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Nach 2017 ist in Dortmund auch in 2018 die Zahl der Sexualdelikte deutlich angestiegen. Den Grund dafür sieht die Polizei in der Einführung eines neuen Paragrafen.

789 Sexualdelikte hat es 2018 in Dortmund gegeben. Das sind 159 Fälle mehr als noch 2017. In jenem Jahr waren es 630 Sexualdelikte.

Die Polizei erklärt sich den deutlichen Anstieg der Zahlen unter anderem mit der Einführung des Paragrafen 184i StGB.

Der Paragraf trat am 10. November 2016 im Rahmen des neuen „Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung“ in Kraft. Er stellt sexuelle Belästigung unter Strafe und wird auch als „Grapscher-Paragraf“ bezeichnet. Hintergrund sind die Vorfälle der Kölner Silvesternacht 2015/2016.

Sexualdelikte wurden ursprünglich anders bewertet

Der neue Paragraf sollte nach seiner Einführung vor allem Lücken schließen, die daraus resultierten, dass das Berühren über der Kleidung bislang von der Rechtsprechung in der Regel nicht als Sexualdelikt bewertet wurde.

So heißt es im ersten Absatz des Paragrafen 184i StGB:

Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.“

Für das oben beschriebene Szenario muss laut Bundeszentrale für politische Bildung der Täter mit seinem eigenen Körper den Körper des Opfers sexuell motiviert berühren. Das sei dann der Fall, wenn der Täter intime Handlungen vornehme, wie das Opfer an den Geschlechtsorganen zu berühren, auf den Mund oder den Hals zu küssen.

Dieser Paragraf hat jetzt auch in einem Fall in München gegriffen. Hier hat eine Frau einen schlafenden Mann geküsst, jetzt sitzt sie hinter Gittern.

Es gibt Kritik an neuem Paragrafen

Ganz unumstritten ist der Paragraf in der Juristenszene aber nicht. Erfasst würden durch das Gesetz auch sozialübliche aber erfolglose körperliche Annäherungen und der anschließenden Feststellung, dass das Interesse nur einseitig bestehe.

Delikte wie die oben beschrieben galten vor Einführung des neuen Paragrafen nur als Beleidigung und flossen nicht in die Zahl der Sexualdelikte ein. Die Kriminalstatistiken sind also vor dem Hintergrund der Paragrafeinführung zu interpretieren.

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Zudem ermutigten die Vorfälle der Kölner Silvesternacht und die #MeToo-Debatte auf Twitter Frauen, Vorfälle wie im Paragrafen beschrieben, öfter zu melden.

Das wiederum wirkte sich in den vergangenen Jahren auf die Kriminalitätsstatistiken im Bereich der Sexualdelikte der Polizei aus, wie folgende Grafik für die Stadt Dortmund zeigt:

Circa die Hälfte der 159 Fälle, die es im Vergleich zu 2017 im Jahr 2018 zusätzlich gab, lassen sich der sexuellen Belästigung, wie im Paragrafen 184 i StGB beschrieben, zuordnen.

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Gleichzeitig steigen auch die Zahlen im Bereich des sexuellen Missbrauchs. Die meisten dieser Fälle, so heißt es von der Polizei, seien exhibitionistische Handlungen.

Schwere Straftaten rückläufig

Im Bereich der schweren Straftaten im Bereich der Sexualdelikte sind die Zahlen dagegen weiterhin rückläufig. Hier geht es um Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und sexuelle Übergriffe unter Vollziehung des Beischlafs oder ähnlicher sexueller Handlungen. 2018 waren es im gesamten Beritt des Präsidiums Dortmund – also in Dortmund und Lünen – 123 Fälle, 2017 zählten die Kriminalbeamten 132 Fälle.

Polizeipräsident Gregor Lange. Foto:  Daniele Giustolisi/RUHR24
Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24

Polizeipräsident Gregor Lange resümiert deshalb: „Der eine Blick auf das Thema Sexualstraftaten ist nicht möglich, man muss differenzieren.“ Gleichzeitig finde es Lange gut, wenn sich Frauen verstärkt der Polizei anvertrauten und sich immer stärker und abwehrbereiter zeigten.

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer solchen Straftat zu werden ist laut Polizei am größten unter Menschen, die sich bereits kennen – etwa aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Walter Kemper, Leiter der Dortmunder Direktion Kriminalität, meint dazu: „Jeder Einzelfall ist dramatisch, aber das Bild, dass ich mich in Dortmund nicht mehr auf die Straße trauen darf, ist nicht richtig.“