Vom Stahlwerk zum Phoenix See: Unterwegs in Hörde

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Dortmund/NRW - Vom eigenen Landkreis zum Dortmunder Malocher-Viertel zum Schickimicki-Hotspot am Phoenix See: Hörde hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich.

Vom eigenen Landkreis zum Dortmunder Malocher-Viertel zum Schickimicki-Hotspot am Phoenix See: Hörde hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. Wir haben uns vor Ort umgesehen.

Meine kleine Reise beginnt in der Dortmunder Innenstadt. Raus aus der Redaktion, rein in die U-Bahn. Über Stadtgarten, Märkische Straße und Karl-Liebknecht-Straße bringt mich die U41 bis nach Hörde. "Nächster Halt: Hörde Bahnhof. Umstieg zu den Buslinien und den Zügen des Regionalverkehrs", sagt die mechanische Stimme in der U-Bahn.

Ich verlasse den Waggon und nehme den Ausgang "Schlanke Mathilde". Als ich die Rolltreppe hochkomme, stellt sich direkt ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Während es einige Minuten zuvor in der City noch grau und bewölkt war, scheint mir die Sonne jetzt ins Gesicht. Hörde, wir werden einen schönen Nachmittag miteinander haben!

Direkt vor dem Ausgang der U-Bahnstation ragt ein schmales graues Haus in die Höhe. Ein stilvoller und gepflegter Altbau, der mit seinen runden Erkern beinahe etwas von einem kleinen verträumten Schloss hat. Im Erdgeschoss ist eine Bäckerei, davor sitzen Menschen und trinken Kaffee.

Einige Meter weiter, auf der anderen Seite der U-Bahn-Treppe sitzen ein paar ältere Herrschaften vor einer Kneipe und genießen ihr frisch gezapftes Pils. Es ist erst halb drei, aber "kein Bier vor vier" ist eine Regel, die im Rentenalter auch mal gebrochen werden kann - zumal in einem alten Malocher-Stadtteil wie Hörde. Hörde und Dortmund: Zwei Nachbarstädte In der langen Hörder Geschichte ist die Zeit als Stadtteil Dortmunds bislang nur ein kurzer Abschnitt. Im Jahr 1198 wird Hörde das erste mal in einer Urkunde erwähnt, im 12. Jahrhundert wird auch bereits die Hörder Burg gebaut, die noch heute ein Prachtstück direkt am Phoenix See ist. 1340 wurden dem bisherigen Dorf Hörde die Stadtrechte verliehen. Von 1911 bis 1928 war Hörde dann sogar ein eigener Landkreis. Erst zum 1. April 1928 wurde es ein Teil der Stadt Dortmund.

Zu dem Zeitpunkt ist auch Hörde längst kein beschauliches kleines Örtchen mehr, sondern voll und ganz von der Schwerindustrie geprägt. Die alte Hörder Burg diente nun keinem Grafen mehr als Amtssitz, sondern beherbergte die Verwaltung des örtlichen Stahlwerks.

Kleine Einkaufsstraßen und frisch gerösteter Kaffee Von der "Schlanken Mathilde" aus laufe ich die Hermannstraße entlang, die Hörder Einkaufsstraße. An diesem noch frühen Donnerstagnachmittag ist es hier ruhig, die Nebenstraßen wirken geradezu verschlafen. Die Einkaufsstraße ist ein klassisches Stadtteilzentrum, die meisten Dinge des täglichen Bedarfs gibt es hier zu kaufen, nur für den großen Shopping-Trip ist eine "Reise" in die Dortmunder City notwendig. Seit März 2017 hat Hörde sogar einen eigenen "Media Markt".

Selbst gerösteter Kaffee In der Hörder Rathausstraße, die von der Hermannstraße abgeht, setze ich mich erstmal vor das "Café Röstwerk". Hier wird der Kaffee nicht nur frisch gebrüht, sondern auch selbst geröstet. Dazu gibt es frisch gebackenen Kuchen und Schokoladenspezialitäten. Ich setze mich draußen vor dem Café in die Sonne, auf der anderen Seite der kleinen Straße sind ein Kiosk, vor dem Kinder mit einem Plastikmotorrad spielen, ein Nagelsalon und einige Meter weiter das alteingesessene "Gasthaus Wüstefeld", mit über hundertjähriger Geschichte, Biergarten und eigener Biersorte. Nach wenigen Minuten kommt dann mein bestellter Cappuccino - liebevoll verziert mit einem Herzen aus Milchschaum.

