Exklusiv-Interview

Dortmunder Weihnachtsmarkt will „bloß keine Ballermann-Atmosphäre“

Im Exklusiv-Interview mit RUHR24 spricht Weihnachtsmarkt-Chef Patrick Arens über Preise, den XXL-Baum in Dortmund und eine massive Ausweitung des Events.

RUHR24: Herr Arens, die Menschen in Dortmund und der Region freuen sich auf den Weihnachtsmarkt 2022 in Dortmund. Doch Corona-Pandemie und Energiekrise sorgen für Probleme. Macht es da überhaupt noch Spaß, einen Weihnachtsmarkt zu organisieren?
Patrick Arens: Ja, das macht Spaß, weil man merkt, dass das Publikum darauf gewartet hat. Wir hatten zuletzt in Dortmund den Hansemarkt und in Soest die Allerheiligenkirmes. All das war wieder mit Besucherrekorden verbunden. Und so ist es eigentlich schon das ganze Jahr über.
Unsere Feste haben diesen Kern, dass man Leute wieder sieht, die man lange nicht mehr gesehen hat. Auf der „Simjü“ in Werne ist samstags der traditionelle Tag für Klassentreffen. Da kommen auf einmal Gruppen mit 30 Menschen über den Platz gelaufen. Von der Warte aus macht das natürlich Spaß.
Ansonsten ist es für uns aber so, wie für alle anderen Bürger auch. Wer dachte, mit dem Ende des Kalten Kriegs wäre Friede, Freude, Eierkuchen eingekehrt, der wurde ja die letzten Jahre eines Besseren belehrt.

Weihnachtsstadt 2022 in Dortmund: „Müssen aufpassen, dass wir nicht zu teuer werden“

Kann man also mit Weihnachtsmärkten wie dem in Dortmund noch Geld verdienen?
Man muss ja sehen: Ist das Produkt, das man anbietet, aktuell? Und das ist beim Weihnachtsmarkt Dortmund der Fall. Höhere Energie- und Treibstoffkosten belasten alle. Man muss das aber trennen und sich in dieser Kostenstruktur zurechtfinden. Wir müssen aber aufpassen, dass wir nicht zu teuer werden, weil wir ein familienfreundliches Angebot machen müssen. 
Viele Menschen in Dortmund müssen den Groschen bereits umdrehen. Welchen Einfluss haben Energiekrise und Inflation auf die Preise auf dem Weihnachtsmarkt Dortmund?
Erstmal macht jeder seine Preise selbst. In der Kirmessaison haben wir aber eine Preissteigerung von 10 bis 15 Prozent gesehen. Wir machen uns natürlich Gedanken. Wir arbeiten daran, dass die Spirale für Familien in der Weihnachtsstadt Dortmund nicht überdreht wird.
Auf dem „Weihnachtszauber“ in Crange wird bereits ein Eintritt verlangt. Ist sowas auch für den Weihnachtsmarkt in Dortmund denkbar?
Nein. Wir sind ja ein Innenstadtmarkt. Wie soll man hier Eintritt nehmen? Das ist unmöglich. Wir werden hier in der Dortmunder Weihnachtsstadt bei freiem Eintritt bleiben.

