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U-Turm-Nachbarin will Stadt Dortmund verklagen: „Es ist die Hölle“

Um die Kulturreihe „Sommer am U“ in Dortmund schwelt seit Jahren ein Streit darüber, ob die Konzerte zu laut sind oder nicht. Einer langjährigen Anwohnerin reicht es jetzt. Sie will rechtlich gegen die Stadt vorgehen.

Dortmund – Rock-Konzerte, Disko-Musik und Bässe bis in die Nacht: Silvia Schneider (55) hat genug gehört – und das meist unfreiwillig. Seit 2015 wohnt die Wuppertalerin gegenüber des Dortmunder U, Markenzeichen und eines der kulturellen Zentren der Stadt. Weil es dort aus ihrer Sicht regelmäßig zu laut ist, will sie jetzt rechtlich gegen die Stadt Dortmund vorgehen.

StadtDortmund, NRW
VorfallLärmbelästigung
OrtDortmunder U

Dortmund: Konzert-Abbruch bei „Sommer am U“ hat wohl Folgen für die Stadt

Der Wohnblock zwischen Schmieding- und Kampstraße, in dem die gelernte Informatikerin lebt, liegt direkt gegenüber der Leonie-Reygers-Terrasse. Auf dem Vorplatz des Dortmunder U wurde Mitte August ein Konzert der von der Stadt Dortmund veranstalteten Reihe „Sommer am U“ abgebrochen.

Es war nicht das erste Mal, dass es Beschwerden von Anwohnern gab. Doch es war das erste Mal, dass die Sache so aus dem Ruder lief. Die Gemengelage ist kompliziert, die Anwohnerin mit den Nerven am Ende. Und die Stadt gerät unter Druck.

Dortmund: Konzert bei „Sommer am U“ nach erneuter Beschwerde abgebrochen

Silvia Schneider ist nicht die einzige Anwohnerin, die vom Lärm am Dortmunder U betroffen ist und sich gegen die Konzerte wehrt. Vermutlich ist sie aber die Lauteste. Denn dass das Konzert bei „Sommer am U“ abgebrochen wurde, ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die Anwohnerin sich zuvor unter anderem bei der Kommunalaufsicht der Bezirksregierung in Arnsberg beschwert hatte. Denn frühere Beschwerden beim Ordnungsamt, der Polizei oder der Stadt Dortmund seien zwar aufgenommen worden, meist aber ohne Folgen geblieben, sagt sie.

Und am U-Turm erlaubt sich die Stadtverwaltung gewissermaßen ihre eigenen Konzerte. In engen Grenzen kann das Ordnungsamt der Stadt Dortmund den Kulturbetrieben etwa eine Sondergenehmigung für einzelne Konzerte bis 24 Uhr erteilen. Die gab es auch für zwei Veranstaltungen beim „Sommer am U“, teilt die Stadt Dortmund auf Anfrage mit. Es sei zudem möglich, dass es auch für andere Veranstaltungen Sonderreglungen gab, die nicht vom U selbst organisiert werden, teilt die Stadt mit.

Das Dortmunder U, die Anwohner und der Lärm: „Haben Angst, keine neue Wohnung zu finden“

Ausnahmen hin oder her: An einem Kulturort wie dem Dortmunder U kommt für die Anwohner schnell einiges zusammen. Nachmittags bis Abends Konzerte auf dem Vorplatz, anschließend Partys mit Disco-Musik. Erst Ende Juli eskalierte eine Feier mit 500 Besuchern am U-Turm in Dortmund, die Polizei musste anrücken.

Weil gegen den Lärm sonst nicht viel hilft, helfen sich die Bewohner der Sozialwohnungen mitunter selbst. Eine Nachbarin nutze die zu lauten Wohn- und Schlafzimmer mittlerweile nur noch im Notfall oder wenn Gäste kommen, erzählt Schneider. Eine Bekannte sei bereits weggezogen, eine andere Nachbarin im hohen Rentenalter sei auf Wohnungssuche, finde aber nichts anderes. „Die Leute haben Angst, dass sie, wenn sie sich wehren, keine neue Wohnung mehr finden.“

Konzerte am Dortmunder U: Anwohnerin am Wall „mit den Nerven am Ende“

Auch bei Schneider hat der Lärm von der anderen Straßenseite in den vergangenen sechs Jahren deutliche Spuren hinterlassen. „Seitdem ich hier wohne, bin ich mit den Nerven richtig am Ende. Die Wohnung ist sechs Tage in der Woche nicht nutzbar“, sagt sie, obwohl sie bereits saniert wurde. Selbst beim Fernsehen würde sie den Bass hören – und das nicht nur am Wochenende. Videos, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat, zeigen dies.

