Auf Baugrundstück

Dortmund: Archäologen finden fast 3000 Jahre Gegenstände

Auf einem Baugrundstück in Dortmund haben Archäologen alte Wasserschächte ausgegraben.

Dortmund – Eigentlich sollten am Pleckenbrink in Dortmund-Wickede neue Wohnhäuser entstehen. Bei Bauarbeiten wird auch immer zuerst die Bodendenkmalpflege der Stadt hinzugezogen. Die Denkmalbehörde hat nun jedoch einen spannenden Fund bei den Baumaßnahmen gemacht.

StadtDortmund
BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner587.696 Einwohner
Fläche280,7 km²

Archäologischer Fund in Dortmund: Wohnhäuser sollen auf alten Wasserspeicher entstehen

Eine Auswertung von historischen Kartenwerken zeigte, dass das Grundstück vor den Baumaßnahmen keine tief reichenden Bodeneingriffe erfahren hat, wie die Stadt Dortmund in einer Pressemitteilung berichtet. Stattdessen wurde die Fläche im 19. und 20. Jahrhundert mit bis zu zwei Meter mächtigen Schichten aus Lösslehm aufgefüllt (alle News aus Dortmund bei RUHR24).

Neben dem äußerst fruchtbaren Lössboden, der überall am Nordhang des Dortmunder Rückens vorzufinden ist, ergab die Auswertung der Stadt außerdem, dass hier einst ein Quellhorizont vorzufinden war.

Die zukünftige Häuserlandschaft war gerade dazu prädestiniert, dass sich die Menschen in der Vorgeschichte hier ansiedelten, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Die Lage an dem seit Jahrtausenden existierenden Hellweg, ermöglichte zudem die Anbindung an ein überregionales Austausch- und Handelsnetz.

Dortmund: Rund um den Hellweg gibt es immer wieder archäologische Funde

Bereits in der Vergangenheit waren Baumaßnahmen auf den Nachbargrundstücken durch die Denkmalbehörde begleitet worden. Doch mangels einer Unterkellerung waren die dabei durchgeführten Bodeneingriffe nicht tief genug, um gewisse Kulturschichten zu erreichen.

Es konnten lediglich moderne Planierschichten aus (Bau-)Schutt sowie darunter liegende umgelagerte Mineralböden beobachtet werden – und diese gaben Rätsel auf, denn diese Schichtabfolge war keine kleinräumige Erscheinung, sondern konnte bei allen Erdarbeiten beobachtet werden. Doch wer hatte die Motivation und vor allem die erforderliche Infrastruktur, um solch große Mengen an Sediment mit einem Ochsenkarren, einem Pferdegespann oder einem motorisierten Gefährt zu bewegen?

Ziegelsteine sind der Auslöser: In Dortmund und im Ruhrgebiet war die Produktion sehr wichtig

Die Antwort findet sich in der Geschichte der Region. Mit der fortschreitenden Industrialisierung im heutigen Ruhrgebiet nahm der Bedarf an Ziegeln für die Industrie, aber auch für die Wohnbebauung stark zu. Überall entstanden Ziegeleibetriebe, die in einfachen Feldbrandmeilern oder später beispielsweise in Ringöfen die dringend benötigten Backsteine brannten.

Um an den für die Ziegelproduktion erforderlichen Lehm zu gelangen, mussten die oberen Erdschichten abgetragen werden, wodurch große Abraummengen entstanden. Offensichtlich hatte man die große Fläche am Pleckenbrink in Dortmund genutzt, um diese Sedimente hier abzulagern.

Wasserschächte in zwei Metern Tiefe: Baugrundstück in Dortmund beherbergt Sensationsfund

„Wir haben hier vorgeschichtliche Siedlungszeugnisse in 2 Meter Tiefe“, so Archäologe Dr. Senczek von der Firma Archaelogie.de. Wenig später stand fest, in allen Suchschnitten fanden sich Besiedlungsspuren in Form von dunklen Verfärbungen im „gewachsenen“ Boden.

