Kampf gegen Covid-19

Luftfilter gegen Corona: Stadt Dortmund befürchtet „psychologischen Effekt“

Warum kauft Dortmund für den Kampf gegen Corona nicht für alle Klassenzimmer an Schulen Luftfilter? Die Stadt hat dazu nun Stellung genommen – und windet sich dabei.

Dortmund – Die Erwachsenenwelt wähnt sich so langsam aber sicher in trügerischer Sicherheit vor dem Coronavirus*. Über die Hälfte der Menschen in Dortmund* hat zumindest eine Impfung bekommen. Aber was ist mit den Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren? Die meisten von ihnen sitzen ungeimpft in vollen Klassenzimmern. Luftfilter könnten zusätzlich vor einer Corona-Infektion schützen – doch die Stadt zeigt sich skeptisch. RUHR24* erklärt ihre Argumente.

StadtDortmund
SchuldezernentinDaniela Schneckenburger (Grüne)
OberbürgermeisterThomas Westphal (SPD)

Dortmund: Luftfilter gegen Corona in Schulen – Stadt zeigt sich skeptisch

Am Geld scheitert eine flächendeckende Ausstattung der Dortmunder Klassenzimmer offenbar nicht unbedingt. Bereits im November 2020 beschloss der NRW-Landtag eine Förderung von 50 Millionen Euro für die Anschaffung von Luftfiltern in NRW.

Doch die Förderung gilt nicht für jeden Klassenraum, sondern nur für solche, die nicht ausreichend belüftbar sind. In Dortmund seien das laut Schuldezernentin Daniela Schneckenburger 202 Klassenzimmer. Für diese Räume seien mobile Luftreinigungsgeräte bereits beschafft worden.

Dortmund: Luftfilter sollen Lüften im Kampf gegen Corona nicht ersetzen

Doch die Schuldezernentin stellt klar, dass die Luftfilter niemals das Lüften durch die Fenster ersetzen könnten. „Das Lüften gilt derzeit als Mittel der Wahl“, so Schneckenburger. Studien der Technischen Hochschule Mittelhessen bestätigen diese Aussagen.

Als wesentliches Resultat zeigte sich in einer Studie der Hochschule, dass die Stoßöffnung aller Fenster über drei Minuten bei Außentemperaturen von 7 bis 11 Grad die eingebrachte Konzen­tration an Aerosolen bis zu 99,8 Prozent senkte. Mit vier mobilen Luftfiltergeräten in dem Raum sei nach etwa 30 Minuten eine um 90 Prozent verringerte Konzentration gemessen worden*.

Dortmund: Luftfilter zusätzlich zum Lüften gegen Corona einsetzen – warum nicht?

Auch die Kommission für Innenraumlufthygiene am Umweltbundesamt betont, dass mobile Luftreiniger kein Ersatz für ausreichendes Lüften seien.

Aber warum werden dann Luftfilteranlagen nicht zusätzlich angeschafft, sozusagen als Boosterlösung zum Lüften? Nach dem Motto: Doppelt hält besser. Schaden kann es doch nicht, oder?

Nach Einschätzung des Virologen Stephan Ludwig von der Uni Münster seien die Anlagen „in Kombination mit Lüften ein weiterer wichtiger Beitrag zur Eindämmung der Pandemie“, wie der WDR berichtet. Auch Immunologen aus Dortmund fordern längst die Anschaffung von Luftfiltern für Klassenräume, um eine vierte Corona-Welle zu verhindern*.

Corona in Dortmund: Stadt verweist auf Skepsis des Städtetags gegenüber Luftfilter

Bei der Stadt Dortmund verweist man in dieser Frage indes auf die Linie des Deutschen Städtetags, dem kommunalen Spitzenverband der kreisfreien sowie der meisten kreisangehörigen deutschen Städte. Man fürchte dort, so Daniela Schneckenburger, den psychologischen Effekt von Luftfilteranlagen. Es bestehe die Sorge, dass die Geräte dazu führen könnten, dass weniger gelüftet werde.

Luftfilter an Schulen können laut Studien das Corona-Infektionsrisiko senken.

Deutlich mehr Wirkung im Kampf gegen Corona-Aerosole könnten statt mobiler Luftfiltergeräte die sogenannten stationären raumlufttechnischen Anlagen (RLT-Anlagen) haben. Also große und fest installierte Luftfilteranlagen, wie man sie aus Großraumbüros oder Messehallen kennt. Auch dafür gibt es längst eine Förderung, dieses Mal seitens des Bundes.

Corona in Dortmund: Stationäre Luftfilter für Schulen möglich

Seit dem 11. Juni zahlt der Bund 80 Prozent der Kosten für den Neubau solcher Anlagen in Einrichtungen für Kinder unter 12 Jahren. Also im Grunde für alle Grundschulen und Kitas. Bisher wurde nur das Um- und Aufrüsten dieser Anlagen gefördert. Anlagen solcher Art gelten im Kampf gegen Corona-Aerosole als deutlich effektiver im Vergleich zu mobilen Geräten (hier weitere Corona-News aus Dortmund* bei RUHR24 lesen).

In Dortmund habe man bereits Fördermittel für stationäre Anlagen zu 100 Prozent abgerufen, so Daniela Schneckenburger, allerdings nur für größere Räume wie Aulen oder Sporthallen – und da auch nur für Sanierungsmaßnahmen oder Neubauten von Schulen. Ob auch die Mittel für die neue Installation in Klassenräumen abgerufen werden, dazu macht Schneckenburger keine Angaben.

Die Schuldezernentin gibt zudem an, bis zum Herbst 2021, also der Zeit, in der das Lüften zu kühlen Klassenzimmern führt, könne es niemandem gelingen, diese Anlagen in allen Klassenzimmern in Dortmund zu verbauen.

Corona in Dortmund: Eltern in NRW fordern 250 Millionen Euro für Luftfilter

Elternvertreter fühlen sich indes von der Politik alleingelassen. Die Initiative Raumluftfilter NRW fordert die Anschaffung von mobilen Raumluftgeräten für alle Klassenräume in NRW und schätzt die Kosten dafür auf 250 Millionen Euro. Doch die Bereitschaft, dieses Geld für alle Schulen in NRW auszugeben, ist seitens des Landes offenbar nicht da.

Zum Vergleich: In NRW wurden nach Angaben des Ministeriums bisher rund zehn Millionen Euro der 50 Millionen bereitgestellten für die Beschaffung von mobilen Luftfiltern und Fenster-Instandsetzungen für Schulen und Sporthallen bewilligt, berichtet die Rheinische Post. Selbst das vorhandene Geld wird also nicht voll von den Städten ausgeschöpft.

Anschaffung von Luftfiltern durch Spenden in Dortmund: Rechtlich nicht möglich

Bleibt ein letzter Ausweg: die Finanzierung solcher Anlagen durch Spenden seitens der Eltern oder Stiftungen. Doch auch hier steckt in Dortmund der Teufel im Detail. „Das ist rechtlich gesehen nicht möglich“, meint Schuldezernentin Daniela Schneckenburger, die auf die „Einhaltung der Gewährleistungspflicht für die Betriebsfähigkeit dieser Geräte“ hinweist. Diese müsse die Stadt übernehmen. Und das, so scheint es, ist wiederum zu teuer. RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

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