Auf dem Hansaplatz

Querdenker-Demo in Dortmund: "Es gibt kein Sterben durch Corona in diesem Land!"

2800 Menschen kamen am Sonntag (9. August) zum Hansaplatz nach Dortmund, um gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren. Eine Analyse.

  • In Dortmund haben sich am Sonntag (9. August) Corona-Skeptikern versammelt.
  • 2800 Menschen kamen laut Polizei auf den Hansaplatz.
  • Wir haben uns vor Ort umgeschaut.

Dortmund - "Geschäftsmodell Virus", "Groko und Lügenpresse, kriegen heute auf die Fresse" oder "Coronaimpfstoff niemals in unser Erbgut". Es sind Sprüche wie diese, die einige der laut Polizei Dortmund rund 2800 Demonstranten am Sonntag (9. August) zur Querdenken231-Demo auf den Hansaplatz auf Plakaten in die Luft gehalten haben.

Name

COVID-19-Virus / Coronavirus

Häufigste Symptome

Fieber, trockener Husten, Müdigkeit

Auftreten erster Symptome nach Ansteckung

Fünf bis sechs Tage im Schnitt

Corona-Demo in Dortmund: 2800 "Querdenker" kamen auf den Hansaplatz - Polizei im Einsatz

Masken trugen nur die Polizisten, aber es war auch keine Pflicht unter freiem Himmel. Stattdessen waren die Teilnehmer dazu aufgefordert, in 10er-Gruppen mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander einzuhalten - was mit Ach und Krach klappte. Erst rund eine Stunde nach offiziellem Beginn gab die Polizei Dortmund grünes Licht für den Start der Demo, weil die Teilnehmer sich aufgrund der Hitze verständlicherweise im Schatten zusammenrafften.

Was waren das für Menschen, die dem Aufruf des aus Stuttgart bekannten Demo-Anmelders Michael Ballweg nach Dortmund gefolgt waren? Die Antwort lautet: Es ist schwer zu sagen, denn ein einheitlicher Schlag Mensch ist es nicht, der die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung für überzogen hält. Und Abstimmungen per Handmeldungen zeigten auch, dass sich auf dem Hansaplatz nicht nur Dortmunder aufgehalten haben.

Michael Ballweg gehört zu den Gründern der "Querdenken"-Bewegung und lud bei der Demo in Dortmund Russlands Präsident Wladimir Putin zur nächsten Veranstaltung nach Berlin ein.

Ja, der ein oder andere Neonazi war bei der Querdenken-Demo in Dortmund auch am Start. Die Mehrheit aber bestand aus der klassischen Alt-68erin, auffällig vielen Mittfünfzigern, verhältnismäßig vielen Frauen - und ja - auch ziemlich vielen jungen Menschen. Kurz gesagt: Vom Bauarbeiter bis zum Rechtsanwalt, vom Ur-Dortmunder bis zum Zugewanderten war am Sonntag so ziemlich jede soziale Schicht auf dem Hansaplatz anzutreffen.

Querdenker in Dortmund: Corona-Demo setzt auf Juristen

Apropos Anwälte: Es waren vor allem Menschen dieser Zunft, die sich unter der brütenden Hitze von Dortmund auf die Bühne stellten und mal die Politik, mal die Wissenschaft oder auch "die Medien" kritisierten.

Demonstrativ wurde ein Polizist auf die Bühne geholt, um zu zeigen, dass auch diese Zunft sich schon den Protestlern angeschlossen hat. Passend dazu hallten "Schließt euch an"-Rufe über den Hansaplatz. Der Polizist wurde nach seiner Rede von der Polizei Hannover vorerst vom Dienst freigestellt.

Am 9. August 2020 kamen 2800 Menschen auf den Hansaplatz in Dortmund, um bei der Querdenken231-Demo gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren.

Dortmund, das schien am Sonntag für die Bewegung auch eine Art Warm-up für den 29. August sein, wenn die nächste Groß-Demo in Berlin stattfinden soll. Dann soll alles noch größer werden als am vergangenen Wochenende, als 17.000 Menschen durch Berlin zogen.

