Aktion "Menschenwürde to Go"

Dortmunder helfen Obdachlosen in der Coronavirus-Krise - ein Interview: "Das Problem wird sich verstärken" 

Vom Nordmarkt laufen die Helfer mit Hund und einem Handwagen voller Nahrungsmittel bis in die Innenstadt.
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Vom Nordmarkt laufen die Helfer mit Hund und einem Handwagen voller Nahrungsmittel bis in die Innenstadt.

Die Coronavirus-Krise ist besonders für die Obdachlosen in Dortmund ein Problem. Helfer versorgen sie aktuell mit Essen, Getränken und Informationen. Ein Interview.

  • In Dortmund verteilen Freiwillige Essen und Hygieneartikel an Obdachlose.
  • Menschen ohne festen Wohnsitz macht die Coronavirus-Krise besonders zu schaffen.
  • Die Helfer befürchten, dass es nach der Pandemie noch schlimmer werden könnte.

Dortmund - Mit einem Handwagen versorgen freiwillige Helfer ab sofort Obdachlose in Dortmund mit Essen, Getränken und Informationen. Entstanden ist die Idee in einer WG. Im Interview mit RUHR24.de* berichten Imke und Hauke, die Gründer von "Menschenwürde to Go", was den Obdachlosen in der Coronavirus-Krise fehlt und wie sie sich und andere schützen.

Obdachlose in Dortmund trifft die Coronavirus-Pandemie hart

RUHR24: Es gibt bereits Hilfsangebote der Stadt sowie den* Wärmebus, das Gast-Haus oder einen Gaben-Zaun in Dortmund*. Ihr beliefert Menschen, die auf der Straße leben, unter dem Namen "Menschenwürde to Go" jetzt zusätzlich mit einem Handwagen. Reicht das bestehende Angebot nicht aus?

Hauke: Es gibt zwar Angebote, aber weniger als zuvor und dann meist nur eingeschränkt. Zum Beispiel gibt das "Gasthaus statt Bank" in Moment nur Lunchpakete zu bestimmen Zeiten heraus. Den Menschen, die uns begegnet sind, war zudem ihre Freude immer anzusehen, was als Beweis genügt. Es geht dabei auch um Wertschätzung und es ist auch ein symbolischer Akt, wenn man bei den Menschen selbst vorbeikommt und ihnen den Alltag etwas versüßt. Das Leben der weniger privilegierten ändern, werden wir auf die Schnelle natürlich nicht.

Die Helfer von "Menschenwürde to Go" verteilen Essen und Getränke an Obdachlose in Dortmund.

Imke: Ich glaube, das momentane Angebot genügt nicht. Die Menschen sind uns sehr dankbar für die Zuwendung und die Aufmerksamkeit. Sie freuen sich über die kleinen Gespräche und darüber, dass sie nicht vergessen wurden. Außerdem haben sich in der Coronavirus-Zeit die Angebote stark verändert. Wir informieren die Menschen über die neuen Möglichkeiten sich etwas zu essen zu besorgen, die Kleidung zu waschen und über die Übernachtungen.

"Das Coronavirus erschwert den Alltag der Obdachlosen in Dortmund nochmal"

RUHR24: Wie hart trifft die Coronavirus-Pandemie aus Eurer Sicht die Obdachlosen in Dortmund und was brauchen sie jetzt?

Hauke: Ihr ohnehin schon schwerer Alltag wird dadurch natürlich nochmal erschwert. Das Leben dieser Menschen ist, entgegen dem Klischee, mit viel Arbeit verbunden: Betteln, zwischen den Hilfsangeboten pendeln, Anstehen für Essen. Sie müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen.

Es gibt immer Gründe, warum Menschen auf der Straße leben, auch wenn sie für 'uns' nicht immer nachvollziehbar sind. Fast alle haben eine Geschichte zu erzählen. Viele fliehen vor ihrem früheren Leben und den Beschwerlichkeiten, die es mit sich bringt. Bürokratische Hürden sind für viele schlicht unüberwindbar. Das reguläre Amtshandeln führt meistens zu Angst und Scham. Zudem sind Menschen ohne deutschen Pass von fast allen Hilfeleistungen ausgeschlossen. Häufig wurde uns gesagt, dass es keine Möglichkeit gibt Wäsche zu waschen und zu duschen. Ein solches Angebot wurde zwar von Engagierten in der Leuthardstraße 1 bis 7...

RUHR24: ...vom Gast-Haus und dem Straßenmagazin Bodo eingerichtet,...

...aber viele wissen nichts davon. Es ist also auch wichtig, alle, die es brauchen, darüber zu informieren. Was viele jedoch brauchen, ist eine Wohnung, die sie niedrigschwellig bekommen. Das ist in unserem System aber nicht vorgesehen. Es gibt viele Häuser die leer stehen in Dortmund. Es gibt aber unseres Wissens keine oder nur wenig hilfreiche Programme, um sie Menschen mit besonderen Bedarfen zugänglich zu machen.

Imke: Es ist wichtig, die Menschen auf der Straße über die Coronavirus-Epidemie aufzuklären und aufzuzeigen, wie man sich schützen kann. Denn der Zugang zu Informationen ist stark eingeschränkt. Außerdem fehlen die zwischenmenschlichen Kontakte. Wir geben ihnen das Gefühl, nicht vergessen worden zu sein.

Momentan haben sich viele Angebote für die obdachlosen Menschen* geändert. Statt der Suppenküche gibt es zum Beispiel nur die Lunch-Pakete. Es gibt eine Möglichkeit zu frühstücken. Aber wo und wann? Das erzählen wir den Menschen auf der Straße.

Helfer in Dortmund halten wegen Covid-19 Abstand und tragen Handschuhe

RUHR24: Wie schützt Ihr Euch und die Obdachlosen dabei vor dem Coronavirus? Der Kontakt ist ja schon recht eng, oder?

Imke und Hauke: Wir halten Abstand, tragen Schutzmasken und Handschuhe. Wir waschen alles, was wir einkaufen mit Spülmittel ab und verpacken es in Pakete für je eine Person. Hinweise auf unsere Sicherheitsmaßnahmen werden so gut wie immer respektiert und verstanden.

Die Obdachlosen sind von der Coronavirus-Pandemie besonders betroffen.

RUHR24: Wie oft seid Ihr unterwegs und wie lange wollt Ihr die Aktion anbieten?

Hauke: Wir sind immer am Wochenende, also Samstag und Sonntag, unterwegs, da es dort am wenigsten Angebote gibt. Wir planen langfristig. Solange wir Spenden bekommen - bisher sind es ausschließlich Privatspenden - und engagierte Mitstreitende haben, machen wir weiter. Wir wollen aber auch politisch arbeiten, um die Situation der weniger privilegierten Menschen in Dortmund zu verbessern und mit ihnen solidarisch zu sein. Unterstützung können wir immer gebrauchen.

Imke: Wir würden gerne langfristig ein Netzwerk aufbauen und nachhaltig den Menschen helfen. Vermutlich wird sich das Problem der Obdachlosigkeit nach der Coronavirus-Epidemie weiterhin verstärken, falls Menschen aufgrund von Zahlungsproblemen ihr Zuhause verlieren.

Wer bei "Menschenwürde to Go" mitmachen oder die Aktion durch Spenden unterstützen möchte, kann sich unter menschenwuerdetogo@riseup.net melden. Benötigt werden derzeit Kaffee mit Milch und Zucker, Apfelschorle und abgepackte Brötchen sowie Socken, Unterwäsche und andere Kleidung.

*RUHR24.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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