Der Bundestags-Wahlkampf geht in die heiße Phase. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besuchte am Mittwoch (6. September) die AWO-Kindertagesstätte an der Burgholzstraße in der Nordstadt. Umringt von Kindern wollte er zeigen, dass er nah an den Leuten ist. Der Termin war wie für sein Wahlprogramm gemacht. 

Schulz im Kreis singender Kinder, Schulz mit spielenden Kindern, Schulz, der Kindern beim Gemüseschnibbeln zusieht. Die Message wurde klar: Der Kanzlerkandidat wollte zeigen, dass ihm die Themen Kindererziehung und Bildung am Herzen liegen. Aber der Besuch in der Kita war nicht nur ein Schulz-Kinder-Fototermin. Am Ende sprach der Kanzlerkandidat auch mit den Verantwortlichen der AWO und der Kita über die Probleme, mit denen die AWO, die Kita und die Erzieher zu kämpfen haben. Mit dabei waren auch die Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordneten Sabine Poschmann und Marco Bülow. Der Besuch in der Fotostrecke:

 

Eine Kita, 25 Nationen

Die AWO-Kindertagesstätte in der Nordstadt ist nicht irgendeine Kita. Die Kinder stammen aus insgesamt 25 Nationen, viele sprechen kein oder wenig Deutsch. „Manche kennen auch keinen Zoo und kein Theater“, sagte Gerda Kieninger, Vorsitzende der AWO Dortmund. Die Kita unterstützt nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern, die teilweise ebenso kein Deutsch beherrschen. So wurde die Kita 2015 zum Familienzentrum. Petra Bock von der AWO erklärte unserer Redaktion, dass man deswegen die Kita in der Nordstadt für den Besuch von Martin Schulz ausgewählt habe.

Schulz grunzte

Nachdem die AWO- und Kita-Mitarbeiter kurz die Kita vorgestellt hatten, begann der Rundgang durch die Kita. Als Erstes sangen einige Kinder ein Begrüßungslied für Schulz. Er stand in ihrem Halbkreis und lauschte mit einem Dauer-Lächeln auf den Lippen. Danach fragte er einige der Kinder nach ihrem Namen und sagte dann: „Ich heiße Martin.“ Die Antwort eines Kindes: „Was?“ Die Politiker und Kita-Mitarbeiter lachten, aber das Kind kannte Schulz natürlich nicht. Genauso wenig wie die anderen Kinder, die von dem Rummel teilweise erfreut, teilweise eingeschüchtert waren.

Im nächsten Raum saß ein Mädchen vor einem Bauernhof-Puzzle. Schulz beugte sich zu ihm hinunter und fragte es nach den abgebildeten Tieren. „Und was ist das?“. Das Mädchen: „Eine Ziege.“ „Nein, ein Schaf“, korrigierte der Kanzlerkandidat. Hinter ihm aufgereiht standen seine Kollegen Bülow und Poschmann, die sagte: „Der weiß ganz schön viel, der Martin.“ Dann setzte Schulz noch einen drauf. „Und weißt du, wie ein Schweinchen macht?“, fragte er das Mädchen. Es schaute ihn abwartend an. „Oink, oink“, machte der Kanzlerkandidat und grunzte.

Schulz, selbst Vater zweier inzwischen erwachsener Kinder, sprach beim Rundgang mit vielen Kindern, fragte sie nach ihrem Namen und Alter. Er versuchte, ihnen Tierbezeichnungen und Farben beizubringen, und wollte zeigen: Er kann auch mit den ganz Kleinen. Das lässt sich bei einer Minute pro Kind zwar nicht beurteilen, aber als Fotomotiv für die zahlreichen Journalisten reichte es.

Die Probleme passten zum Programm

Während Schulz inmitten der Kinder gute Laune ausstrahlte, ging es danach im Elterncafé der Kita ernster zu. Dort sprach er mit Poschmann, Bülow, Kieninger und Bock von der AWO sowie der Kita-Leiterin Christa Schäfer. Zuerst schilderten Kieninger, Bock und Schäfer die Probleme der Nordstadt-Kita. Weil die Kita so international ist, wäre viel mehr Personal notwendig, nicht nur um die Kinder besser zu betreuen, sondern auch für die Organisation. „Allein die Kita-Anmeldung dauert bei uns sehr viel länger als in anderen Einrichtungen, weil manche Eltern kein Deutsch können“, erklärte Schäfer. Die Kita leide an Personalmangel, auch weil immer wieder Mitarbeiter abspringen, denen es zu hart werde. Laut Bock passt der Mitarbeiterschlüssel für die Kita nicht zu den Anforderungen. Die Erzieher könnten kaum auf Fortbildungen fahren, weil sie in der Kita gebraucht werden.

Schulz hörte sich alles mit besorgtem Blick an. Er kenne die Probleme, sagte er danach, und erklärte, welche Ansätze er als Kanzler vorhat. Nötig sei eine nationale Bildungsallianz. Diese Forderung hatte der Kanzlerkandidat erst vor Kurzem mit seinen Bildungsplänen vorgestellt. Unter anderem will er das Verbot der Bund-Länder-Kooperation bei der Bildung abschaffen. Schulz sagte ganz konkret, was dadurch möglich wäre. „Wir haben 30 Milliarden Euro Steuerüberschüsse auf Bundesebene.“ Mit entsprechenden Kooperationen könnten diese Mittel direkt an die bedürftigen Einrichtungen wie Kitas weitergegeben werden. „Man kann natürlich aussuchen, wie man die Überschüsse verwendet: entweder die Bundeswehr aufrüsten oder hier investieren“, sagte Schulz. „Merkel will 25 bis 30 Milliarden mehr für die Rüstung ausgeben.“ Damit fuhr Schulz klar die Wahlkampfschiene. So meinte er am Schluss auch: „Die Probleme sind alle beschrieben, jetzt brauchen wir nur noch eine Lösung – und die Mehrheit.“

Alle Probleme kann Schulz im Wahlkampf natürlich nicht lösen, aber insgesamt schien es doch ein sehr angenehmer Termin für ihn zu sein. Die Probleme der Kita passten zu seinem Wahlprogramm und die richtige Kulisse für inszenierte Fotos gab es obendrauf. Doch er zeigte sich am Ende emotional berührt von den Eindrücken der Kinder und Erzieher. Und zumindest will er die Probleme der Nordstadt-Kita angehen.