Corona kurbelt das Geschäft an

Dortmund: Boom bei Online-Bestellungen wird zu großer Gefahr für Lieferando-Fahrer

Ein Fahrradkurier von Lieferando und das Dortmunder U
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Die Corona-Pandemie hat das Geschäft der Essens-Lieferdienste mächtig angekurbelt. In Dortmund läuft fast alles über Lieferando – zum Leidwesen der Fahrer.

Dortmund – Seit Monaten erlauben die Corona-Regeln keinen Restaurantbesuch oder ein nettes Zusammenkommen im Café. Auch Imbisse, Pizzerias und Dönerläden dürfen nur Essen zum Mitnehmen anbieten. Des einen Leid ist des anderen Glück – der Lieferdienst Lieferando profitiert von der Corona-Situation.

LieferdienstLieferando (Mutterkonzern Just Eat Takeaway)
Gründung1999
SitzAmsterdam (Niederlande)
Umsatz415,88 Millionen Euro (2019)

Lieferando in Dortmund: Online-Bestellungen boomen wegen Corona

Denn gezwungenermaßen setzen viele Restaurants und Imbisse darauf, ihre Speisen als Take-Away anzubieten. Die Auslieferung erfolgt meistens über Lieferando. Der Lieferservice kann seinen Kunden dadurch eine riesige Auswahl bieten. Außerdem punktet Lieferando mit einer unkomplizierten Bezahlung und der Lieferung direkt an die Haustür.

Durch die Corona-Pandemie boomt auch das Liefergeschäft in Dortmund. Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist das mit Blick auf die Fahrer, die Pizza, Döner und Co. ausliefern, jedoch ein Grund zur Sorge. Sie befürchten einen enormen „Corona-Stress“ für die Fahrradkuriere.

Lieferando-Fahrer im Corona-Stress? NGG Dortmund kritisiert „Anreiz zur Akkordarbeit“

„In Zeiten geschlossener Restaurants bestellen immer mehr Menschen in Dortmund ihr Essen im Internet. Das führt zu glänzenden Geschäften beim Marktführer Lieferando. Aber die Fahrerinnen und Fahrer, die bei jedem Wetter unterwegs sind, arbeiten zu Niedriglöhnen und teils am Rand der Belastungsgrenze“, sagt Torsten Gebehart, Geschäftsführer der NGG-Region Dortmund.

Die Gewerkschaft kritisiert insbesondere den „Anreiz zur Akkordarbeit“. Denn um über den Einstiegsverdienst von nur zehn Euro pro Stunde hinauszukommen, müssten die Lieferando-Fahrer möglichst viele Bestellungen in möglichst kurzer Zeit ausliefern.

Die Gewerkschaft NGG befürchtet Corona-Stress für die Fahrradkuriere in Dortmund.

Den Angaben zufolge zahle der Lieferdienst ab der 25. Bestellung einen Zuschlag von 25 Cent pro Order, ab dem 100. Auftrag gebe es einen Euro mehr. „Dieses System führt zu großem Stress bei den Fahrern, denen jede rote Ampel wertvolle Zeit kostet. Um schnell voranzukommen, setzen sie häufig ihre Gesundheit aufs Spiel“, so Gebehart weiter.
 

Lieferando profitiert von Corona-Situation: Nicht ausreichend Arbeitsschutz für Fahrer in Dortmund

Eigenen Angaben zufolge ist Lieferando seit 2019 in Deutschland nahezu der einzige Anbieter, der die gesamte Palette von der Online-Bestellung bis zur Lieferung abdeckt. Nun gehört der Essens-Lieferdienst des holländischen Mutterkonzerns „Just Eat Takeaway“ auch zu den Gewinnern der Corona-Krise (mehr Corona-News aus Dortmund auf RUHR24). Laut NGG dürfe das Unternehmen seine erfolgreichen Geschäfte aber nicht „auf dem Rücken der Beschäftigen“ machen.

Wie die Gewerkschaft weiter berichtet, soll Lieferando auch den Arbeitsschutz nicht ernst genug nehmen. Die von Lieferando gestellten E-Bikes seien häufig nicht richtig gewartet und nur bedingt verkehrssicher. „Und wer mit dem eigenen Fahrrad unterwegs ist, muss für die Reparaturen meist selbst aufkommen“, sagt Gebehart. 

Gefahr für Lieferando-Fahrer durch Corona: NGG Dortmund fordert kostenlose Tests

Ein weiteres Problem, das die Gewerkschaft sieht, ist ebenfalls der derzeitigen Corona-Situation geschuldet. Demnach setzten sich die Fahrradkuriere beim Abliefern der Bestellung vor der Wohnungstür einer erhöhten Corona-Infektionsgefahr aus. Nach der neuen Corona-Testverordnung in Betrieben muss Lieferando seinen Fahrern zwei kostenlose Corona-Tests pro Woche anbieten, weil sie viel Kundenkontakt haben. „Nach Beobachtung der NGG sind die Testangebote des Anbieters bislang aber unzureichend“, heißt es in einer Mitteilung.

Video: Lieferando-Fahrer stehen weiter vor Toiletten-Problem

Die Gewerkschaft fordert deshalb, dass Lieferando „sich endlich zu fairen Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen“ müsse. Dazu gehöre auch die Gründung von Betriebsräten. Lieferando hat auf eine Anfrage von RUHR24 nach einer Stellungnahme zu den Vorwürfen der NGG in Dortmund bislang nicht reagiert (Stand 22. April).

Der Lieferdienst-Riese stand in der Vergangenheit immer wieder wegen mutmaßlich prekären Arbeitsbedingungen in der Kritik. Gastronomen, die aufgrund von Corona nur außer Haus verkaufen können, kritisieren außerdem die hohen Provisionen von bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes, die sie an Lieferando abdrücken müssen.

 

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