei ist es, die Raser aus der Stadt zu vertreiben. Robert hat dazu eine weitere Idee: "Die Raserproblematik bekommt man nur mit einer PS-Begrenzung in den Griff." Bei Motorrädern gibt es eine ähnliche Regelung bereits. Damit dürften Fahranfänger keine PS-starken Boliden mehr fahren. Bis es so weit ist, wird die Polizei auch weiterhin die Tuner kontrollieren.

Irgendwie skurril, dass Robert gerade beim Umbau seines Autos, dem Inbegriff von Freiheit, über Repressionen klagt. Hat er nach dem ganzen Ärger mal darüber nachgedacht, den Schraubenschlüssel an den Nagel zu hängen? "Ich verstehe die Frage nicht", sagt Robert - und grinst.

Ein anderer Autotuner sorgte zuletzt für Aufsehen. Im Dezember 2019 ging die Nachricht um, dass der Burger-Laden von Autotuner JP Kraemer in Dortmund Probleme habe. Sogar von einer Schließung sei die Rede gewesen. Doch der Autotuner klärte das Missverständnis in einer Story bei Instagram auf.