One night in the Nordstadt: Warum es rund um den Borsigplatz doch irgendwie ganz geil ist

Nordstadt von Dortmund. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24
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Nordstadt von Dortmund. Foto: Daniele Giustolisi/RUHR24

Dortmund/NRW - Seit Neustem gibt es von Künstlern gestaltete Ferienwohnungen in der Nordstadt. Urlaub am Borsigplatz ist jetzt möglich! Soll das ein Witz sein, fragen sich viele? Dortmund24-Redakteur Daniele Giustolisi hat sich das auch gefragt. Und hat dann einfach mal eine Nacht am Borsigplatz verbracht.

Seit Neustem gibt es von Künstlern gestaltete Ferienwohnungen in der Nordstadt. Urlaub am Borsigplatz ist jetzt möglich! Soll das ein Witz sein, fragen sich viele? Dortmund24-Redakteur Daniele Giustolisi hat sich das auch gefragt. Und hat dann einfach mal eine Nacht am Borsigplatz verbracht.

Die gute Nachricht zuerst: Ich lebe noch. Als ich in der Redaktion erzählt habe, dass ich eine Nacht in der Nordstadt verbringen werde, wünschte man mir Glück. "Hoffentlich sehen wir uns morgen", meinte eine Kollegin sogar.

Respekt vor der Nordstadt

Und auch ich muss sagen: So ganz ohne Skepsis bin ich nicht in die Nordstadt gefahren. Was man nicht alles so hört und als Journalist schreibt über Dortmunds "Problembezirk".

Eines vorweg: Viele der Schauergeschichten, die man sich so erzählt in Dortmund, sind natürlich maßlos überzogen. Und häufig stammen sie von Menschen, die noch nie in der Nordstadt waren oder allenfalls mal mit dem Auto durchfahren.

Der Borsigplatz an einem Donnerstag um 16 Uhr: wuseliger Verkehr, Gehupe, Stimmengewirr vor Pizzabuden und Trinkhallen.

Atmosphärisch könnten wir irgendwo zwischen Istanbul, Marrakesch und Rom sein. Das Leben pulsiert hier nicht, es kracht nur so durch die Straßen. Manche finden das befremdlich, mit ein bisschen Offenheit ist das aber irgendwie ganz geil.

Die Ferienwohnung mit dem Namen "Appartment Ruhr" befindet sich in einem großen, aber recht schicken Wohnblock im nördlichen Teil der Oesterholzstraße. Das ist eine der sechs Straßen, die strahlenförmig vom Borsigplatz abgehen. Der Borsigplatz ist aus dem Küchenfenster zu erahnen, die U44 donnert im regelmäßigen Takt über die Schienen an der Wohnung vorbei.

Künstlerin Silvia Liebig - Lippenstift, langes, zu einem Dutt geformtes, angegrautes Haar -hat die von ihr dekorierte Wohnung "You are here" genannt. Die Wände im Schlafzimmer sind große Landkarten der Nordstadt. Die sollen auf Wunsch der Künstlerin von den Gästen mit Tipps für sehenswerte Locations ergänzt werden. Hammer, Nägel, Zettel und Stifte liegen bereit.

Wenige schränke im Apartment

Schränke gibt es im Apartment nur wenige. "Die machen nur die Perspektive kaputt", meint Liebig. Stattdessen hat die Künstlerin die Wohnung mit ausklappbaren Wandhaken und an der Wand hängenden Textilbügeln aus der DDR ausgestattet.

Ansonsten: Fesche Küchenzeile (Ikea?) mit allem nötigen Schnick-Schnack (Cocktail-Shaker vom Pariser Trödelmarkt), kleines Bad, breites, wegrollbares Bett, Arbeitszimmer mit Schreibtisch, der auch als Bett genutzt werden kann. Und ja: Wlan gibt es hier auch. Die Wohnung fühlt sich eher an wie ein hippes Apartment im Kreuzviertel - und nicht in der Nordstadt. Der "Urlaub" kann also beginnen.

Erstes Tagesprogramm: die Gegend erkunden. Ich nutze mein Fahrrad und gleite im Feierabendverkehr der Nordstadt die "Malli" entlang. So nennen die Nordstädter ihren "Walk of Fame", ihre Mallinckrodtstraße.

Was mir schnell auffällt: Hier wird noch gelebt. Überall stehen kleinere Gruppen von Männern. Ich sehe viele abgekämpfte Gesichter. Einige ziehen gelangweilt an ihrer Kippe, aber sie wirken nicht unbedingt unzufrieden.

Soziale Kontakte werden hier anscheinend noch groß geschrieben. Jedenfalls pflegt man sie noch auf der Straße in aller Öffentlichkeit. In Hombruch, Oespel oder Aplerbeck sieht man solche Szenen jedenfalls nur selten.

Und vor allem: Kinder spielen hier noch auf der Straße und auf den Höfen. Während manch anderer Dortmunder Stadtteil wie ausgestorben wirkt, sind hier überall Kinderstimmen zu hören. Herrlich!

Plätze voller Menschen

Was mich immer wieder an südliche Gefilde erinnert: Die Plätze sind bevölkert mit Menschen. Gut, dem einen oder anderen Zeitgenossen möchte man lieber nicht näher begegnen, aber man muss ja nicht alle Menschen lieben.

Ich nähere mich langsam dem Hafen, die Sonne spiegelt sich im Wasser. Nordstadt-Romantik nennt man sowas dann wohl. Beim Ausgehschiff "Herr Walter" fühle ich mich eher wie in Hamburg, als im "Problembezirk" Nordstadt.

