Unterwegs in Brackel: "In die Stadt fahre ich schon lange nicht mehr"

Hellweg in Brackel. Foto: Sandra Schaftner/RUHR24
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Hellweg in Brackel. Foto: Sandra Schaftner/RUHR24

Dortmund/NRW - Die 26-jährige Laura Müller wohnt in Dortmund, aber in der Innenstadt war sie schon lange nicht mehr. In Brackel hat sie alles, was sie braucht.

Brackel ist ein Dortmunder Stadtteil, aber die gebürtige Brackelerin Laura Müller (26) bezeichnet ihn als fast eigenständige Stadt. Sie findet hier alles, was sie braucht. Bei einem Einkaufsbummel hat sie Dortmund24 erzählt, was an Brackel so toll ist.

Es ist Mittwochmittag und ich sitze in der U43 in Richtung Brackel. Als die Bahn an der Haltestelle Oberdorfstraße hält, sehe ich schon die ersten Geschäfte, die zum Zentrum von Brackel gehören. Dann rauscht die U-Bahn an ein paar Restaurants, Billigläden wie Kik, Tedi und NKD, Apotheken und einem Biomarkt vorbei. Vor der Kirche hält die Bahn noch einmal, dann fahren wir an zahlreichen weiteren Geschäften und dem Marktplatz, auf dem Autos parken, vorbei. An der Haltestelle Brackel Verwaltungsstelle steige ich aus.

Das Brackeler Zentrum kommt mir ganz schön groß vor - immerhin erstreckt es sich über drei U-Bahn-Stationen. Die laufe ich jetzt zu Fuß wieder zurück. Ich möchte den Stadtteil und die Bewohner kennenlernen.

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Mir fällt auf, dass hauptsächlich ältere Menschen unterwegs sind. Sie gucken sich die Schaufenster der kleinen Läden an und sitzen beim Bäcker am Fenstertisch. Weniger als ein Drittel der Leute ist unter 50. Ich treffe noch ein paar Jugendliche, die Schulsachen kaufen wollen. Die Erwachsenen im berufstätigen Alter flitzen in ihrer Mittagspause schnell zum nächsten Bäcker oder machen ein paar Besorgungen. Viele von ihnen kommen aber von außerhalb und sie verbindet mit dem Stadtteil nicht mehr als ihre Arbeitsstelle.

Brackelerin auf Einkaufstour

Vor dem Billigladen Kodi treffe ich eine junge Frau mit schwarzen Leggings, grauem Mantel und Schal. Es ist Laura Müller, 26 Jahre, die seit ihrer Geburt in dem Stadtteil wohnt. Sie hat ihren freien Tag und nutzt ihn, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich begleite sie dabei.

Sie hat schon eine Takko-Tüte in der Hand und jetzt geht es zu Kodi. Hier will sie nach Küchensachen schauen. Zielstrebig geht sie zu einem Küchenutensil namens Überkoch-Stopp, das wie ein löchriger Topfdeckel aus Silikon aussieht. "Das habe ich schon im Fernsehen gesehen" meint Müller. Aber dann entscheidet sie sich doch dagegen.

Während wir durch die Regalreihen gehen, erzählt sie mir, dass sie am liebsten in Brackel einkaufen geht. "Ich bin schnell hier und es gibt alle Läden, die ich brauche", sagt Müller. Aber manchmal fährt sie doch bestimmt auch in die Innenstadt zum Einkaufen? "Nein, in die Stadt fahre ich schon lange nicht mehr", sagt die 26-Jährige. Da sei es ihr zu hektisch. Ihr fehlt nichts in Brackel - außer ein Schuhladen wie Deichmann vielleicht.

In Brackel geboren, in Brackel geblieben

Im Kodi spricht sie heute nichts an und wir gehen wieder nach draußen. An der Ampel warten wir auf das grüne Licht, um auf die andere Straßenseite zu dm zu gelangen. Müller erzählt mir, dass sie schon früh Mutter geworden ist. Sie ist damals aus ihrem Elternhaus ausgezogen und hat sich entschieden, in Brackel zu bleiben. Sie hat nie woanders gewohnt. Im Knappschaftskrankenhaus ist sie geboren.

Der Stadtbezirk Brackel Der Stadtbezirk Brackel hat auch außerhalb des Zentrums am Hellweg Einiges zu bieten. Zum Beispiel liegen auch das BVB-Trainingszentrum, der Flughafen und die Rennbahn in dem Stadtbezirk. Brackel hat laut dem Jahresbericht Dortmunder Statistik etwa 56.000 Einwohner.

Der Stadtbezirk Brackel

Als wir den dm betreten, frage ich die 26-Jährige, was Brackel für sie so lebenswert macht. In ihrer derzeitigen Situation als Mutter sei Brackel toll, weil sie zu Fuß alles erledigen könne, meint Müller. Außerdem findet sie, sei das Kulturzentrum balou an der Oberdorfstraße eine Bereicherung für den Stadtteil. Sie ist zum Beispiel oft in der Bibliothek oder im Café des balou. "Da sind auch Kinder gerne gesehen", erklärt Müller. Mit ihren Kleinen geht sie auch gerne zur Kommende, die von Ordensrittern gegründet wurde und heute das Institut für katholische Sozialarbeit beherbergt. Dort gibt es auch ein Tiergehege mit Rehen und einem Hirsch.

Und was hat Brackel für junge Erwachsene, die ausgehen möchten, zu bieten? Da fällt Müller nicht so viel ein. Nur die Kneipe Rösner, in der sie schon Fußball gucken und Darts spielen war.

Kein Grund, Brackel zu verlassen

Aber Müller ist voll zufrieden mit dem, was sie in Brackel hat. "Das ist ja fast wie eine Stadt hier", meint sie. Deswegen fährt sie selten aus dem Stadtteil raus - obwohl die Verkehrsanbindung super wäre. Die U-Bahn fährt direkt in die Innenstadt. Auch eine S-Bahn und Busse halten in Brackel.

Gerade entscheidet sich Müller noch zwischen den Rosatönen zweier Nagellacke. Ich lasse sie in Ruhe überlegen und frage dann: "Insgesamt sind recht viele ältere Menschen in Brackel unterwegs, oder?" Ja schon, meint Müller. Vor allem um die Mittagszeit sei das Durchschnittsalter auf der Straße recht hoch. "Aber zu Feierabend so ab 17 Uhr wird es hektischer", sagt sie. An diesem Mittwochmittag ist davon noch nichts zu spüren. Bei dm hat nur eine Kasse geöffnet, trotzdem müssen die Kunden nicht Schlange stehen.

Beim Hinausgehen erzählt mir Müller, dass die meisten ihrer Freunde aus Brackel anders als sie aus dem Stadtteil weggezogen sind. Die 26-Jährige sucht auch gerade nach einer größeren Wohnung für ihre Familie. Aber am allerliebsten wäre es ihr, wenn sie eine bezahlbare Wohnung in Brackel findet. Sie will ihren Stadtteil am liebsten nie verlassen.