Und um zu zeigen, dass die "Querdenker" breit aufgestellt sind, durften Menschen mit griechischen, rumänischen, italienischen (und mehr) Wurzeln, die 2800 Teilnehmer schonmal auf Berlin einstimmen. "Andiamo a Berlino", schrie eine Frau ins Mikrofon.

Querdenker laden in Dortmund Putin und Trump nach Berlin ein

Für Berlin hat Organisator Michael Ballweg schonmal den rechtspopulistischen US-Präsidenten Donald Trump und vorsichtshalber nun auch den autoritären russischen Präsidenten Wladimir Putin "eingeladen" - auf der Bühne in Dortmund (alle Artikel im Ressort bei RUHR24.de) über das Mikrofon. "Weil Donald Trump der einzige US-Präsident ist, der noch keinen Krieg angefangen hat", so Ballweg.

Und was gibt es zu den Rednern von Dortmund zu sagen? Es ist nicht so, dass alle Redner, alle Anhänger der Querdenker populistische Parolen durch die Gegend grölen würden.

Aber wer behauptet, "es gibt in diesem Land kein Sterben durch Corona", wie Redner und "Die Bandbreite"-Sänger Marcel Wojnarowicz (aka "Wojna") auf der Bühne am Sonntag gesagt hat, der muss sich angesichts der realen Corona-Toten in Deutschland schon als Leugner bezeichnen lassen.

Ein Anruf in den entsprechenden Krankenhäusern dürfte genügen. Wojnarowicz hält das Coronavirus übrigens für eine "globale Enteignung" und die Maske für eine "Schikanemaßnahme."

Marcel Wojnarowicz sang nicht nur, er hielt vor den 2800 Teilnehmern der Querdenker-Demo am Sonntag in Dortmund auch eine kurze Rede.

Der Polizist Michael Fritsch aus Hannover* behauptete unterdessen, in Deutschland hätte es niemals eine Epidemie von nationaler Tragweite gegeben. Dass solle die Regierung "erstmal beweisen".

Coronavirus geleugnet: Querdenker ecken auch mal an

Was auffällt: Es waren viele Anwälte, die die Querdenker-Bewegung auf ihre Bühne holte. Diese Anwälte - unter anderem ein Kölner Strafverteidiger oder eine Rechtsanwältin aus Dortmund - belehrten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Sie teilten aus, was das Zeug hielt. 

Sie kritisierten, dass es - in der Wissenschaft durchaus übliche - Kurswechsel in der Strategie gegen Corona gab. Und am Ende, ja, da leugneten sie auch, dass es das Coronavirus gibt. "Bisher ist noch nie jemand positiv auf nur irgendeinen Virus getestet worden. Es gibt keinen Killervirus", sagte der Rechtsanwalt Wilfried Schmitz.

Wilfried Schmitz ist Rechtsanwalt und glaubt nicht an die Gefahr durch das Coronavirus.

Die Querdenker: Sie wollen nicht Leugner genannt werden, bezeichnen das Coronavirus aber als "angebliche Pandemie". Sie wollen keine Rechten sein, laden aber Donald Trump auf ihre nächste Demo ein. Sie wollen, dass unsere Wirtschaft wieder floriert, fordern aber dazu auf, Geschäfte zu boykottieren, die auf die Maskenpflicht beharren - also derzeit mehr oder weniger alle.

Man kann die Corona-Maßnahmen kritisch sehen und es ist wichtig, sie ständig auf den Prüfstand zu stellen. Die Frage ist nur das Wie. Zumindest für einen Teil der Redner stellt sich die Frage, ob es hier noch um das Coronavirus geht, oder um eine viel tiefer sitzende, gesellschaftliche Unzufriedenheit. *Zuvor hatten wir berichtet, es handle sich um einen "ehemaligen Polizisten". Das trifft nicht zu.

Rubriklistenbild: © Daniele Giustolisi/RUHR24

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