Hohe Dunkelziffer vermutet

Coronavirus: Weniger häusliche Gewalt trotz Lockdown? Frauenhäuser und Jugendamt sind alarmiert

Trotz Lockdown verzeichnet die Polizei einen Rückgang der Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Doch die offiziellen Zahlen verheißen nichts Gutes.

  • Während des Coronavirus-Lockdowns ist die Zahl der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt deutlich zurückgegangen.
  • Trotzdem zeigen sich Experten alarmiert.
  • Jugendamt und Frauenhäuser befürchten eine nicht zu unterschätzende hohe Dunkelziffer

Dortmund/NRW - "Diese Nachricht ist leider nicht nur eine Gute!" Anke Widow, Sprecherin der Stadt Dortmund und zuständig für den Bereich Kinder, Jugend und Familie, ist besorgt, berichtet RUHR24.de*. Und nicht nur sie, auch Mitarbeitern des Jugendamtes, die normalerweise direkt an der Front arbeiten und bei Problemen in der Familie helfen, stehen die Sorgenfalten auf der Stirn, seit aufgrund des Coronavirus der Lockdown verhängt wurde (mehr zur Coronavirus-Krise in NRW im Live-Ticker*).

Coronavirus: Kaum Einsätze wegen häuslicher Gewalt trotz Lockdown 

Anlass, diese Sorgen zu äußern, gibt eine jüngst vom NRW-Innenministerium veröffentlichte Statistik: Die Zahl der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt sei deutlich zurückgegangen. Knapp 4300 Einsätze habe es unter dem Coronavirus-Lockdown gegeben. Im gleichen Vorjahreszeitraum seien es 5800 Einsätze gewesen. Das entspräche einem Rückgang von 26 Prozent. Etliche Experten hatten laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) eigentlich mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt gerechnet. 

"Es ist ruhig, zu ruhig, das macht Angst", so eine Mitarbeiterin des Jugendamtes, die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte. Denn die Erfahrung der Experten zeigt, dass in Situationen, in denen Familienmitglieder notgedrungen eng aufeinander hocken, Streitsituationen schnell eskalieren. Noch schneller kommt es zu Gewalt. Gegen Kinder, Frauen, aber auch gegen Männer.

Erfahrung der Experten: Gewalt nimmt in Zeiten wie der Coronavirus-Krise zu

"Aufgrund unserer langjährigen Praxiserfahrung wissen wir, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen insbesondere in Krisenzeiten tendenziell steigt", so Aysel Sirmasac vom Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW.

Es handelt sich zwar nicht um eine Krise, aber auch Weihnachten ist normalerweise so eine Zeit. Wenn Familienmitglieder "aufeinander hocken" und der Alltag fehlt. Immer wieder warnt auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) vor zunehmender Gewalt über Weihnachten und dem Jahreswechsel. In dieser Zeit muss die Polizei normalerweise besonders häufig ausrücken, weil es zwischen Familienmitgliedern gewaltsam kracht.

Coronavirus-Lockdown: Schwere Zeiten für Opfer häuslicher Gewalt

Der Lockdown, der aufgrund des Coronavirus* verhängt wurde, ist der Weihnachtszeit in gewisser Weise ähnlich. Die Kinder blieben zu Hause, Mama oder Papa vielleicht auch. Kurzarbeit, Jobverlust und finanzielle Sorgen kamen in der Coronavirus-Krise möglicherweise noch obendrauf. 

Coronavirus: Franziska Giffey (SPD) mit einem Kampagnenplakat zum Start der bundesweiten Zusammenarbeit der Supermärkte gegen häusliche Gewalt.

Außerdem: Kaum Ablenkung von außen. Experten befürchteten schon zu Beginn des Coronavirus-Lockdowns, dass potenziellen Opfern häuslicher Gewalt* eine schwere Zeit bevorstehen könnte.

Zum einen, weil das normale "Kontroll-System" weggebrochen sei, gibt Anke Widow zu bedenken. Die Stadtsprecherin meint damit Lehrer oder Trainer in Sportvereinen, die erkennen könnten, wenn sich ein Kind anders verhält oder Blessuren aufweist - und dann helfend zur Seite stehen.

Häusliche Gewalt unter Coronavirus-Lockdown: Kaum Möglichkeit Hilfe zu holen

Zum anderen aber auch, weil Opfer häuslicher Gewalt womöglich unter der ständigen Kontrolle ihrer Peiniger stehen könnten. Heimlich die Notrufnummer zu wählen ist deutlich schwieriger, wenn der oder die Gewalttäter/in nie das Haus verlässt. 

"Unter den gegebenen Umständen ist die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen, oder die Polizei einzuschalten, nicht für jede gewaltbetroffene Frau gegeben." Aysel Sirmasac, Sprecherin des Dachverbands, spricht bewusst von Frauen, auch wenn natürlich auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sein können. Doch die Expertin weiß: "Die überwältigende Mehrheit der Opfer von Gewalt in Nahbeziehungen sind weiblich." 

Coronavirus-Lockdown: Dunkelfeld der häuslichen Gewalt hoch

"Das Dunkelfeld der häuslichen Gewalt wird höher liegen als sonst", ist sich Sirmasac sicher. Damit teilt sie die gleiche Befürchtung, die auch Anke Widow hat. "Die Zahlen in Dortmund gehen laut der Meldungen vom Jugendamt zurück, doch ich vermute eine hohe Dunkelziffer. Man kann leider nicht hinter die Mauern schauen. Wie die Situation tatsächlich aussieht, wird sich erst im Nachhinein zeigen", so die Stadtsprecherin.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Kinderschutz Notruf-Nummer in Dortmund: (0231) 50 12345

Notruf des Frauenhaus Dortmund: (0231) 80 00 81

Bundesweites Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 08000 116 016

msp

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Rubriklistenbild: © dpa/"obs/Weisser Ring e.V./Viktor Strasse; Collage: RUHR24

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