Riesiger Weihnachtsbaum in Dortmund „ist ein weltweites Wahrzeichen“

Mit Crange gibt es ja den alten Streit um den höchsten Baum der Welt. Wer hat denn jetzt den größeren – Dortmund oder Crange?
Der Baum auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt wurde ja vermessen, wir sind größer. Das andere ist ja eher eine Glühweinbude mit einem Gummibaum obendrauf. Man kann über den Baum streiten, aber wenn man sieht, wie viele Menschen den Baum in Dortmund fotografieren, dann ist das schon ein weltweites Wahrzeichen. Da können die Cranger noch ein bisschen arbeiten, bis sie so weit sind.
Der Streit um den Dortmunder XXL-Baum ist also nicht nur kalkuliertes Marketing-Geplänkel mit Crange?
Die Idee kam ja damals vom Chefdekorateur von Karstadt. Der konnte 1996 den Dortmunder Oberbürgermeister Samtlebe überzeugen, den Baum zu bauen. Selbst die Schausteller waren ja anfangs skeptisch. Wenn man sich darauf einlässt, merkt man heute aber, was für eine Atmosphäre da herrscht. Wenn man sich ansieht, wie viele Menschen sich derzeit alleine vergnügen, dann ist es schön, gemeinsame Ereignisse wie den Dortmunder Weihnachtsmarkt zu generieren.
Heute sind es ja andere Zeiten. Wäre es eine Option, auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt einen einzelnen Baum aufzustellen oder eine ökologischere Variante zu wählen, statt Jahr für Jahr 1700 Fichten zu schlagen?
Die Fichten für den großen Baum auf dem Weihnachtsmarkt Dortmund werden ja extra dafür gezüchtet und sind sehr dünn. Wir haben einen Kreislauf aufgebaut, dass aus den Bäumen Holzpellets gemacht werden. Der Rest geht an den Zoo. Ich glaube, wenn man den Dreiklang aus sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit zusammenbringt, wir auf dem richtigen Weg sind. Das Wahrzeichen der Dortmunder Weihnachtsstadt würde ich gerne beibehalten.
Patrick Arens ist Mit-Organisator des Dortmunder Weihnachtsmarkts. (Archiv)

Weihnachtsstadt Dortmund soll künftig noch größer werden

Bald wird der Dortmunder Weihnachtsmarkt eröffnet. Auf welche Neuerungen können sich die Besucher freuen?
An der Nordseite der Reinoldikirche setzen wir noch stärker auf das Thema Handwerk. Wir haben zwei zusätzliche alte Häuser an dieser Stelle aufbauen lassen. Der beste Herzel-Beschrifter Deutschlands kommt zum ersten Mal. Man wundert sich, wie viele Lebkuchen-Herzen so verkauft werden. 
Wir haben das Nepal-Haus vom Propsteihof in den Dortmunder Weihnachtsmarkt integriert. Da kommen die ersten drei Fair-Trade-Stände mit dazu. Auch das Puppen-Theater wird es an einem neuen Ort geben. So versuchen wir kleine Akzente in Richtung Familie zu setzen. Wir verzichten auf Musik an den Ständen und versuchen alles, damit keine Ballermann-Atmosphäre aufkommt.
Gibt es dieses Jahr spontane Absagen von Ständen für den Dortmunder Weihnachtsmarkt?
Kurzfristige Absagen haben sich durch die ganze Saison gezogen. Uns ist es gelungen, das Kerzenhaus gleichwertig zu ersetzen. Da ist der Betreiber leider krank geworden. Wir haben den Stamm aber halten können. Das Thema Handel auf dem Märkten stark zu halten, wird eine große Aufgabe für die nächsten Jahre. Der Besucher hat sich ein bisschen verändert. Die Händler leben aber weiter davon, dass gekauft wird.
Der Weihnachtsmarkt in Dortmund heißt mittlerweile Weihnachtsstadt. Hat sich der neue Name schon durchgesetzt?
Der Name „Dortmunder Weihnachtsstadt“ hat sich noch nicht durchgesetzt, aber wir sind dabei. Als einer der wenigen Märkte in Deutschland bespielen wir mit elf verschiedenen Plätzen die ganze Stadt. Das Programm, das Dortmund mit dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte, dem Fußballmuseum und dem U zu bieten hat, wollen wir künftig zusammenfassen. Wir glauben, dass es auf Dauer der richtige Weg ist, die ganze Stadt einzubeziehen. Auch zusammen mit dem Lichterweihnachtsmarkt im Fredenbaumpark
Wollen Sie dann bald Bustouren aus der Innenstadt zum Fredenbaum anbieten?
Genau, das ist die Idee. Die Weihnachtsmärkte sind ja insgesamt zu einer touristischen Attraktion geworden. Wir leben davon, dass Leute aus den Niederlanden, aus England und Polen zu uns kommen. Es ist wichtig, ihnen ein ganzheitliches Angebot zu machen, damit die sagen: „Okay, da ist ein schöner Markt. Aber ich kann auch noch andere Dinge erleben.“
Die plötzlich abgeschaltete Webcam am Hansaplatz hat in den Sozialen Medien hohe Wellen geschlagen. Wird sie ersetzt?
Wir installieren gerade eine neue. Wenn wir Glück haben, geht sie kurz vor Start des Dortmunder Weihnachtsmarkts online und wird das ganze Jahr eingeschaltet sein.
Da werden viele Webcam-Nutzer beruhigt sein.
Da muss ich ehrlich sagen: Ich habe das auch total unterschätzt und mir keine große Gedanken gemacht, muss ich peinlicherweise sagen. Als die Webcam am Hansaplatz dann weg war, haben sich dann doch mehr Leute darüber Gedanken gemacht. Mit ein paar Kollegen haben wir schließlich einen neuen Standort gefunden.
Der Weihnachtsmarkt in Dortmund lockt jedes Jahr tausende Besucher an. Inzwischen heißt er „Dortmunder Weihnachtsstadt“.

