Kommentar

Fünf Schüsse auf Dortmunder (16) mit Messer: Musste das wirklich sein?

Die Polizei erschießt in Dortmund einen 16-jährigen Bewaffneten. Die Eskalation ist nur schwer nachzuvollziehen, meint RUHR24-Redakteur Daniele Giustolisi. Ein Kommentar.

Dortmund – Es fielen sechs Schüsse, fünf davon trafen den Körper des 16-Jährigen. Zwei in die Schulter, die übrigen in den Unterarm, in den Kiefer und in den Bauch. Viele in Dortmund fragen sich nun: Musste die Polizei den Einsatz am Montagabend (8. August) dermaßen eskalieren lassen, dass am Ende ein 16-Jähriger förmlich durchlöchert wurde und daran starb?

Vorfall am Montag (8. August)
TatortHolsteiner Straße, Dortmund
StadtbezirkNordstadt

16-Jähriger in Dortmund durch Polizei erschossen und getötet – musste das sein?

Klar: Die Polizei muss sich wehren, wenn sie angegriffen wird. Und so wie es die Beamten der Polizei Dortmund schildern, seien sie an jenem verhängnisvollen Nachmittag von einem 16-Jährigen mit einem Messer attackiert worden. Erst dann sollen die Schüsse des 29-jährigen Polizisten gefallen sein – aus einer Maschinenpistole vom Typ MP5.

Unweigerlich fragt man sich: Was muss vorher schiefgelaufen sein in jenem Polizeieinsatz, dass weder Pfefferspray noch ein Taser, noch laut Staatsanwaltschaft Dortmund elf eingesetzte Polizisten einen psychisch kranken 16-Jährigen – wenn auch mit Messer bewaffnet – nicht unter Kontrolle bringen konnten?

Polizei Dortmund mit 16-Jährigen in Extremsituation – aber wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Natürlich ist es eine Extremsituation, wenn ein junger Polizist mit einem Messer attackiert wird. Natürlich muss er sich wehren, im schlimmsten Fall mit einer Schusswaffe, wenn es gar nicht anders geht. Andernfalls würde der Polizist sein eigenes Leben riskieren. Doch die Polizei muss sich die Frage gefallen lassen, wie es überhaupt so weit kommen kann?

Polizeibeamte sichern einen Einsatzort in der Holsteiner Straße. Ein 16-Jähriger ist durch einen oder mehrere Schüsse von Polizisten tödlich verletzt worden.

Und dann bleibt bei aller Hektik in dem Einsatz die Frage, warum der Polizist fünf Patronen in drei verschiedene Körperregionen – unter anderem ins Gesicht – des 16-Jährigen jagen musste. Hätte es nicht gereicht, den Jungen mit einem Schuss ins Bein oder in eine andere nicht lebensgefährliche Stelle zunächst außer Gefecht zu setzen und, wie es so schön heißt, „angriffsunfähig“ zu machen?

16-Jähriger erschossen: Polizei Dortmund sollte Schießtrainings und Einsatz junger Beamter überprüfen

Jetzt werden Zweifel laut: Taugen die regelmäßigen Schießtrainings der Polizei überhaupt etwas? Müssen Polizisten noch besser auf solche Stresssituationen vorbereitet werden? Sollte man junge Beamte zu dieser Art von Einsätzen schicken? Der Polizist war immerhin erst 29 und allein aufgrund seines Alters sicher nicht der Erfahrenste.

Mit einer Maschinenpistole vom Typ MP5 wurde in Dortmund ein 16-Jähriger von der Polizei erschossen. Er hatte einen Beamten mit einem Messer angegriffen. (Symbolfoto)

Fragen über Fragen, die einen 16-jährigen, psychisch kranken Dortmunder nicht mehr zurück auf diese Welt holen werden – und die schnellstens, möglichst unabhängig von der Polizei geklärt werden müssen. Hinweis: Dieser Kommentar entspricht der Ansicht der Autoren und muss nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wiedergeben.

Rubriklistenbild: © Hans Blossey/Imago, Markus Wüllner/News4Videoline; Collage: RUHR24

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