Sie sagt: „Es ist die Hölle. Ich kann in meiner eigenen Wohnung nicht mal ein Buch lesen, bin ständig müde.“ Einfach wegziehen würde sie zwar gerne, wegen einer chronischen Krankheit und aus privaten Gründen ist das aktuell aber nicht ohne weiteres möglich. Bis dahin heißt es für Schneider: leben mit dem Lärm.

Konzerte am U-Turm in Dortmund: Wie viel Lärm ist rechtlich erlaubt?

Konzerte sind ja eigentlich etwas Schönes. Zumindest, solange dadurch niemand „erheblich belästigt“ oder die Nachtruhe gestört wird, sagt etwa der Freizeitlärmerlass NRW. Doch was ist rechtlich gesehen eigentlich Lärm? Dazu teilt die Stadt Dortmund gegenüber RUHR24 mit: „Der ‚Sommer am U‘ unterliegt den Regelungen des Freizeitlärmerlasses NRW. Die Darbietungen müssen die Immissionsrichtwerte für ein Kerngebiet einhalten“.

In genau diesem Kerngebiet am Wall wohnen Silvia Schneider und andere Anwohner. Dort gelten nach Angaben der Stadt folgende Immissionsrichtwerte:

Tag und ZeitErlaubter Lärmpegel dB(A)
Werktags (8 bis 20 Uhr)60 dB
Werktags (20 bis 22 Uhr)55 dB
Sonn- und Feiertags55 dB

Die Dezibel-Skala

Die Dezibel-Skala gibt an, wie laut ein gewisser Schalldruck vom Menschen ungefähr wahrgenommen wird. Anders als andere Einheiten verläuft diese Hilfseinheit auf einer logarithmischen Skala. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass jede Erhöhung um 10 dB nicht nur etwas lauter, sondern sogar in etwa doppelt so laut wahrgenommen wird.

Je nach Art des Geräuschs sowie der Höhe und Tiefe der Töne können Geräusche als mehr oder weniger störend sowie als lauter und leiser wahrgenommen werden. Beispiel: Lautes Meeresrauschen wird eher als angenehm empfunden, während Verkehrslärm bereits stört, wenn er leise ist.

Konzert am U abgebrochen: Stadt Dortmund will „die Reihe insgesamt nicht gefährden“

Bei dem Konzert am Dortmunder U, das später abgebrochen wurde, hat das Umweltamt nahe der Fassade von Schneiders Haus einen Schallpegel von 63 bis 64 Dezibel gemessen, was in etwa einem lauten Gespräch entspricht. Nach Abzug einer Korrektur von 12 bzw. 15 Dezibel (je nach Uhrzeit und Verkehrslärm) wäre damit der Lärmpegel des Konzerts jedoch nicht überschritten gewesen.

Der Grund für den Konzertabbruch: „Aufgrund der Messergebnisse dieses Konzertes war jedoch klar absehbar, dass es bei dem nachfolgenden Konzert der Band ‚Los dos cerrados‘ durch den Einsatz von Schlagzeug zu erheblichen Überschreitungen des Richtwertes von 55 dB(A) für die Ruhezeit (20 bis 22 Uhr) gekommen wäre“, erklärt die Stadt. Daraufhin sei die Veranstaltung abgebrochen worden, auch um „die Reihe nicht insgesamt zu gefährden“.

Das Dortmunder U ist eines der kulturellen Zentren der Stadt.

„Sommer am U“: Seit 2014 treten Künstler auf dem Platz in der Innenstadt von Dortmund auf

Warum die Stadt Dortmund auf dem Platz vor dem U überhaupt Konzerte veranstaltet, die das Potenzial haben, die erlaubten Lärmpegel zu überschreiten, ist fraglich. Auch beim DJ-Set am 23. Juli (Freitag) musste die Lautstärke nach einer Orientierungsmessung leiser gedreht werden.

