Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan lässt einen Dortmunder Blogger überwachen. Dieser erfuhr, dass er auf der schwarzen Liste des türkischen Geheimdienstes ist und muss sich nun vor Repressionen fürchten. 

Dortmund – Vor dem Verfassungsreferendum in der Türkei führen die Parteien auch hierzulande einen intensiven Wahlkampf. Ja- und Nein-Lager kämpfen gegeneinander – oftmals unbemerkt von der deutschen Bevölkerung. Auch Resul Özcelik (39), Blogger aus Dortmund, möchte seine Stimme abgeben – bis er erfährt, dass er vom türkischen Geheimdienst beschattet wird. Nun überlegt er sich zweimal, ob er zur Urne geht.

Wir haben Özcelik getroffen und ihm einige Fragen gestellt:

Dortmund24: Wie haben Sie erfahren, dass Sie vom türkischen Geheimdienst überwacht werden?

Resul Özcelik: „Das LKA hat mich am Donnerstag (30. März) angerufen und mir das mitgeteilt. Der Beamte am Telefon hat mir erklärt, was ich alles zu erwarten habe, falls ich türkisches Hoheitsgebiet betrete. Repressalien und Drangsalierungen würden mir drohen.“

Haben Sie das erwartet?

„Dass sowas kommt, habe ich erwartet. Ich schreibe schon länger kritische Beiträge über die politische Spannungen in der Türkei. Seitdem ich das mache, findet eine Hetzjagd gegen mich in den sozialen Medien statt. Nachdem ich den Putschverusch für fragwürdig erklärt hatte, fanden auch persönliche Angriffe gegen meine Person statt. Anhänger Erdogans fingen an, mich bei den türkischen Behörden zu denunzieren. Sowohl hier im Konsulat als auch in der Türkei. Das waren zum Teil entfernte Verwandte oder Freunde aus der Kindheit. Und seitdem ich von der schwarzen Liste in den Medien gehörte habe, habe ich vermutet, dass ich auch überwacht werde. Meine Vermutung wurde mir dann vom LKA bestätigt.“

Wie genau findet die Hetzjagd im Netz statt?

„Ich wurde als ‚Terrorist‘ beschimpft. Ich würde gegen die Türkei hetzen. Solche Kommentare und Nachrichten kommen häufig: ‚Wenn ich Resul sehe, werde ich ihn verprügeln‚; ‚Dieser Ehrenlose!‚; ‚So ein Hurensohn kann keiner von unseren Freunden sein!‘; ‚Wir als Iserlohner Jugend haben uns organisiert und haben Resul Özcelik 87 Mal bei den türkischen Behörden angeschwärzt.‘ Das sind alles Beispiele, die dem Gericht vorliegen.“

Haben Sie Angst?

„Wenn ich Nein sagen würde, würde ich lügen. Ich glaube das ist menschlich.“

Was wird sich jetzt bei Ihnen ändern? Wie geht es weiter?

„Ich werde weiterhin die Spannungen in der Türkei kritisch beäugen. Gegen die Beleidigungen und Drohungen habe ich rechtliche Wege eingeleitet. Die Bespitzelungen gehen zwar nicht einfach so an einem vorbei, aber ich bin der Ansicht, dass wir in Deutschland Werte haben, für die Europa jahrzehntelang gekämpft und Opfer gebracht hat. Dazu gehört die Meinungs- und Pressefreiheit. Und genau deshalb gehe ich auch bewusst mit der Überwachung in die Öffentlichkeit.“

Werden Sie wählen? Und was denken Sie, wer wird gewinnen: Evet (Ja) oder Hayir (Nein)?

„Aufgrund der Warnungen durch das LKA werde ich erstmal kein türkisches Hoheitsgebiet betreten. Ich selber bin aber für ein „Hayir“ (Anm. d. Red.: als gegen das neue Präsidalsystem). Ich schätze das Ergebnis wird ganz knapp auf ein „Hayir“ hinauslaufen. Ich glaube immer noch, dass die Mehrheit keine Alleinherrschaft Erdogans in der Türkei möchte.“

Zur Person: Resul Özcelik ist 39 Jahre alt und im Dortmunder Norden geboren und aufgewachsen. Noch besitzt Özcelik die türkische Staatsbürgerschaft, möchte aber den deutschen Pass beantragen. Er ist verheiratet und Familienvater. 2010 gründete er den Blog „Die Integrationsblogger“. Er schreibt auch für die Huffington Post und DTJ Online.