Es geht idyllisch weiter: Der Fredenbaumpark ist nicht weit. Für mich einer der wohl am unterschätzten Parks der Stadt. Dichter Wald, Seen, Vögel - ja, auch das ist Nordstadt.

Die Realität holt mich bald aber wieder aus den Tagträumen zurück. Münsterstraße! Laut! Willkommen zurück im Leben. Aus den Shisha-Cafés schwirren dichte Rauchschwaden. Die Imbisse beginnen, sich langsam zu füllen. Ein paar Poser-Karren fahren über die belebte Einkaufsstraße. Ein Jugendlicher mit in manchen Szenen schon fast obligatorischem Paris-St.-Germain-Trainingsanzug quert die Straße, begrüßt einen Kollegen. Küsschen links, Küsschen rechts.

+++ Ferien in der Nordstadt: Quartier will Kurz-Urlauber an den Borsigplatz holen+++

Es fängt langsam an zu dämmern. Zeit fürs Abendessen. Die Auswahl hier ist groß. Verteilt in der Nordstadt bekommt man Essen aus der ganzen Welt. Man empfiehlt mir die Pizzeria "Casa mia" direkt am Borsigplatz und in der Nähe des Appartements.

People-Watching an der Pizza-Bude

Den Laden kenne ich - und weil er sich bestens für People-Watching eignet, zöger ich nicht lange. Pizza Champignons und eine große Cola machen hier zusammen 6,80 Euro.

Eine Gruppe von Männern schlürft zeitgleich Espresso. Herrlich ihnen dabei zuzusehen, wie sie jeder hübschen Dame hinterherschauen. Hier gibt es ihn noch, den ehrlichen Machismo.

Zum Nachtisch gibt es übrigens gezuckerte Kichererbsen vom Nussladen "Muskara" am Borsigplatz - Mann sind die süß! Gut, dass es davon nur 100 Gramm für 80 Cent werden.

An der Oesterholzstraße machen ein paar Jungs unterdessen einen auf dicke Hose - klar, ein paar Mädels sind mit dabei. Ich gehe an ihnen vorbei. Eine junge Dame macht einen Knicks und eröffnet mir den Weg durch die Gruppe. Warum auch immer, aber man bringt mir her Respekt entgegen.

Kinder im Hof

Die Kinder im Hof des Wohnblocks der Ferienwohnung sind unterdessen nach Hause gegangen. Es ist inzwischen dunkel geworden in der Nordstadt. Immer mal wieder sind Sirenen zu hören - Krankenwagen, die vom Borsigplatz in alle Himmelsrichtungen ausschwirren.

Im Apartment an der Oesterholzstraße sind inzwischen die Nachbarn daheim. Man hört sie durch die Wohnung gehen. Menschen mit arabischen, osteuropäischen und auch deutschen Namen stehen auf den Klingelschildern. Vor der Wohnung unter dem Ferienappartement steht ein Kinderwagen. Über mir fängt ein Nachbar gegen 20 Uhr an zu saugen. Ansonsten: alles relativ unspektakulär. Aber wie sollte es hier sonst sein?

Inzwischen zeigt die Uhr 22 Uhr an. An manchen Straßenecken stehen noch Grüppchen von Männern. Es wird ruhiger rund um den Borsigplatz. Einzig die U44 donnert noch unerbittlich über den Kreisel. In den Wohnzimmern im Wohnblock an der Oesterholzstraße flimmert blaues Licht nach draußen, es wird TV geschaut, was das Zeug hält.

Schreie von der Straße

In der Nacht selbst bleibt es ruhig. Gegen 2 Uhr wache ich auf, jemand läuft brüllend durch die Straßen. Aber das kann man am Ballermann auch mal durchaus erleben.

Das Leben am Freitagmorgen startet früh rund um den Borsigplatz. Irgendwann gegen 4 Uhr wache ich durch die ersten U44-Bahnen auf. Ich schließe die Fenster, weil langsam auch die ersten Autofahrer sich auf zur Frühschicht machen. Ganz in der Nähe der Ferienwohnung ist das Gelände der ehemaligen Westfalenhütte, in vielen Betrieben wird dort im Dreischichtbetrieb gearbeitet.

Mein Wecker geht um 6.15 Uhr. In meinem Wohnblock ist es noch ruhig. Nur hier und da brennt schon das Licht. Mit dem Rad geht es durch den noch verschlafenen Borsigplatz in Richtung City. Und in der Nordstadt beginnt ein neuer Tag voller spannender Geschichten.

Zum Hintergrund: Hinter dem "Appartment.Ruhr" steckt ein Zusammenschluss mehrerer Akteure aus der Nordstadt. Dieses nennt sich "Kreativ.Quartier Echt Nordstadt". Es besteht aus der ConcordiArt e.V., der KulturMeileNordstadt e.V. und der Machbarschaft Borsig11 e.V. Die Appartements sollen dazu einladen, "in eine Gesellschaft der Zukunft" einzutauchen. Die Macher sind sich einig: Das Ruhrgebiet sei ein "Melting Pot unterschiedlichster Kulturen und damit ein Brennglas für die zukünftige Entwicklung einer globalisierten Gesellschaft, die sich zunehmend lokal und supranational orientiert. Das Projekt soll Vorurteile abbauen und der Gesellschaft den Mehrwert kultureller Diversität näher bringen.