In die Illegalität gedrängt

Bordell-Chaos in Dortmund: Insiderin packt über gefährliche Corona-Situation in der Prostitution aus

Der Corona-Lockdown drängt ein Gewerbe in Dortmund in die gefährliche Illegalität.
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Die Corona-Regeln drängen ein Gewerbe in Dortmund in die gefährliche Illegalität.

Der andauernde Corona-Lockdown trifft das Prostitutionsgewerbe hart. Um Geld zu verdienen, gehen Frauen in Dortmund vermehrt illegal anschaffen. Die Gefahren sind groß.

Dortmund – Während des Corona-Lockdowns klagen viele Berufsgruppen zurecht ihr Leid. Etwa die Friseure, die nach langer Zwangspause ab März wieder öffnen dürfen, oder Gastronomen, für die die Situation mit jeder weiteren Lockdown-Verlängerung existenzbedrohender wird. Über eine andere Berufsgruppe wird derweil kaum gesprochen: Prostituierte und Sexarbeiterinnen.

StadtDortmund
BundeslandNordrhein-Westfalen
RegierungsbezirkArnsberg
OberbürgermeisterThomas Westphal (SPD)

Dortmund: Corona-Lockdown trifft Prostituierten-Szene hart – Mitternachtsmission hat viel zu tun

Dabei traf der Lockdown gerade diese Szene besonders hart. „Die durften am längsten nicht arbeiten. Zwei Wochen lang waren die Betriebe wieder offen, bevor es wieder Richtung Lockdown ging. Und die zwei Wochen waren recht mau, da viele Freier ihre persönlichen Daten zwecks Kontaktverfolgung nicht angeben wollten“, erklärt Sozialarbeiterin Hanna Biskoping von der Dortmunder Mitternachtsmission in einem Instagram-Live-Talk mit Marc Raschke, der die Unternehmenskommunikation beim Klinikum Dortmund leitet.

Die Dortmunder Mitternachtsmission ist eine Beratungsstelle für Prostituierte und Opfer von Menschenhandel aus Dortmund. Während der Corona-Pandemie haben die Mitarbeiterinnen des Vereins alle Hände voll zu tun. Das gilt besonders für Hanna Biskoping, die als Streetworkerin überwiegend die Straße im Blick hat. Also genau den Ort, an den sich das Prostitutionsgewerbe verlagert hat.

Dortmund/Corona: Lockdown der Bordelle in der Linienstraße sorgt für steigende illegale Prostitution

„Der Betrieb von Bordellen, Prostitutionsstätten und ähnlichen Einrichtungen ist untersagt. Dies gilt auch für die Erbringung sexueller Dienstleistungen außerhalb von Einrichtungen“, heißt es in der aktuellen Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen. Somit sind die 16 Bordelle in der Linienstraße – der Bordellstraße – und die neun weiteren Bordelle im Dortmunder Stadtgebiet geschlossen. Das gelte auch für weitere etwa 40 Wohnungen des Prostitutionsgewerbes in der Stadt.

Das Verbot drängt viele Frauen in die Illegalität. „Ich gehe davon aus, dass sich viele Frauen im Verborgenen prostituiert haben. Ich bin für die Straße zuständig, wo es sowieso verboten ist, sich anzuschaffen. Wir hatten dort einen Zuwachs von knapp 30 Frauen, die aus Bordellen kamen. Sie wussten nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren sollen“, erklärt Hanna Biskoping im Instagram-Talk mit Marc Raschke.

Die Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen untersagt den Betrieb von Bordellen.

Prostituierte seien in der regel selbständig und hätten hohe Fixkosten. Allein die Miete in den Bordellen in der Linienstraße in Dortmund koste zwischen 100 und 150 Euro am Tag. Einen Anspruch auf Corona-Überbrückungshilfen hat in der Prostituierten-Szene nur, wer ein Gewerbe angemeldet hat und über eine Steuernummer verfügt.

Dortmunder Mitternachtsmission warnt wegen illegaler Prostitution: „Gespickt mit Gefahren und Gewalt“

Einige Frauen seien laut der Dortmunder Mitternachtsmission im März vorübergehend in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt, andere hätten Anträge beim Jobcenter ausgefüllt. Einige hätten ihre Dienstleistungen aber eben auch auf der Straße angeboten. Das ist nicht nur illegal, sondern auch gefährlich (mehr News zu Corona in Dortmund auf RUHR24.de).

„Die Bedingungen auf der Straße sind knallhart. Du weißt nicht, mit wem du da mitfährst oder wo du die Dienstleistung verrichtest. Hotels sind ja auch geschlossen. Das ist mit vielen Gefahren und viel Gewalt gespickt.“ Hanna Biskoping und ihre ausschließlich weiblichen Kolleginnen von der Dortmunder Mitternachtsmission haben ihre Arbeit auf der Straße deshalb während der gesamten Corona-Pandemie aufrechterhalten.

„Corona hat uns auf jeden Fall herausgefordert, aber wir haben unsere Streetwork nicht unterbrochen. Auf der Straße fand die ganze Zeit Prostitution statt, da gab es keinen Lockdown. Es war der einzige Ort, um Geld zu verdienen.“ Das Team der Dortmunder Beratungsstelle ist deshalb jeden Tag auf den Straßen unterwegs.

Video: Prostituierten-Demo – „Für uns ist Hygiene nichts Neues“

„Montag bis Sonntag und an Feiertagen wie Silvester und Co. Wir wollen Präsenz zeigen: ‚Wenn was ist, könnt ihr uns ansprechen.‘ Wir verteilen kostenfrei Kondome, das ist ein Türöffner. Schokolade verteilen wir auch oft, Nervennahrung ist immer super. So kommen wir ins Gespräch.“

Konkrete Zahlen zum Anstieg der Straßenprostitution in Dortmund während der Corona-Pandemie könne der Verein noch nicht nennen. „Grundsätzlich haben wir ungefähr 1000 Kontakte im Jahr. Auf der Straße waren das im vergangenen Jahr bei den drogenabhängigen knapp 100 und bei den Straßenprostituierten knapp 50 oder 60. Es war auf jeden Fall ein Zuwachs.“

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