Covid-19-Pandemie

Warum die Nordstadt in Dortmund höhere Corona-Zahlen hat als andere Stadtteile

Der Borsigplatz in der Nordstadt von Dortmund.
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Der Borsigplatz in der Nordstadt von Dortmund.

In der Nordstadt stecken sich im Schnitt mehr Menschen mit dem Coronavirus an, als anderswo in Dortmund. Warum ist das so? Ein Erklärungsversuch.

Dortmund - Warum stecken sich die Menschen in den verschiedenen Stadtbezirken von Dortmund unterschiedlich häufig mit dem Coronavirus an? Vor diesem Rätsel steckt auch die Stadt Dortmund. Vor allem im Norden der Stadt, in der Nordstadt und in Eving, sind die Corona-Zahlen höher als anderswo, wie RUHR24.de* bereits berichtete. Sind die Menschen dort unvorsichtiger oder gibt es weitere Gründe?

Dortmund: Nordstadt höchste Corona-Zahlen in der ganzen Stadt

Bei einer Pressekonferenz am 23. Oktober machte die Stadt bereits deutlich, wie heterogen sich das Coronavirus über die Stadt Dortmund verteilt hat. Jeweils zur Monatsmitte veröffentlicht das Gesundheitsamt die Corona-Positivfälle pro 100.000 Einwohner für die zwölf Stadtbezirke in Dortmund. So sahen die Zahlen am 14. Oktober aus:

StadtbezirkCorona-Positivfälle pro 100.000 Einwohner
Innenstadt Nord / Nordstadt876
Eving595
Huckarde443
Innenstadt-Ost435
Innestadt-West390
Mengede374
Hombruch372
Hörde365
Scharnhorst306
Brackel287
Lütgendortmund268
Aplerbeck230

Auffällig ist, dass die Corona-Zahlen besonders in den Stadtbezirken mit besonders vielen Einwohnern auf wenig Fläche hoch sind. Laut Dortmunds Gesundheitsamtschef Frank Renken lässt sich dieses Phänomen auch in anderen Städten in NRW beobachten.

Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamts in Dortmund.

Das Problem: Anders als nach „Superspreading-Events“ oder konzentrierten Ausbrüchen wie in der Fleischfabrik in Gütersloh*, lässt sich das Infektionsgeschehen in der Nordstadt und in Eving nicht auf bestimmte Ereignisse eingrenzen. Die Einwohnerzahl pro Quadratmeter als treibender Faktor ist da nur einer von mehreren ausschlaggebenden Gründen. Eine gehäufte Anzahl von Familienfeiern ein anderer. Gegenüber RUHR24 heißt es vonseiten der Stadt Dortmund: „Sogenannte ‚Superspreading-Events‘ gehören nicht zu den Hauptursachen für Ansteckungen in den beiden Stadtbezirken.“

Gründ für hohe Corona-Zahlen in der Nordstadt von Dortmund nicht ganz klar

„Das sind aber immer nur Teil-Gründe, nichts davon begründet alles auf einmal“, sagt Frank Renken über Familienfeiern und Einwohnerdichte als Pandemie-Treiber. Zu oft könne man nicht sagen, wo die Übertragung mit dem Coronavirus stattgefunden habe. Laut Bundesregierung seien das inzwischen bei rund 75 Prozent aller Fälle so.

Was ist also an der Nordstadt so besonders, dass es hier gehäuft zu Corona-Neuinfektionen kommt? Ein Blick in die Statistiken könnte helfen. So ist die Nordstadt der Stadtbezirk mit der größten Bevölkerungszahl (59.502, Stand 2019) in Dortmund.

Dortmunder Nordstadt: Viele junge Menschen leben hier - und sind häufig risikofreudiger im Umgang mit Corona

Die Altersstruktur ist laut Jahresbericht 2019 geprägt von vielen jungen Menschen. In allen Altersgruppen unter 25 Jahren erreicht der Stadtbezirk die höchsten Anteile in ganz Dortmund, bei den 25- bis unter 35-Jährigen den dritthöchsten Anteil (18,7 Prozent). Dementsprechend sind die Anteile in allen Altersgruppen ab 50 Jahren die niedrigsten im Stadtgebiet.

In dem Stadtbezirk bewegen sich also viele junge Leute, die selten lange Zeit in den eigenen vier Wänden verweilen und darauf warten, dass das Coronavirus vorbei ist. Dazu passt die Beobachtung, dass sich im Sommer besonders viele junge Menschen mit dem Coronavirus ansteckten - und zwar deutschlandweit. Dass das Phänomen demnach gehäuft in der „jungen“ Nordstadt auftritt, ist also kein Zufall. Welche Altersgruppen sich in der Nordstadt mit dem Coronavirus konkret infiziert haben, darüber führt die Stadt Dortmund allerdings keine Statistik.

