"Ramsch-Angebote" in der Kritik

Insider warnen vor Corona-Schleudern - Gefahr von Schlachthöfen rund um Dortmund droht

Schlachthöfe in der Umgebung von Dortmund müssen Kritik einstecken. Sie gelten unter Insidern der Fleisch-Industrie als echte Coronavirus-Verteiler.

  • Mitarbeiter einiger Schlachtbetriebe sind besonders von Coronavirus-Infektionen betroffen.
  • Eine Gewerkschaft macht prekäre Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeiter dafür verantwortlich.
  • Der heftige Kampf um niedrige Fleischpreise sei Grund für die Entstehung der schlechten Arbeitsbedingungen.

Eigentlich müssten Fleisch und Wurst derzeit deutlich teurer werden - so wie viele andere Nahrungsmittel seit Beginn der Coronavirus-Krise auch (mehr dazu im Live-Ticker zum Coronavirus in NRW*). Doch die Grillsaison fängt gerade erst an und so liegen wie gewohnt die Tiefpreis-Angebote für Bauchfleisch, Steak und Bratwurst in den Kühlregalen der Supermärkte, berichtet RUHR24.de*.

Coronavirus: Fleischindustrie weiter im Kampf um den niedrigsten Preis

"Knallharten Dumping-Wettbewerb" nennt es Torsten Gebehart, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) der Region Dortmund. Doch während der heftige Preiskampf in der Fleischindustrie alles andere als neu ist, offenbart die Coronavirus-Krise ganz aktuell, welche weitreichenden Folgen der Kampf ums billigste Fleisch haben kann. Zuletzt hatten sich bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mehr als 600 Angestellte mit dem Coronavirus infiziert.

Im Kreis Coesfeld infizierten sich mehr als 200 Mitarbeiter einer Fleischfabrik der Firma Westfleisch mit dem Coronavirus*. Grund dafür ist der nicht ausreichende Arbeitsschutz der Mitarbeiter in den Fabriken. Und um den steht es auch in anderen Schlachtbetrieben kaum besser. So auch im Raum Dortmund.

Die Gewerkschaft NGG fordert deshalb, dass regelmäßige Kontrollen der Betriebe stattfinden sollen. Auch unabhängig von einer Krise, wie der derzeit herrschenden.

Dortmund: Subunternehmer stellen Mitarbeiter für Fleischindustrie

In Dortmund arbeiten laut Gewerkschaft etwa 250 Menschen in der fleischverarbeitenden Industrie. In ganz Nordrhein-Westfalen sind es knapp 30.000 Beschäftigte in der Branche. Die vielen osteuropäischen Werkvertragsarbeitnehmer aus Subunternehmen sind da allerdings nicht eingerechnet.

Doch das Problem in den Schlachthöfen entsteht gerade durch die Beschäftigung der vielen Mitarbeiter, die nicht fest in den Betrieben angestellt sind, sondern von Subunternehmern an die großen Schlachthöfe von Westfleisch, Wiesenhof und andere ausgeliehen werden. Über Werkverträge arbeiten die - meist aus Osteuropa stammenden - Menschen unter prekären Bedingen in den Schlachthöfen

Ramsch-Angebote bei Fleisch und Wurst befeuern Coronavirus-Krise

Der Gesundheitsschutz der Beschäftigten sei, so die NGG, bei den "Ramsch-Angeboten" nicht eingepreist. Und diese Punkte kritisiert die Gewerkschaft:

  • Eine hohe Arbeitsbelastung in den Schlachthöfen - Zwölf-Stunden-Schichten seien gang und gäbe.
  • Die Unterbringung der Arbeiter in Gemeinschaftsunterkünften - oft lebten sechs Personen auf 60 Quadratmetern.
  • Ein karger Lohn, von dem noch die Kosten für die Unterkunft abgezogen würden.

Coronavirus-Gefahr wächst in der Fleischindustrie

Die lange und harte körperliche Arbeit und die Zerlegung der geschlachteten Tiere mache die Menschen anfälliger für Erkrankungen, heißt es vonseiten der Gewerkschaft. In den engen Gemeinschaftsunterkünften brüte "überall im Land eine enorme Corona-Gefahr". Doch nur durch diese Ersparnisse sind die niedrigen Preise für Fleisch und Wurst überhaupt zu erreichen.

Fleischverarbeitungsindustrie in der Kritik: Sorgen schlechte Arbeitsbedingungen für Ausbreitung des Coronavirus?

Die Gewerkschaft fordert Fleischhersteller dennoch dazu auf, Verantwortung, auch bei ihren Subunternehmen, zu übernehmen - für den Gesundheitsschutz, für faire Arbeitsbedingungen und für eine ordentliche Unterbringung zu sorgen. 

Sahra Wagenknecht, die für die Partei "Die Linke" im Deutschen Bundestag sitzt, spricht sogar von einer gnadenlosen Ausbeute der Beschäftigten in Schlachthöfen.

Coronavirus-Ansteckungen: Fleischindustrie wehrt sich gegen Kritik

Die Fleischindustrie wehrt sich unterdessen gegen die Kritik. Nicht nur die Arbeitsbedingungen seien schuld an den Ausbrüchen des Coronavirus, zitiert die Süddeutsche Zeitung Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Deutschen Fleischwirtschaft. Als kritische Infrastruktur haben man die Produktion nach Ausbruch der Pandemie nicht einfach stoppen können. So sei es zu Ansteckungen gekommen.

Der Schlachtbetrieb Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh) kündigte unterdessen an, landesweit sämtliche Mitarbeiter auf das Coronavirus* testen zu lassen - auch wenn es bei Tönnies bislang kein erhöhtes Infektionsaufkommen zu verzeichnen gab.

msp

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