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Seit dem SPD-Parteitag am 21. Januar wollten in Dortmund knapp 100 Menschen Mitglied bei der Partei werden. Das sind fast zehnmal so viele wie sonst. Was steckt dahinter?

Die SPD hat auf ihrem Parteitag am 21. Januar entschieden, Koalitionsverhandlungen mit der Union aufzunehmen. Dieser Entschluss ist in der Partei heftig umstritten. Auf dem Parteitag waren 56 Prozent für die Verhandlungen, 44 Prozent dagegen.

Der Dortmunder SPD-Abgeordnete Marco Bülow ist gegen eine Große Koalition. Er fordert, dass die SPD in die Opposition geht. Er sagte unserer Redaktion am Montag vor dem Parteitag: „Ich fürchte, dass man die Spaltung der Partei riskiert.“ Poschmann dagegen sieht keine sinnvolle Alternative zur Neuauflage der Großen Koalition. „Meiner Einschätzung nach gibt es nur diese Möglichkeit“, sagte sie. Sie ist jedoch keine Befürworterin davon.

Jusos riefen zum Eintritt auf

Vor allem die Jungsozialisten (Jusos) sind gegen eine neue Große Koalition. Nach der Abstimmung auf dem Parteitag starteten sie eine Aktion. Sie warben mit dem Hashtag #NoGroKo dafür, dass Groko-Gegner in die SPD eintreten. Sie sollen bei dem geplanten Mitgliederentscheid gegen die Große Koalition stimmen. Damit erhoffen sich die Jusos, die Groko doch noch zu stoppen.

„Die Stimme jedes Mitglieds – ob Parteivorsitzender oder Neumitglied – ist gleich viel wert“, heißt es in einem Aufruf des NRW-Juso-Chefs Frederick Cordes. Zugleich machte ein Juso-Sprecher laut der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf aber deutlich, dass die Partei nicht auf kurzfristige Protest-Aktivisten zähle, sondern auf dauerhaft bleibende Parteimitglieder. Die jetzigen Eintritte seien von der Alters- und Berufsstruktur völlig gemischt, sagte der Sprecher. „Das ist keine Juso-Welle, die da losschwappt.“

Neumitglieder-Welle in NRW und Dortmund

Und doch ist die Welle enorm. In der NRW-SPD haben zwischen dem Parteitag am 21. Januar und Montag (29. Januar, Stand 12 Uhr) circa 2.600 Menschen einen Antrag gestellt. In den drei Wochen davor (1. Januar bis 20. Januar) waren es nur etwa 300 Anträge. Auf ihrer Webseite schreibt die NRW-SPD, dass der Januar 2018 einen Monatsrekord bei den Neumitgliedern für die vergangenen Jahrzehnte darstellen könnte. Ein Sprecher der NRW-SPD sagte gegenüber der dpa, dass die Aufmerksamkeit für die Parteieintritte einen „Multiplikatoreffekt“ bewirkt haben könnte. Das heißt: Erst wollen viele Menschen in die SPD eintreten. So bekommt dieses Phänomen viel Aufmerksamkeit, wodurch noch mehr Menschen eintreten wollen.

Dieser Trend ist auch in Dortmund zu sehen. Laut Christa Becker-Lettow, Geschäftsführerin des SPD-Unterbezirks Dortmund, haben innerhalb einer Woche nach dem Parteitag fast 100 Dortmunder einen Mitgliedsantrag gestellt. Bis Montag (29. Januar) wurden 82 Anträge über das Internet eingereicht und etwa 15 Dortmunder kamen persönlich zur Dortmunder Geschäftsstelle, um Mitglied zu werden.

Mit vielen, die persönlich vorbei kamen, sprach Becker-Lettow. „Sie erzählen mir, dass sie eintreten wollen, um beim Mitgliederentscheid mitzustimmen“, sagt die Geschäftsführerin. Die Leute seien aber nicht dem Aufruf der Jusos gefolgt. Manche hätten noch gar nicht gewusst, ob sie für oder gegen die Große Koalition stimmen wollen. Es seien auch nicht nur junge Menschen gewesen. Im Gegenteil: „Die meisten waren über 40“, sagt Becker-Lettow.

Frist bis 6. Februar

Am Montag (29. Januar) hat die SPD bekannt gegeben, dass nur Mitglieder, die bis zum 6. Februar um 18 Uhr in die Partei eingetreten sind, mitstimmen dürfen. Das heißt, dass bis dahin der Antrag gestellt und vom entsprechenden Ortsverein angenommen sein muss.

Becker-Lettow ist optimistisch, dass alle Anträge, die bis zum 6. Februar in Dortmund gestellt werden, bis zur Frist bearbeitet werden. Die Ortsvereine seien angewiesen, das Verfahren zu beschleunigen. Für jeden einzelnen der 64 Dortmunder Ortsvereine ist das laut Becker-Lettow nicht viel Arbeit. „Da hat jeder nur etwa eine Handvoll zu bearbeiten“, sagt sie. Die Anträge würden sich gut über das Stadtgebiet verteilen.

Die Geschäftsführerin kann sich nicht vorstellen, dass ein Dortmunder Ortsverein sich dazu entscheidet, einen Antrag nicht anzunehmen. „Man kennt den Antragsteller im Normalfall ja nicht“, erklärt sie. Im normalen Betrieb werden die eingehenden Mitgliedsanträge in Dortmund laut Becker-Lettow automatisch angenommen, wenn sie vier Wochen alt sind. Das heißt, die Ortsvereine stimmten nicht aktiv zu. Im beschleunigten Verfahren sollten sie das nun machen.

Kein Ende in Sicht

Am Montag (29. Februar), also eine Woche nach dem Parteitag der SPD, pflegte das Serviceteam in der Dortmunder Geschäftsstelle laut Becker-Lettow stündlich neue Mitglieder in das System ein. „Wir haben längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht“, meint sie.

In einer durchschnittlichen Woche gehen bei der Dortmunder SPD etwa zehn bis zwölf Mitgliedsanträge ein. Demnach waren es in der Woche nach dem Parteitag fast zehnmal so viele wie sonst. Insgesamt hat die Dortmunder SPD zwischen 6.300 und 6.700 Mitglieder, sagt Becker-Lettow.