War es Notwehr?

Nach tödlicher Messerattacke in Dortmund - jetzt spricht der Vater des mutmaßlichen Täters

Bahnhof Hörde
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Am Bahnhof Hörde in Dortmund kam es zu einer Messerstecherei, die für einen Mann tödlich endete.

In der Halloween-Nacht kam es in Dortmund-Hörde zu einer Messerstecherei, die für einen 41-Jährigen tödlich endete. Doch warum stach der Täter zu?

Dortmund - Mit großer Erschütterung blickte nahezu ganz Dortmund auf eine Messerstecherei in der Halloween-Nacht am Bahnhof Hörde, die für einen 41-Jährigen tödlich endete. Der Mann starb an seinen schweren Stichverletzungen, die ihm ein 19-Jähriger während einer Auseinandersetzung zugefügt haben soll.

StadtDortmund
StadtteilHörde
Lage Stadtbezirk im Süden von Dortmund

Wenige Tage nach der Tat, am 4. November, versammelten sich Freunde und Angehörige auf der Hörder Bahnhofstraße in Dortmund-Hörde zu einem Trauermarsch. Für viele war da schon klar: Das war keine Notwehr. Und so mischte sich in die Trauer um Daniel S., der an den Folgen seiner Verletzungen starb, auch viel Wut.

Dortmund Hörde: War die Messerattacke in der Halloween-Nacht Notwehr?

Doch noch ist der Fall aus Dortmund Hörde nicht abschließend geklärt, zu viele Fragen zu der Messerattacke sind derzeit noch unbeantwortet: Warum stach der junge Täter zu? War es Notwehr? Oder doch Vorsatz? Und wieso kam es in der Halloween-Nacht überhaupt zu der Auseinandersetzung, die so tragisch endete?

Die Ermittlungen der Polizei zu dem Fall laufen auf Hochtouren. Zeugen, müssen befragt, DNA-Spuren und Videomaterial ausgewertet werden. Denn auch, wenn sich zwei 19-Jährige bereits kurz nach der Tat bei der Polizei meldeten und zugaben, an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen zu sein - in Haft ist derzeit keiner.

Messerstecherei in Dortmund Hörde: Staatsanwaltschaft prüft ob es sich um Notwehr handelte

Denn im Kern der Ermittlungen steht immer noch die Frage: „War es Notwehr oder war es das nicht?“, so der für diesen Fall zuständige Staatsanwalt Jörg Schulte-Göbel. Es müsse erst geprüft werden, ob hier jemand einen anderen unvermittelt mit dem Messer angegriffen, oder ob er angegriffen wurde und sich zur Wehr gesetzt habe.

Trotzdem scheint es, als hätten viele den 19-Jährigen, der am Bahnhof von Hörde zugestochen haben soll, bereits verurteilt. Darum äußert sich nach der tödlichen Messerattacke in Dortmund jetzt erstmals der Vater des jungen Mannes, der zugab, in die Messerstecherei verwickelt gewesen zu sein. Im Gespräch mit RUHR24.de schildert er, was sein Sohn ihm berichtete. Und warum es so wichtig sei, nicht nur von einer Seite auf den Vorfall zu schauen.

Messerstecherei in Dortmund Hörde: „Mein Sohn trägt nicht die Schuld“

„Es ist furchtbar was passiert ist“, beginnt der Azad I.* (Name von der Redaktion geändert), Vater des jungen Mannes, der zugestochen haben soll, seinen Bericht. Etwas zittert seine Stimme und er fügt an: „Es tut uns so leid für den Mann, der gestorben ist.“ Doch sei es nicht sein Sohn gewesen, der Schuld an dem tragischen Ausgang der Auseinandersetzung am Bahnhof in Dortmund Hörde tragen würde. „Es war Notwehr!“, ist er sich sicher.

Und er schildert nochmal, was sein Sohn ihm erzählte, als er nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt worden war, nachdem er sich zusammen mit seinem Freund freiwillig bei der Polizei gemeldet hatte. Ohne Umschweife hatten beide zugegeben, an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen zu sein und doch eigentlich - zumindest zu Anfang - unbeteiligt gewesen zu sein.

Bei dem Messerstecherei am Bahnhof in Dortmund-Hörde in der Halloween-Nacht ein Mann tödlich verletzt worden.

So sei es eine Gruppe „arabisch sprechender Jungs“ gewesen, mit denen der nun Verstorbene ursprünglich am Hörder Bahnhof in Konflikt geraten sei, so Azad I.. Sein Sohn habe die Gruppe nicht gekannt. Aber er soll beobachtet haben, wie sich der Mann mit den Jugendlichen gestritten habe und Prügel abbekam.

Vor Messerattacke in Dortmund Hörde: Opfer rief Sohn anstatt Polizei

Noch während die Auseinandersetzung lief, soll der 41-Jährige dann seinen eigenen Sohn angerufen haben, ihn um Hilfe bei der Prügelei gebeten haben. „Doch das verstehe ich nicht“, setzt der Vater des 19-Jährigen an. „Warum hat er nicht die Polizei gerufen? Warum rief er seinen Sohn?“

Folgt man den Schilderungen des seit 20 Jahren in Deutschland lebenden Kurden aus der Türkei, hätte der Streit wohl nicht so ein tragisches Ende genommen, wenn die Polizei gerufen worden wäre. Denn tatsächlich fuhr der Sohn des Getöteten kurze Zeit später mit dem Taxi am Bahnhof in Dortmund-Hörde vor. Die Gruppe Jugendlicher, die ursprünglich in den Streit mit Daniel S. verwickelt gewesen seien sollen, sei da aber längst abgehauen.

Auch die Staatsanwaltschaft geht derzeit davon aus, dass der Verstorbene Streit mit zwei verschiedenen Gruppen Jugendlicher hatte. Zeugen sprechen zudem vom sehr aggressiven Auftreten des späteren Opfers. Gegenüber den Ruhr Nachrichten bestätigt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft: „Das spätere Opfer soll mit freiem Oberkörper auf die Gruppe Jugendliche zugegangen sein und habe sie massiv bedroht.“

Messerstecherei in Dortmund Hörde: Sohn des Opfer eilte seinem Vater zu Hilfe

Und auch der 26-Jährige Sohn von Daniel S., der mit dem Taxis zum Bahnhof in Dortmund Hörde kam, soll sich nach Angaben von Azad I. sofort auf seinen Sohn gestürzt haben. Mit einer Flasche habe er seinem Sohn auf den Kopf geschlagen. „Auch mein Sohn hat schlimme Verletzungen davongetragen. Es hätte auch mein Sohn sein können, der jetzt da liegt“, ergänzt Azad I. leise. Ein so heftiger Schlag mit einer Flasche auf den Kopf - das sei doch lebensgefährlich.

Von dem Angriff überrumpelt soll sein Sohn dann ein Messer gezückt und zugestochen haben. Sein Kumpel sei auch verletzt worden. Und auch der 24-Jährige Sohn vom späteren Opfer erlitt schwere Verletzungen, die er aber überlebte.

Auf die Frage, warum sein Sohn überhaupt ein Messer bei sich gehabt habe, erzählt Azad I., dass sein Sohn, der im nächsten Jahr sein Fachabitur in Dortmund machen will, immer eines bei sich getragen hätte - seit er in der siebten Klasse einmal selbst von einem anderen Jungen mit dem Messer verletzt worden sei. „Es ist so schlimm, dass der Mann gestorben ist. Aber es war Notwehr“, wiederholt der Vater wieder. Am Ende fragt er noch: „Warum hat sich der Mann überhaupt mit den Jugendlichen geprügelt? War er betrunken?“