Nach dieser kleinen Stärkung spaziere ich weiter. Mein Weg führt mich an einem Denkmal für den alten Sozialdemokraten Friedrich Ebert vorbei, das nur wenige Meter von dem Mahnmal entfernt steht, dass an die ehemalige Hörder Synagoge erinnert. Ende der 1890er Jahre erbaut, wurde das jüdische Gotteshaus 1938 während der Reichspogromnacht von den Nazis niedergebrannt. Alles von Phönix abhängig Zwischen den beiden Denkmälern sitzt Hannelore auf einer Bank. Vor ihr steht ein Rollator und neben ihr sitzt ein kleiner Hund mit weißen Wuschel-Locken auf dem Boden. Auf den passt sie gerade auf, sein Herrchen ist unterwegs. Hannelore ist schon über 80, ihr ganzes Leben hat sie in Hörde verbracht. Sie ist ein richtiges Urgestein des Stadtteils. Und weder über den Stadtteil, als über seine Bewohner verliert sie ein schlechtes Wort.

"Hier waren immer alle freundlich zu mir. Mir hat nie einer was getan", erzählt sie mir. Ob sich Hörde in ihren Augen großartig verändert hat? "Ach kann ich gar nicht sagen", meint sie erst. Dann ergänzt sie: "Klar, früher war hier alles von Phoenix abhängig." Damit meint sie den Schwerindustrie-Konzern. Heute erinnern vor allem die Industriedenkmäler in Phoenix West an diese Zeit. Die Tage der Stahlwerke sind jedoch lange vorbei. Heute ist es viel mehr der Phoenix See, der Hörde ein neues Image verpasst hat.

Vom Malocher-Viertel zur BVB-Star-Nachbarschaft Aus dem Hörder Stadtzentrum sind es nur wenige Fußminuten runter zum Phoenix See, der künstlich angelegt und 2010 mit Wasser geflutet wurde. Das ehemals verseuchte Industriegebiet ist heute eine von Dortmunds schicksten und teuersten Adressen. Arbeiter und einfache Angestellte können sich die Häuser direkt am See nicht leisten. BVB-Spieler Marco Reus lebte hier eine Zeit lang in einem Penthouse, Torwart Roman Bürki wohnt hier noch heute.

Schon auf dem Weg zum See wird deutlich, wie neu hier alles ist - und wie unfertig. An vielen Ecken wird noch gebaut, am Hafen des Phoenix Sees mischen sich die Geräusche spielender Kinder mit dem Lärm der Bagger. Das, was hier bereits fertig ist, ist schick, modern und in hellen Farben gehalten. Im Hafen liegen kleine Segelboote, rund herum reiht sich eine Vielzahl an Cafés, Restaurants und Bars aneinander.

Mehrwert durch den See Hier treffe ich Ulrich Hoffmann. Der 65-Jährige beobachtet gerade eine Entenfamilie und genießt den Sonnenschein. Vor allem aber genießt er die freie Zeit. "Ich bin erst seit zwei Wochen Rentner", sagt er zufrieden lächelnd. Ulrich Hoffmann wohnt seit zehn Jahren in der Nähe des Sees, nur ein paar Minuten entfernt. "Ich habe mir ein Haus gekauft, noch bevor der Phoenix See fertig wurde", erzählt er. Eine Entscheidung, die er nicht bereut: "Heute ist das Haus 50 bis 60 Tausend Euro mehr wert."

Die Entwicklung, die Hörde mit dem Phoenix See durchlaufen hat, findet Hoffmann gut. Jetzt sei es hier definitiv schöner, als damals, als die Industrie das Bild des Stadtteils noch beherrscht hat. "Aber so richtig passt das optisch natürlich trotzdem nicht nach Dortmund", sagt er. "Dortmund war immer eine Arbeiterstadt. Das würde eigentlich besser nach Düsseldorf oder Münster passen." Spazieren geht der frisch gebackene Rentner am Phoenix See trotzdem gerne - zumindest unter der Woche. "Am Wochenende", sagt er, "ist es hier viel zu voll."

Verschiedene Geschmäcker Ich mache mich unterdessen auf den Weg zurück zur U-Bahn. Was ich in Hörde sehe, gefällt mir. Der Stadtteil hat für die verschiedensten Geschmäcker etwas zu bieten. Ein gemütliches Stadtteilzentrum, den schicken und modernen Phoenix See und für die Nostalgiker Phoenix West mit seinen Industriedenkmälern. Auch für Naturliebhaber ist der Weg zum Rombergpark von dort nicht mehr weit.

Nur eine Frage treibt mich auf meiner Rückfahrt in die City um. Wie lange wird es dauern, bis von dem alten Hörde kaum noch was zu spüren ist? Wird die teure Modernisierung im Phoenix See-Stil auch auf den Rest des Stadtteils übergreifen? Ich beruhige mich mit dem Gedanken: Zumindest wird das wohl noch eine ganze Weile dauern.