Seit 2014 treten bei der Reihe „Sommer am U“ regelmäßig auch unter der Woche und sonntags Künstler und Bands auf. 2021 sind es allein 32 Veranstaltungstage von Mitte Juni bis Ende August, davon sind mehr als die Hälfte DJ-Sets oder Konzerte. Was für die Kulturvielfalt in der Stadt und die Künstler nach der Corona-Zwangspause eine Wonne ist, ist für manche Anwohner offenbar eine Tortur.

Begonnen hat der Ärger für Schneider schon nach ihrem Einzug im Jahr 2015, sagt sie. Als die Konzertreihe damals endete, dachte sie noch: „Och, Gott sei Dank.“ Als es im Jahr darauf wieder losging, habe sie zunächst Kontakt zu Edwin Jacobs, dem damaligen Leiter des Dortmunder U, aufgenommen. Dieser habe versucht, zu vermitteln. Ohne Erfolg. „Ich bin keine Dortmunderin, ich wusste nicht, was hier los ist“, sagt sie rückblickend.

Nach Konzert-Abbruch bei „Sommer am U“: Anwohnerin will gegen Stadt Dortmund klagen

Seitdem beißt sie sich an den Behörden die Zähne aus, weiß langsam nicht mehr weiter: „Ich habe alles versucht. Man fühlt sich wirklich nicht ernst genommen“, sagt sie heute. „Ich habe überhaupt keinen Tag-Nach-Rhythmus mehr“, sagt Schneider, manchmal könne sie wegen des Lärms erst um 4 Uhr Morgens einschlafen. Von den Posern am Wall, Baustellen und sonstigen Veranstaltungen gar nicht zu sprechen.

Die Lautstärke auf ihrem Balkon sei unerträglich, sagt die Frau, die gegenüber vom Dortmunder U wohnt.

Mit der neuen Messung und dem Konzertabbruch am 11. August kommt nun erneut Schwung in den Streit zwischen Silvia Schneider und der Stadt Dortmund. „Was die hier seit Jahren machen, ist einfach verboten“, ist sich die Anwohnerin sicher. Sie will jetzt gegen die Stadt Dortmund klagen. Ihr Vorwurf: Körperverletzung.

Mit einem Anwalt hat Schneider bereits gesprochen. Der kommt absichtlich nicht aus Dortmund, sieht aber offenbar Chancen auf Erfolg und würde sich ihres Falls annehmen, sagt die Anwohnerin. Die Kommunalaufsicht hat sie ebenfalls eingeschaltet.

Stadt Dortmund steuert bei „Sommer am U“ gegen – und plant weitere Konzerte im Jahr 2022

Unterdessen hat die Stadt Dortmund bei der diesjährigen Ausgabe von „Sommer am U“ rasch gegengesteuert. Einen Tag nach dem Konzertabbruch wurden die Konzerte vorübergehend nach drinnen verlegt. Ein weiterer Container, der auf dem Platz aufgestellt wurde, sollte daraufhin den Schall abfangen. Das sei sehr schnell gelungen, sagt die Stadtsprecherin.

Eine Häufung von Beschwerden wegen der Konzerte am U gebe es beim Ordnungsamt der Stadt Dortmund derzeit zwar nicht. Seit die Reihe am 16. Juni 2021 gestartet ist, seien dort jedoch drei Beschwerden sowie drei Anzeigen wegen Lärmbelästigung von unterschiedlichen Personen eingegangen, teilt die Stadt auf Anfrage mit.

Sollte Silvia Schneider wirklich klagen, würden Veranstaltungen wie „Sommer am U“ unabhängig auf den Prüfstand gestellt. Wie es dann mit den Konzerten in der Stadt weiter geht, muss im Zweifel ein Gericht entscheiden. Die Stadt Dortmund geht derweil jedoch davon aus, dass es auch im kommenden Jahr Konzerte am U geben wird: „Der ‚Sommer am U‘ ist eine beliebte und etablierte Veranstaltungsreihe, die wir im kommenden Jahr gerne fortführen werden.“

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