Bild: Screenshot / RTL

Lucas G. war erst 18 Jahre alt, als er Dortmund verließ und sich der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien anschloss. Seit Anfang des Jahres sitzt er im Norden des Landes in einem kurdischen Gefängnis – und will zurück nach Deutschland.

Update, Donnerstag (14. Februar), 9.50 Uhr: Der Dortmunder Lucas G., der in Syrien für die Terrormiliz Islamischer Staat gekämpft hat, will zurück nach Deutschland. Das sagte er dem ZDF-Korrespondenten Uli Gack. Der hatte ihn in Syrien interviewt, wo G. in einem kurdischen Gefängnis sitzt.

„Ich denke Deutschland ist ein demokratisches Land, das sich an seine eigene Gesetzgebung halten und um seine Staatsbürger kümmern wird“, sagte der Deutsche dem ZDF. „Ich will einfach nach Deutschland, zurück zu meiner Familie und ein ganz normales Leben führen.“

„Ich war dumm und naiv“

Neben G. sprach Gack in Syrien auch mit vier Frauen, die sich dem IS angeschlossen hatten. Sie alle beteuern, sich mittlerweile von der Terrormiliz losgesagt zu haben. „Ich war dumm und naiv“, sagte eine von ihnen. „Ich sehe mich als nicht intelligent und leichtgläubig.“

Die Frauen geben an, der Propaganda des IS geglaubt und von einem islamischen Paradies geträumt zu haben. Jetzt wollen auch sie zurück nach Deutschland. „Wir sind deutsche Staatsbürger und die müssen uns zurückholen“, fordert eine der Frauen.

Erstmeldung, Sonntag (3. Februar): 2014, wenige Tage bevor er seine Ausbildung anfangen sollte, verließ Lucas G. nachts heimlich sein Elternhaus. Zur gleichen Zeit wartete seine Frau mit zwei Kindern in einem Camp kurz vor der irakischen Grenze. Er machte sich auf den Weg in die Bürgerkriegsregion.

Aus Lucas G. wurde Abu Ibrahim al-Almani

G. hatte seinen Realschulabschluss, Facharbitur und eine Ausbildungsstelle. Trotzdem ließ er all dies zurück, um sich dem IS anzuschließen.

Laut eigenen Angaben hat Lucas G. beim IS nie mit Waffen gekämpft – welche Rolle er dort aber tatsächlich hatte, ist unklar. Behörden zufolge soll er allerdings den Kampfnamen Abu Ibrahim al-Almani angenommen haben.

In einer Personalakte des Islamischen Staates, die dem Bundeskriminalamt zugespielt wurde, schrieb er, er wolle sich dem IS als „Kämpfer“ anschließen. Dort habe er außerdem angegeben, verheiratet, aber kinderlos zu sein.

Lucas G. habe sich in Deutschland „ungerecht behandelt gefühlt“

In einem Interview mit zwei RTL-Reportern sagt er: „Ich habe mich als praktizierender Muslim in Deutschland ungerecht behandelt gefühlt.“ Es gäbe viele Menschen, die sich über ihn und seine verschleierte Frau lustig machen würden.

Doch auch vom Islamischen Staat ist Lucas G. enttäuscht. „Ich dachte, dass ich diese Freiheit in der Religion hier finde. Aber in Wahrheit wurde ich noch nie wegen meiner Religion in Deutschland ins Gefängnis gesteckt.“ Beim IS habe er auch nicht die Freiheit gefunden, die er sich erhofft habe.

G. sagt im Interview, er sei jung und naiv gewesen, als er für den IS alles weggeschmissen hat. Der Imam in seiner Moschee habe ihm auch von dem Schritt abgeraten.

Dortmunder will von Verbrechen des IS nichts gewusst haben

Von den Gräueltaten des IS will er nichts gewusst haben. „Was ich wusste, ist, dass der IS gegen das Assad-Regime kämpft. Und das ist eine Sache, die für mich in Ordnung ist“, sagt G. Nun wolle er zurück zu seiner Familie. „Ein normales Leben führen, wie jeder andere auch. Und diesen Albtraum vergessen.“

Bisher macht Deutschland allerdings keinerlei Anstalten, ihn zurück zu holen. Es ist gut möglich, dass er bald an das Assad-Regime ausgeliefert wird. Dann droht dem Dortmunder nicht nur Folter, sondern auch die Todesstrafe.

Version von Lucas G. weist Widersprüche auf

Die Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten zeigen ein anderes Bild der Geschichte. Sie sagen, sie hätten den Deutschen bei Kämpfen um die Kleinstadt Hadschin festgenommen – was der Darstellung von Lucas G. widerspricht, sowohl, was seine Beziehung zum IS angeht als auch seiner Aussage, er habe nie eine Waffe getragen.

Auch für die Behörden in Deutschland ist Lucas G. kein unbekannter: Den Ruhr-Nachrichten zufolge liegt gegen den Dortmunder seit dem 23. November 2017 ein Haftbefehl vor.

G. verteilte Flugblätter auf dem Westenhellweg

Seit 2013 sei er zudem bei Koranverteilungen der „Lies!“- Infostände in der Dortmunder Innenstadt aktiv gewesen. Er ging auf dem Westenhellweg auf Passanten zu, um ihnen Flugblätter zu geben.

Mittlerweile sind die „Lies!“-Informationsstände verboten. Ein Sprecher des Verfassungsschutz bezeichnete die Stände den Ruhr-Nachrichten gegenüber als „knallharte salafistische Propaganda“.

Im Juni 2014 verloren die Sicherheitsbehörden laut Spiegel Online den als Gefährder eingestuften Lucas G. aus den Augen. Das Netzwerk des Islamistenpredigers „Abu Walaa“, der mittlerweile vor Gericht steht, hatte seine Ausreise organisiert.

Kurden wollen Lucas G. und weitere ausländische Kämpfer loswerden

In einem weiteren IS-Personalbogen gab Lucas G. offenbar an, er habe bereits kurz am „Dschihad in Großsyrien“ teilgenommen, sei danach aber für ein paar Monate wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

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Die Kurden, die Lucas G. nun gefangen halten, wollen ihn so schnell wie möglich wieder los werden und fordern die Heimatländer der Terroristen auf, ihre Staatsangehörigen zurückzuholen. Die Bewachung der Gefangenen kostet ihnen nämlich viel Geld und jede Menge Sicherheitsleute.

Anmerkung: In früheren Medienberichten und auch Texten unserer Redaktion heißt es, Lucas G. sei 31 Jahre alt. Laut unserem heutigen Informationsstand ist dies nicht der Fall – Lucas G. ist vermutlich Jahrgang 1995.