Bild: Nadja Lucas/Dortmund24

Rund 50 Schüler und Lehrer von 15 Dortmunder Schulen haben sich am Mittwoch (15. November) in der Aula des Helmholtz-Gymnasiums getroffen, um sich über gewaltbereiten Salafismus zu informieren und auszutauschen. Wir waren dabei und haben Schüler gefragt, ob sie für das Thema sensibilisiert sind. 

Zwei Jahre ist es her, dass islamistische Terrorkommandos in Paris 130 Menschen ermordeten. Bei den Ermittlungen zu den Terroranschlägen am 13. November 2015 führte eine Spur nach Nordrhein-Westfalen – und sogar nach Dortmund. Terror und Salafismus scheinen also gar nicht allzu weit weg. Schon Kinder und Jugendliche werden religiös radikalisiert, deswegen gibt es Wegweiser Dortmund. Deren Motto: „Gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus.“

Wegweiser Dortmund ist ein Präventionsprogramm gegen den gewaltbereiten Salafismus. Ziel des Programms ist es, den Einstieg in die extremistische Szene zu verhindern. Bei einer Veranstaltung im Helmholtz-Gymnasium vermittelte die Veranstaltung eine Sensibilisierung für die Faktoren von Radikalisierungsprozessen im Namen der Religion. Auch Fragen wie „Was ist der extremistische, gewaltbereite Salafismus?“, „Welche Gefahren gehen damit einher?“ und vor allem „Warum bleibt der Einstieg für junge Leute weiterhin so attraktiv?“ standen im Raum.

Umfrage unter Schülern

Rund 50 Schüler und Lehrer von 15 verschiedenen Schulen trafen sich am Mittwoch (15. November) im Helmholtz-Gymnasium an der Münsterstraße in der Nordstadt, um sich über gewaltbereiten Salafismus zu informieren und auszutauschen. 

  • Zwei Schüler aus der zehnten Klasse der Albrecht-Dürer-Realschule meinen: „Noch nicht, aber wir wollen es als Thema aufgreifen.“
  • Drei Mädchen (neunte Klasse) der Max-Born-Realschule finden: „Darauf sensibilisiert sind wir nicht.“ Und fügen hinzu: „Es (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist das Thema Salafismus) kommt zu kurz.“ Und genau das wollen sie ändern.
  • Vier Jungen (neunte Klasse) des Max-Planck-Gymnasium sind hier, weil sie „ein bisschen was gewusst haben“ und sich noch weiter mit dem „wichtigen Thema“ auseindersetzen wollen.
  • Zwei Schülerinnen (zehnte Klasse) des Goethe-Gymnasium finden, das Thema Salafismus ähnele dem Rechtsextremismus. „Im Alltag bekommen wir davon nichts mit, aber es ist schon präsent.“ Deswegen wollen auch sie ihre Mitschüler auf das Thema aufmerksam machen.
  • Vier Schüler, ebenfalls vom Goethe-Gymnasium, sagen, sie seien „nicht direkt sensibilisiert“. Auch sie sind hier, um etwas über das Thema zu erfahren und dann weiterzugeben. Probleme hätten sie allerdings noch nicht gehabt.
  • Zwei Mädchen (zehnte Klasse) des Helmholtz-Gymnasium machen es ganz deutlich: „In unserer Klasse sind die verschiedensten Religionen, aber wir sind zusammen verschmolzen. Religion spielt keine Rolle.“

Auch Dr. Dirk Bennhardt, Schulleiter des Helmholtz-Gymnasiums, meint: „Friedlich miteinander leben, ist das Wichtigste.“ So geben Weltreligionen den Menschen Kraft. Aber gewaltbereiter Salafismus gehöre zu „Auswüchsen, die man nicht braucht“, so der Schulleiter.

Das Helmholtz-Gymnasium an der Münsterstraße. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
Das Helmholtz-Gymnasium an der Münsterstraße. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Wegweiser: „Individuell, anonym, kompetent, lokal vernetzt“

Mithilfe von des Wegweiser-Projektes soll der „Ausstieg vor dem Einstieg“ gewährleistet werden. Die Fälle werden anonym behandelt. Es sei allerdings die Pflicht der Bürger, Anzeige zu erstatten, wenn sie wissen, dass „jemand in ein Kriegsgebiet ausreisen möchte, um einer Terrorgruppe beizutreten oder schlimmeres“, so die Vertreter von Wegweiser, die lieber selbst auch anonym bleiben möchten.

