Chaos bei den Daten

Dortmund: Corona-Zahl sorgt für Kopfschütteln bei Experten – „nutzlos“

Die Hospitalisierungsrate gilt in Deutschland als Indikator für neue Corona-Maßnahmen. Die Zahlen seien aber „nutzlos“, meint das Gesundheitsamt Dortmund.

Dortmund – Monatelang haben sich Virologen und Politiker in Deutschland an der Sieben-Tage-Inzidenz als Richtwert für geltende Corona-Regeln orientiert. Der Inzidenzwert hat über Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren bestimmt.

BehördeGesundheitsamt Dortmund
AdresseHoher Wall 9-11, 44137 Dortmund
LeiterDr. Frank Renken

Hospitalisierungsrate als Corona-Maßstab: Beruht der Richtwert auf fehlerhaften Daten?

Mit Inkrafttreten des neuen Infektionsschutzgesetzes am 15. September (Mittwoch) hat sich diese Herangehensweise geändert. Nun gilt: Die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz wird ab sofort als Gradmesser für politische Entscheidungen in Bezug auf das Pandemie-Geschehen in Deutschland betrachtet. Die Zahlen sollen den Anteil der Patienten pro 100.000 Einwohner wiedergeben, die wegen einer Corona-Infektion innerhalb der vergangenen sieben Tage in Kliniken eingeliefert worden sind.

Nun stellt sich jedoch mehr und mehr heraus, dass das neue Leitkriterium für Corona-Regeln offenbar auf fehlerhaften Daten beruht.

Fehler bei der Hospitalisierungsrate – Missverständnisse zwischen RKI und Kliniken

Laut einem Bericht der Welt am Sonntag, soll es zwischen dem Robert Koch-Institut (RKI), das für die korrekte Darstellung der Hospitalisierungsinzidenzen verantwortlich ist, und den Krankenhäusern zu großen Missverständnissen kommen (weitere Corona-Nachrichten aus NRW bei RUHR24 lesen).

Zum Hintergrund: Um die Hospitalisierungsrate in Deutschland einzuordnen, melden die Kliniken ihre Corona-Patienten zunächst den Gesundheitsämtern. Daraus errechnet das RKI den aktuellen Wert. Gemeldet werden sollen laut RKI nur Patienten, die auch wirklich aufgrund einer Infektion in die Klinik eingeliefert wurden.

Und genau an dieser Stelle kommt es offenbar zu Fehlern. Dem Bericht zufolge melden viele Krankenhäuser dem RKI nämlich auch Patienten, die zwar mit dem Coronavirus infiziert sind, ursprünglich aber wegen anderer Krankheiten in die Klinik mussten.

Gesundheitsamt Dortmund: Leiter Frank Renken spricht von „Chaos“ bei Hospitalisierungsrate

Stichprobenartige Abfragen bei Gesundheitsämtern sollen außerdem ergeben haben, dass diese sich meistens nicht noch einmal bei den Kliniken rückversichern, ob die Patienten ursprünglich wegen Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Die Daten werden demnach ohne weitere Rücksprache ans RKI übermittelt.

Video: Ansteckung trotz Corona-Impfung

Das kann auch Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamts in Dortmund bestätigen. Seines Wissens nach nimmt das Robert-Koch Institut auch Patienten in seiner Hospitalisierungsrate mit auf, die oft nur durch routinemäßige Testungen bei der Aufnahme in der Klinik positiv getestet worden sind.

Diese Patienten würden zum Teil von den Krankenhäusern am nächsten Tag schon wieder entlassen. „Das ist leider viel chaotischer, als ich mir das vorgestellt habe“, so Renken gegenüber der Welt am Sonntag (mehr News aus Dortmund bei RUHR24).

Frank Renken leitet das Gesundheitsamt in Dortmund.

Amtsleiter aus Dortmund: Werte der Hospitalisierungsrate sind „für mich nutzlos“

Einen weiteren Schwachpunkt sieht der Gesundheitsamtsleiter in der fehlenden Aktualität der Daten, mit denen das RKI die Hospitalisierungsrate festlegt. Diese seien dem Experten aus Dortmund zufolge um drei bis vier Tage veraltet. Die Folge: Die Inzidenzen aus den Kliniken würde deshalb aktuell häufig zu niedrig ausfallen. „Der Wert ist damit für mich nutzlos, wenn ich früh erkennen soll, ob die Krankenhäuser überlastet werden“, so Renken.

Auch der Spiegel hatte zuletzt darüber berichtet, dass die RKI-Zahlen ein verzerrtes Bild abgeben würden. Die Statistik beruhe demnach auf Corona-Patienten, die in den vergangenen sieben Tagen einen positiven PCR-Test hatten. Bei einem Teil liege der Test aber schon länger zurück, was dazu führe, dass diese Daten nie in die Berechnung der Hospitalisierungsinzidenz einfließen würden.

Rubriklistenbild: © Bodo Schackow/dpa, Stadt Dortmund; Collage: RUHR24