Zeichnerische Dokumentation des Profils der Wasserstelle. Deutlich ist im unteren Bereich der Grube die feingliedrige Bänderung zu erkennen.

Neben den sogenannten Pfostengruben oder (Abfall-)Gruben, die eine vorgeschichtliche Siedlungsstelle auszeichnen, erregte aber ein übergroßer, amorpher Grubenbefund die besondere Aufmerksamkeit der Archäologen in Dortmund. Neben der Form und der Größe unterschied sich die Grube besonders durch die dunkle und torfige Verfüllung.

Silexklingen und Pfeilspitzen: Archäologischer Fund in Dortmund-Wickede entdeckt

Nicht nur Gefäßreste und Tierknochen enthielt die Füllung, sondern auch mehrere Silexartefakte, also Klingen und eine Pfeilspitze aus Feuerstein. In etwa 1,80 Meter Tiefe zeigte sich eine feingliedrige Bänderung in der Füllung, die viele Schalen von etwa 2-4 Millimeter großen Schneckentieren enthielt. Offensichtlich musste diese Grube über längere Zeit wasserführend gewesen sein.

Lithische Artefakte aus dem Grubenbefund. Neben zwei Silexklingen konnte unter anderem auch eine vollständig erhaltene Pfeilspitze aus honiggelbem Silex geborgen werden.

Während die geborgenen Gefäßreste aus der Grube am ehesten in einen eisenzeitlichen (800 v. Chr. bis zur Zeitenwende) Zeithorizont datiert werden können, passen die Silexklingen und besonders die kleinen Pfeilspitzen aus Feuerstein in die Übergangsphase vom Neolithikum (Steinzeit) zur Bronzezeit.

Lang erhaltene Siedlungsstelle in Dortmund-Wickede bei Bauarbeiten entdeckt

Damit decken allein die geborgenen Funde aus der Grube eine Zeitspanne von circa 2.800 Jahren ab. Derzeit laufen die naturwissenschaftlichen Untersuchungen an den Knochenfunden, den Schnecken und Sedimentproben, erklärt die Stadt Dortmund.

Sollten die Ergebnisse der 14C-Datierungen tatsächlich eine ähnlich lange Nutzungsdauer dieser Grube bestätigen, so wäre das eine Sensation. Üblicherweise hatte eine vorgeschichtliche Siedlungsstelle eine Lebensdauer von wenigen Generationen. Waren die Gebäude baufällig, lieferte der ausgelugte Boden nicht mehr genug Ertrag oder war der angrenzende Wald stärker abgeholzt, fand eine Neugründung in einer gewissen Entfernung statt.

Kreuzschnitt der Grube. Deutlich setzt sich das dunkle torfige Sediment von dem anstehenden Boden ab

Am Hellweg gelegen: Nicht der erste Fund dieser Art in Dortmund

Bereits 2015/16 konnten Archäologen an der Reichshofstraße in Dortmund einen ähnlichen Grubenkomplex dokumentieren, der aufgrund seiner torfigen Sedimente und den darin enthaltenen Schneckenschalen als Wasserstelle interpretiert wurde. Die archäologischen Funde, es waren einige Keramikscherben und Silexartefakte sowie ein kleiner Reibstein, datierten die Fachleute in die Bronzezeit.

Doch die Radiocarbondatierung lieferte ein Ergebnis, welches überraschte: Offensichtlich war dieser Grubenkomplex eine über 4.000 Jahre offene Wasserstelle, die fast 1.500 Jahre durch den Menschen genutzt und gepflegt wurde. Auch für den vorgestellten Grubenbefund vom Pleckenbrink in Dortmund-Wickede darf eine Funktion als Wasserstelle angenommen werden.

Sowohl die Wasserstelle an der Reichshofstraße, wie auch der nun jüngst dokumentierte Wassergrubenbefund sind ein Beleg für die sehr frühe und dauerhafte Nutzung der siedlungsgünstigen Lagen entlang des Hellwegs.

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