Bild: WortLautRuhr

In den vergangenen zehn Jahren hat sich in NRW eine der aktivsten Poetry-Slam-Szenen Deutschlands herausgebildet. Auch in Dortmund ist der Hype um die Dichtkunst groß. Am Wochenende finden die NRW-Meisterschaften statt. Mit dabei sind zwei Dortmunder.

Das Finale des NRW-Slams im Bochumer Schauspielhaus ist ausverkauft. Rund 800 Zuschauer werden am Samstagabend erwartet. Wenn einer der größten Dichterwettstreite Deutschlands nach drei Tagen und vier Vorrunden seinen Höhepunkt erreicht, herrscht Saal-Atmosphäre statt Kellerkneipenflair.

Mit dabei ist auch eine Dortmunderin: die junge, aber extrem wortgewandte Fatima Talalini. Sie ist nur eine von vielen Dortmundern, die gerade dabei sind, Poetry Slam in der Westfalenmetropole zu etablieren.

Die 21-Jährige belegte 2013 den ersten Platz des Karl-Michael-Vogler Preis. Sie vertrat 2014 den Ruhrpokal bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften im Bereich U20 in Berlin. 2015 war Talalini NRW-U20-Vize-Meisterin. Und im selben Jahr nahm sie außerdem an den NRW-Meisterschaften 2015 in Münster teil. Hier ist eine kleine Kostprobe:

Sebastian Rabsahl ist Mitveranstalter und Moderator des Abends in Bochum, bei dem Talalini auftrumpfen will. Er hat selbst als Slam-Poet mitgeholfen, die heutige Szene im Ruhrgebiet zu etablieren. „Als ich 2004 von Freiburg hierherzog, gab es noch keine größeren Veranstaltungen“, sagt Rabsahl. Schnell machte er sich als „Sebastian 23“ einen Namen und startete seine erste Veranstaltungsreihe in Bochum.

Regelmäßige Veranstaltungen auch in Dortmund

Mittlerweile richtet Rabsahl mit seiner Veranstaltungsagentur „WortLautRuhr“ bis zu 150 Slam-Events im Jahr aus. Dazu gehören regelmäßige Veranstaltungsreihen in Dortmund (unter anderem im FZW oder im Domicil) und Bochum. Bis zu 800 Zuschauer kommen zu diesen Veranstaltungen. Aber es gibt auch kleinere Formate mit wenigen Hundert Besuchern. „NRW ist mittlerweile eine große Sache für den Poetry-Slam in Deutschland“, sagt Rabsahl. Die hohe Veranstaltungsdichte mache es auch zunehmend attraktiv für Slam-Poeten hierher zu ziehen. Das war nicht immer so.

Der Literat und Mitveranstalter des Dichterwettstreits Poetry-Slam, Sebastian 23, bürgerlich Sebastian Rabsahl, schaut am 13.10.2016 in Bochum (Nordrhein-Westfalen) zum Fotografen. Der Poetry-Slam ermittelt am Samstag im Bochumer Schauspielhaus den Landesmeister. Foto: Roland Weihrauch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Sebastian Rabsahl alias Sebastian 23 hat die Poetry-Slam-Szene im Ruhrgebiet nach vorne gebracht. Foto: dpa

Einer, der die Ursprünge des Poetry-Slams in Deutschland entscheidend geprägt hat, ist der Bremer Bastian „Bas“ Böttcher. Inspiriert durch englischsprachige Performance-Poeten wie den Briten Lemn Sissay und den US-amerikanischen Punker und Spoken-Words-Künstler Jello Biafra hatte Böttcher seinen ersten Auftritt 1993 im Hamburger Mojo-Club. „Ich hatte Musiktexte geschrieben, konnte aber kein Instrument spielen“, erklärt er heute seine Motivation. Über lokale Zentren in Hamburg, Berlin und München verbreitete sich der Trend danach schnell in ganz Deutschland.

„Poetry Slam ist in Deutschland entschärfter“

Dabei entwickelte die deutsche Poetry-Slam-Szene, die als zweitgrößte der Welt gilt, bald ihren eigenen Charakter. «Die Szene in Deutschland ist allgemein etwas entschärfter», meint Böttcher. Politische Komponenten und Gegenöffentlichkeiten spielten eine kleinere Rolle als in den USA, wo Themen wie «Black History» und sexuelle Gewalt von Anfang an Thema gewesen seien.

Der Literat Jason Bartsch trägt am 13.10.2016 in Bochum (Nordrhein-Westfalen) beim Poetry-Slam eine seiner Geschichten vor. Der Poetry-Slam ermittelt am Samstag im Bochumer Schauspielhaus den Landesmeister. Foto: Roland Weihrauch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Jason Bartsch ist der aktuelle NRW-Poetry-Slam-Meister. Foto: dpa

Den späteren Popularitätsschub des Poetry-Slams in Deutschland sieht Böttcher auch durch die sozialen Medien begründet. „In diesem Moment konnte man auch medial selbst Sender sein und mit seinen Auftritten virale Hits landen“, sagte Böttcher. Beispielhaft für diese Entwicklung stehen die fast zehn Millionen YouTube-Aufrufe, die die Bremer Psychologie-Studentin Julia Engelmann bis heute mit dem Videomitschnitt eines drei Jahre alten Auftrittes in Bielefeld erzielen konnte.

Nicht alle aber glauben, dass die anhaltende Aufmerksamkeit der Szene guttut. „Spätestens seit Julia Engelmann ist alles sehr, sehr bekannt“, meint Petra Anders von der Freien Universität Berlin. Poetry-Slam gehöre immer mehr zum breiten Unterhaltungsformat und die Veranstaltungen ähnelten oft einem „Fernsehabend“. Ein wenig gehe dadurch der spontane Charakter und der direkte Publikumskontakt der Anfangszeit verloren. „Poetry Slams erreichen vermehrt die Mittelschicht“, glaubt auch Martina Pfeiler von der Ruhr-Universität Bochum. Teilweise könne man sogar von einem „urbanen Hipster-Phänomen“ sprechen. „Slam-Gedichte passen gut zu veganem Essen, Café Latte und natürlich nach wie vor zu Bier“, sagt Pfeiler.

Dem kann Rabsahl nur bedingt zustimmen: „Es kann schon sein, dass manche Leute jetzt eher für den Erfolg anfangen. Vielleicht schreiben einige auch mit Blick auf ein möglichst großes Publikum.“ Andererseits würde vor allem im Ruhrgebiet nach wie vor viel Nachwuchsarbeit geleistet. Rabsahl ist sich sicher: „Auch wenn Einzelne jetzt durchstarten – die breite Basis ist immer noch da.“