Heutzutage spricht man von Neosalafismus, sagen sie. Eine Reformbewegung der Salafiyya mit einer strikten Orientierung an der Lebensweise der frühen Muslime. Sie stehe unter anderem für die Rückkehr zum Vorbild des Propheten und für die Modernisierung durch Tradition. Also für eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Islams.

Religion als Ideologie

Davon gehe erst einmal keine Gefahr aus. Das Stichwort lautet hier: Religionsfreiheit. Deswegen teilt Wegweiser den Salafismus in drei Kategorien ein:

  • Puristischer Salafismus (strikte Ablehnung von Gewalt)
  • Politischer Salafismus (Ablehnung von Gewalt)
  • Gewaltbereiter Salafismus („Ihnen ist alles egal, um deren Ziele zu erreichen“, so ein Vertreter von Wegweiser. Religion diene dann als Ideologie.)

Doch was sind die Hintergründe für eine Radikalisierung? Laut Wegweiser wird den Kindern und Jugendlichen eine Erlebniswelt geboten. Wenn sie sich radikalisieren, bekommen sie einen „charismatischen Führer“, Emotionen, eine Ersatzfamilie, eine Gemeinschaft und ein neues Lebensgefühl, sie kommen aus ihrer vermeintlichen Opferrolle heraus und können sich gegen die Gesellschaft auflehnen. So gelangen sie wieder an ein erhöhtes Selbstwertgefühl. Insgesamt gebe es allerdings viele unterschiedliche Faktoren, die genutzt werden, um Kinder und Jugendliche zu radikalisieren.

Das Helmholtz-Gymnasium an der Münsterstraße. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
Auf dem Schulhof des Helmholtz-Gymnasium hängt ein Transparent auf dem steht: „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

„Falsch googeln und Pierre Vogel gibt die falschen Antworten“

Aufgrund der Hintergründe lassen sich auch die möglichen Ursachen ableiten: fehlende Anerkennung, Diskriminierung, Propaganda, die Suche nach Aufgaben, die Suche nach der eigenen Identität und fehlende „soziale Wärme“. Dazu kommen Hintergründe wie prekäre Familiensituationen (Trennung der Eltern, Tod eines Angehörigen), psychische Auffälligkeiten, kognitive Defizite, Drogenmissbrauch, Jugendkriminalität, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen, Lebenslagen. So müsse man nur einmal „falsch googeln und Pierre Vogel (Anmerkung der Redaktion: Pierre Vogel ist ein deutscher islamistischer Prediger) gibt die falschen Antworten“, so die Leute von Wegweiser. Weiter werde versprochen, dass „dir alles gegeben wird, wenn du den Islam richtig auslebst“.

So wird auch schnell deutlich, was Salafisten den Kindern und Jugendlichen bieten: Lifestyle, Orientierung, ein einfaches Weltbild, klare Feindbilder, Erlebnis, Möglichkeit zum Protest, Subkultur mit eigenen Regeln und ein romantisches Weltbild mit Helden. „Man kann es mit Sekten vergleichen“, machen die Vertreter von Wegweiser klar. „Wenn der Führer sagt, das ist so, wird das nicht hinterfragt. So fallen die Kinder und Jugendlichen in eine Abhängigkeit, in der ihnen die eigene Familie selbst nicht mehr religiös genug ist. Salafisten nutzen hierfür besonders die Selbstfindungsphase der jungen Leute aus. Deswegen sei es sehr wichtig, in der Gesellschaft und in der Clique jederzeit gut aufgefangen zu werden.

Wegweiser hilft dabei, mögliche Konflikte anzusprechen. Wegweiser berät und begleitet euch, falls ihr der Meinung seid, jemand in eurem Umfeld wird radikalisiert. Trotz allem gebe es „kein Patentrezept, welche Knöpfe man drücken muss“. Das sei alles „Beziehungsarbeit“, in der gelernt werden muss, die Gefühle des jungen Menschen zu verstehen. „Kommunikation ist ganz, ganz wichtig.“

Die Wegweiser-Hotline ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr besetzt: 0231/53214614. Weitere Informationen findet ihr hier