Corona-Krise für Weihnachtsmarkt in Dortmund erst Trauma, jetzt eher im Hintergrund

Haben Sie den Dortmunder Weihnachtsmarkt 2021 angesichts der Corona-Situation eigentlich noch als Trauma in Erinnerung?
Ein bisschen zwischen Stolz und Trauma. Auf der einen Seite, dass wir die Situation gemeistert haben. Wir haben eine Million Kontrollen durchgeführt. Später hat der Einzelhandel das Konzept mit den Bändern ja übernommen. Das ist schon eine Auszeichnung.
Diese zwei Jahre Corona haben mit der ganzen Branche etwas gemacht. Letztes Jahr mussten wir jeden Tag damit rechnen, dass wir schließen müssen. Aber diese Corona-Zeit… da werde ich mich diesen Winter mal hinsetzen und in Ruhe aufarbeiten, was da alles passiert ist. Dass da etwas im Kopf hängen bleibt, da können Sie gewiss sein.
Welche Rolle spielt das Thema Corona auf dem Weihnachtsmarkt Dortmund in diesem Jahr noch?
Das Thema ist ein wenig in den Hintergrund getreten. Wir haben unseren Plan vom letzten Jahr mit den Bändern noch parat. Falls da etwas auf uns zukommen sollte, sind wir vorbereitet. Momentan ist da aber nichts geplant.
Corona hat ja für Engpässe beim Personal gesorgt – viele sind in andere Branchen abgewandert. Fehlen für den Weihnachtsmarkt in Dortmund noch Mitarbeiter?
Der Personalnot zieht sich ja durch alle Branchen, die mit Corona zu tun hatten. Es gibt bestimmt noch Stellen im Verkauf zu besetzen. Wer Lust hat, soll sich einfach auf den Facebook-Seiten der Kollegen umsehen.
Ist das Thema Terror eigentlich noch aktuell auf dem Weihnachtsmarkt Dortmund?
Ja, das wird uns weiterhin begleiten. Es ist schwer, bei der Dortmunder Weihnachtsstadt die Grenze zu ziehen zwischen Veranstaltungsfläche und öffentlichem Raum. Wir sind froh, dass die Stadt uns da unterstützt. Aus Mitteln der Weihnachtsstadt wäre das nicht zu leisten.
Es muss ja nicht immer Terror sein. Wir hatten ja in Münster den Fall, wo ein Rentner vom Gaspedal gerutscht ist. Stellen Sie sich mal vor, man ergreift in einem Jahr keine Sicherheitsmaßnahmen, und dann passiert was.
Lassen wir Terror, Corona, und Energiekrise mal beiseite: Worauf freuen Sie sich ganz besonders auf dem Weihnachtsmarkt in Dortmund in diesem Jahr?
Dass das Weihnachtssingen am 23. Dezember wieder stattfindet. Das haben wir ja damals ins Leben gerufen, bevor Borussia Dortmund das im Stadion gemacht hat. Das war früher immer der Abschluss des Dortmunder Weihnachtsmarkts. Das Weihnachtssingen ist für mich der persönliche Höhepunkt. Und mit meinem Enkelkind einmal um den Weihnachtsbaum spazieren.
Herr Arens, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Rubriklistenbild: © Cord/Imago, Daniele Giustolisi/RUHR24

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