Wir reisen 100 Jahre zurück in die Vergangenheit und fahren nach Oberdorstfeld. Da wurde damals eine große Zechensiedlung aufgebaut. Nach dem Ende der Bergbauzeit wurden viele Häuser modernisiert. Jetzt gehen die Bewohner ein paar Schritte zurück in die Vergangenheit. Die Zechensiedlung wird wieder so wie früher.

Zechenstraße, Knappenstraße und Zollvereinstraße gibt es hier noch in der Siedlung Oberdorstfeld. Kein Wunder, sie entstand direkt neben der Zeche als Wohnsiedlung für die Bergleute. Zwischen 1913 und 1919 wurden 150 Häuser vom selben Architekten, Oskar Schwer, konstruiert und gebaut. Die sogenannte „Siedlung Fliederkamp“ war eine Gartenstadt. Das bedeutet schiefe Straßen, viele Bäume und Plätze, unterschiedlich gestaltete Häuser und große Vorgärten. Manches davon ist heute noch übrig, Vieles dagegen wurde nach der Zechenzeit in den 70er und 80er Jahren modernisiert. Doch inzwischen findet ein Umdenken statt. Seit 1993 steht die Zechensiedlung Oberdorstfeld unter Denkmalschutz und es gibt strenge Vorschriften für die Bewohner und Eigentümer. Das frühere Erscheinungsbild wird wiederhergestellt.

79 Seiten Anweisungen

Peter Fuchs, Sprecher der Interessengemeinschaft Zechensiedlung Oberdorstfeld, führte uns durch das Viertel. Er wohnt seit 32 Jahren in dem Ortsteil und ist Sohn eines Bergmanns. Er kann jedes Haus beurteilen, ob es originalgetreu aussieht oder zu den Schandflecken in der Siedlung gehört.

Peter Fuchs von der Interessengemeinschaft Zechensiedlung Oberdorstfeld. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Seit 1993 dürfen die denkmalgeschützten Gebäude nur noch so umgebaut werden, dass sie ins Bild des ehemaligen Viertels passen. Dafür hat die Stadt eine 79 Seiten lange Gestaltungsfibel erstellt. Fuchs zeigt ein Haus, das in etwa so auch früher in der Siedlung hätte stehen können:

Zechensiedlung Oberdorstfeld Rundgang
Ein Vorzeigehaus in der Zechensiedlung Oberdorstfeld. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

So sollen die Häuser nach dem Vorbild der alten Siedlung ausschauen:

  • Die Fassade sollte verputzt und elfenbeingelb angestrichen sein.
  • Rankgitter an der Fassade mit Rosen oder Waldreben sind typisch.
  • Die Schlagläden sollten grün oder braun sein.
  • Die Fenster sollten vier Flügel, Oberlichter und bestenfalls Sprossen haben.
  • Die Häuser sollten offene Eingangsloggien haben.

Es gibt auch Schandflecken in Oberdorstfeld

Doch das sind nur fünf von Dutzenden Vorschriften, die beachtet werden müssen. Es ist auch genau geregelt, wie die Wege zum Haus und die Vorgärten auszusehen haben. Die Vorgärten zum Beispiel müssen bepflanzt sein. Heute ist es nicht mehr erlaubt, dass die Bewohner in den Vorgärten ihre Autos abstellen. Doch vor 1993 wurden in vielen Vorgärten Autostellplätze geschaffen, die es heute immer noch gibt. Vor dem Denkmalschutz haben auch manche Besitzer die Fassade mit Schiefer verkleidet, was heute ebenso verboten wäre.

Rundgang Oberdorstfeld
Diese Schieferverkleidung ist nicht historisch. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Solche Beispiele nennt Fuchs „Schandflecken“ der Siedlung. Er hofft, dass sie bald zurückgebaut werden. Immer mehr Menschen in dem Viertel wollen ihre Häuser auch wieder nach den alten Vorbildern umgestalten. Was wahrscheinlich noch lange bleiben wird, ist die Wittener Straße, die laut Fuchs auch überhaupt nicht in das Viertel passt und es außerdem in zwei Hälften teilt.

Denkmalbereich Werksiedlung Oberdorstfeld
Das ist der sogenannte Denkmalbereich „Werksiedlung Oberdorstfeld“. Karte: Stadt Dortmund

Laut Fuchs sind die Häuser in der Siedlung inzwischen sehr begehrt. „Zum Teil werden sie weit über Wert angeboten“, sagt er. Die meisten Bewohner sind stolz auf ihre Siedlung. Es gibt nur wenige, die sich gegen den Denkmalschutz stellen. So hatte sich Anfang 2017 eine Interessengemeinschaft Oberdorstfeld gegründet, die den Denkmalstatus der Gebäude abschaffen will. Erfolg hatte sie damit bisher nicht. Seit Mai 2017 können die Hauseigentümer Sanierungsmaßnahmen von der Stadt fördern lassen. Für das Förderprogramm bis 2020 stehen 290.000 Euro zur Verfügung.

Direkt neben der Siedlung stehen noch die übrig gebliebenen Gebäude der alten Zeche, die ehemalige Markenkontrolle, das Trafohaus, das Gesundheitsgebäude und die Waschkaue. Letztere soll jetzt auch wieder zum Leben erweckt werden. Sie war umwuchert von Gestrüpp und wurde erst vor wenigen Wochen zugänglich. Die Stadt plant, dort ein Bürgerhaus mit Saal und Jugendzentrum einzurichten.

Waschkaue oder Schmiede?

Gerade gibt es eine Diskussion darüber, ob das Gebäude, das Waschkaue genannt wird, überhaupt jemals eine Waschkaue war. Wilhelm Schulte-Coerne von der Interessengemeinschaft Dorstfelder Vereine erzählt, dass ein ehemaliger Arbeiter der Zeche Dorstfeld behauptet, er habe in dem Gebäude gearbeitet, aber das sei die Schmiede gewesen. Laut Schulte-Coerne lassen sich für die Behauptung auch verschiedene Begründungen finden, wenn man das Gebäude genau ansieht. Zum Beispiel führt vom Dach ein Rohr weg, das in einer Waschkaue nicht gebraucht worden wäre. Für Fuchs ist jedoch klar, dass das Gebäude schon die ehemalige Waschkaue gewesen ist. Das belegen für ihn allein die Fliesen an den Wänden.

Dieses Rohr passt laut Wilhelm Schulte-Coerne von der Interessengemeinschaft Dorstfelder Vereine nicht zu einer Waschkaue. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Doch Schulte-Coerne kündigte an, dass man beim Tag des offenen Denkmals am Sonntag (10. September 2017) wahrscheinlich mehr über das Gebäude erfahren werde. Dafür wurde die Waschkaue wieder zugänglich gemacht. Außerdem wurden in einem Raum historische Bilder und Karten aufgehängt.

Tag des offenen Denkmals in der Waschkaue Oberdorstfeld
„Kaue auf“ heißt das Motto am Sonntag (10. September). Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Info: Am Tag des offenen Denkmals 2017 gibt es von 11 bis 16 Uhr stündlich Führungen durch die ehemalige Waschkaue. Um 11.30, 13.30 und 15.30 Uhr führen Mitglieder der Interessengemeinschaft Zechensiedlung Oberdorstfeld Interessierte durch das Viertel. Alle Touren sind kostenlos. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Seite der Interessengemeinschaft Zechensiedlung Oberdorstfeld oder in der Broschüre zum Denkmaltag.