Nordstadt von Dortmund: Extrem hohe Einwohnerdichter begünstigt Corona-Infektion

Die Nordstadt hat nicht nur die meisten Einwohner, verglichen mit allen andern Stadtbezirken, sondern auch die höchste Einwohnerdichte. Während in Dortmund pro 1000 Quadratmeter im Schnitt 75 Menschen Leben, sind es in der Innenstadt-Nord 215,4. In keinem anderen Stadtbezirk von Dortmund leben so viele Menschen auf so wenig Platz. Nur die Innenstadt-Ost (111,9 Einwohner pro 1000 Quadratmeter) und die Innenstadt-West (106,1 Einwohner pro 1000 Quadratmeter) können mithalten - und auch dort sind die Infektionszahlen im Vergleich mit anderen Bezirken relativ hoch.

Video: Frühwarnsystem Abwasser: So sollen Corona-Hotspots erkannt werden

Im Umkehrschluss heißt das, dass in der Nordstadt mehr Menschen zusammengepfercht in Wohnungen leben, als anderswo in der Stadt. So sind in der Innenstadt-Nord laut Statistikatlas 2019 nur 1,1 Prozent der Wohnungen Ein- oder Zweifamlienhäuser. Im Schnitt hat jeder Nordstadt-Einwohner rund 30 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Zum Vergleich: In den südlichen Teilen der Stadtbezirke Aplerbeck, Hörde und Hombruch stehen den Bewohnern dagegen durchschnittlich meist über 50 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf zur Verfügung. Hier gibt es viel Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Hier wohnen keine Großfamilien auf wenig Platz zusammen in kleinen Mietwohnungen, wie etwa in der Nordstadt.

Dortmund: Häufige Begegnungen in der Nordstadt begünstigen Infektion mit Coronavirus

Damit dürfte auch das Risiko für eine Ansteckung mit dem Coronavirus steigen. Und: „Häufigere Begegnungen im öffentlichen und privaten Raum sind damit unausweichlich“, heißt es dazu von der Stadt auf eine Anfrage von RUHR24.

Die Stadt sieht vor allem in der Nordstadt ein weiteres Problem. Hier leben die meisten Menschen mit Migrationshintergrund, darunter teilweise Einwohner, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

Corona-Zahlen in der Nordstadt: Bewohner informieren sich teils in ausländischen Medien

Laut Frank Renken gebe es insbesondere in der Nordstadt viele Menschen, die sich in Medien aus anderen Ländern über das Coronavirus informieren würden*. Die Stadt sei dabei, diese Menschen - auch in ihrer Muttersprache - über die Lage in Dortmund zu informieren. Zu den Maßnahmen zählen Internet-VideoclipsBroschüren oder auch Streetwork-Arbeit in der entsprechenden Muttersprache dieser Menschen. Darin werde über AHA-Regeln oder Quarantäne-Maßnahmen informiert.

Ein weiterer Treiber für die Corona-Pandemie (hier mehr News zum Coronavirus in NRW* auf RUHR24.de lesen) könnte im Bereich des Arbeitsmarkts liegen. Der Anteil der geringfügig Beschäftigten Nordstädter liegt stadtweit auf dem Spitzenplatz. 10,4 Prozent aller 18- bis unter 65-Jährigen sind sogenannte „Minijobber“. Sie arbeiten im Gast- und dem Reinigungsgewerbe oder in der Gastronomie und im Einzelhandel - wo das Arbeiten im nahezu coronasicheren Home-Office kaum möglich ist.

Coronavirus-Gefahr im ÖPNV: Nordstadt-Bewohner haben höheres Risiko

Apropos Home-Office. Wenn Nordstadt-Bewohner zur Arbeit kommen wollen, haben sie seltener ein Auto zur Verfügung, als Menschen in anderen Stadtbezirken. Pro 1000 Einwohner hatten 2018 „nur“ 206 Menschen ein eigenes Auto. Zum Vergleich: Im Durchschnitt liegt Dortmund bei 433 Autos je 1000 Einwohner. Die meisten Autos gibt es übrigens in Hombruch. Dort sind es 511,6 Autos je 1000 Einwohner. These: Wer kein Auto hat, fährt häufiger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit oder zum Einkaufen - und hat dort dann ein höheres Infektionsrisiko.

Am Ende gibt es also nicht nur den einen Grund, warum sich in der Nordstadt von Dortmund mehr Menschen mit dem Coronavirus anstecken, als in anderen Stadtbezirken. Aber es gibt viele kleine Faktoren, die sich am Ende zu einem großen Problem summieren können. *RUHR24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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