Dieser Artikel entspricht der Meinung der Autorin und spiegelt nicht unbedingt die Meinung der gesamten Redaktion wider.

ÖPNV-Unternehmenschef und Monsterdiesel-Dienstwagen. Passt das zusammen? Darüber ist in den vergangenen Wochen in Dortmund eine Diskussion entbrannt. Das ist richtig und wichtig so. Aber nicht richtig war die Art, wie die Debatte geführt wurde. Zu einer Diskussion gehören Pro und Kontra. Das Pro hat dieses Mal gefehlt. Eine große Lücke in der wichtigen Auseinandersetzung.

Der Chef eines Unternehmens, das für den umweltfreundlichen ÖPNV wirbt, fährt einen großen Dienstwagen: den Monsterdiesel Audi SQ7. Das ist natürlich eine Aussage, die für Diskussionen sorgt, auch in den Kommentaren unserer Nutzer bei Facebook. Vollkommen zurecht, denn selbstverständlich sollte so ein Dienstwagen auf keinen Fall sein, finde ich. Guntram Pehlke hat als Vorstandsvorsitzender eines Tochter-Unternehmens der Stadt viel Verantwortung und er steht damit in der Öffentlichkeit.

Ist es in Ordnung, wenn der DSW21-Chef einen Audi SQ7 fährt? Unsere Facebook-Leser sind sich uneinig.

Zum DSW21-Unternehmen passt Pehlkes Dienstauto nicht. Das ist auch nicht nur seine Sache, wie manche unserer Facebook-Leser schreiben. Darüber darf und muss öffentlich diskutiert werden. Pehlke muss damit leben, dass ein Diskurs darüber stattfindet. Er muss damit leben, dass die Stadtspitze als besseres Beispiel dasteht. Aber nicht richtig ist, wenn er Opfer einer einseitigen Berichterstattung und PR-Aktion wird.

Unnötige und lächerliche Symbolpolitik der Grünen

Die Aktion der Grünen war unnötig. Sie wussten bereits einen Tag vor ihrer Aktion am 6. Oktober, dass Pehlke an dem Tag nicht in Dortmund ist und daher nicht teilnehmen kann. Die Politiker wollten dem DSW21-Chef ein Vierer-Ticket für den ÖPNV in Dortmund schenken. Blöd nur, dass Pehlke mit seinem Dienstausweis den Dortmunder ÖPNV kostenlos nutzen kann. Das machte die Aktion der Grünen nicht nur unnötig, sondern auch noch lächerlich.

Sandra Schaftner. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Dabei war die Idee an sich gut, dass die Grünen sich mit dem DSW21-Chef und seinem Dienstwagen auseinandersetzen wollten. Aber die Aktion hätte mit Pehlke zusammen stattfinden sollen. Grünen-Kreisgeschäftsführer Peter Köhler sieht das nicht so. Man habe nicht noch länger warten wollen. „Da ging es mehr um ein symbolisches Zeichen beziehungsweise die Aussage“, sagte er unserer Redaktion. Damit hat er richtig erkannt: Die Aktion war Symbolpolitik. Eine Diskussion würde mehr bringen.

Schwache Argumentation vom DSW21-Chef

Falsch von Pehlke war, dass er die Diskussion nicht öffentlich führen wollte. Dabei hätte er ein Interesse daran haben sollen, seine Gründe ebenfalls in die Öffentlichkeit zu tragen. Dies tat er erst auf Anfrage unserer Redaktion. Er argumentiert, dass er seinen Dienstwagen als zweites Büro nutzt und ein Elektro- oder Hybrid-Auto angesichts seiner langen Dienststrecken nicht angemessen wäre und auch nicht umweltfreundlicher als sein Diesel.

Remo Licandro, Sprecher der Grünen in Dortmund, findet Pehlkes Vorgehen „unsouverän“ und meint, der DSW21-Chef könnte viel besser argumentieren. Da hat Licandro Recht! Pehlke hätte auf die Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann verweisen können, die Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in NRW 2017 war. Sie hat im April 2017 genau das gleiche Argument für ihren A8-Dienstwagen als Ministerin gebracht wie Pehlke. Löhrmanns Pressestelle erklärte damals dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Sylvia Löhrmann ist es ein Anliegen, möglichst umweltfreundlich unterwegs zu sein. Deswegen hat sie in den vergangenen Jahren zwei Hybrid-Fahrzeuge getestet. Aufgrund der hohen Jahreskilometerzahl konnten diese ihren ökologischen Vorteil aber nicht ausspielen. Letztlich haben sie mehr Benzin verbraucht als die bisherigen Fahrzeuge.“

Andere Geschäftsführer machen es besser

Auch die Bürgermeister und Dezernenten der Stadt Dortmund nutzen für weite Strecken zwei BMW-Dieselfahrzeuge vom Typ 520d. Für kurze Fahrten besitzt die Stadt aber zusätzlich fünf Hybrid- und zwei Elektrofahrzeuge, mit denen man Ullrich Sierau meistens sieht – oder auf dem Fahrrad. Andere Vorsitzende im öffentlichen Dienst in Dortmund haben gar keine Dienstautos, wie Klinikum-Geschäftsführer Rudolf Mintrop, der Leiter des Dortmunder U Edwin Jacobs und Tobias Ehinger, Geschäftsführender Direktor am Theater Dortmund. Sie alle nutzen den ÖPNV, gehen zu Fuß oder fahren mit ihrem privaten Pkw. Es geht im öffentlichen Dienst also auch ohne „Testosteron-Auto“ wie Licandro Pehlkes Wagen nennt. Im Vergleich zu den Vorbildern der Stadtspitze, des Klinikums, Dortmunder Us und Theaters macht der DSW21-Chef einen schlechten Eindruck. Gerade er als ÖPNV-Chef.

Pehlke ist nicht der einzige Auto-Proll in Dortmund

Aber der einzige Geschäftsführer in Dortmunds öffentlichem Dienst mit protzigem Dienstwagen ist Pehlke auch nicht. Alle drei EDG-Geschäftsführer, Klaus Niesmann, Frank Hengstenberg und Wolfgang Birk, fahren je einen Diesel-Mercedes der gehobenen Mittelklasse (Anmerkung: Diese Informationen wurden am 17. Oktober 2017 ergänzt). Das genaue Modell möchte uns die EDG auf mehrmalige Nachfrage nicht mitteilen. „Wir geben bestimmte Auskünfte nur in einem bestimmten Ausmaß und in einem gewissen Umfang“, teilte uns Petra Hartmann, Mitarbeiterin des Unternehmens, am 17. Oktober mit. Für einen Rückschluss  auf die Preisklasse (mehr als 40.000 Euro UVP) und das dementsprechende Signal auf die Öffentlichkeit reichen diese Informationen aber aus. Auch bei der EDG kann man fragen: Passt es zusammen, wenn die Geschäftsführer große Dienstwagen fahren, während sich ihre Firma mit verschiedenen Aktionen für Umweltschutz einsetzt?

Darüber und über Pehlkes Fall muss in Dortmund diskutiert werden. Da geht es um öffentliche Gelder und um viel mehr. Umweltschutz kann nur funktionieren, wenn er von großen Teilen der Gesellschaft unterstützt wird. Wenn die Bosse im öffentlichen Dienst da nicht mitmachen, wird es schwierig bis unmöglich. Aber gute Diskussionen entstehen nicht aus einseitiger Berichterstattung und Symbolpolitik. Pro und Kontra liegen jetzt auf dem Tisch. Die Debatte kann beginnen!