Schulen in der Corona-Pandemie

„Wir schaffen das nicht“: Gesundheitsamt Dortmund überträgt Corona-Aufgabe an Lehrer

Das Gesundheitsamt entscheidet, wer in Quarantäne muss. Eigentlich. Doch die Inzidenz unter Schülern explodiert förmlich – in Dortmund kommt das Amt nicht mehr hinterher.

Dortmund – Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat die Zeichen der Zeit offenbar erkannt: Die Quarantäne-Regeln an den Schulen in NRW sollen geändert werden. Zukünftig, so fordert es Gebauer, sollen nur noch nachweislich mit Corona infizierte Schüler in Quarantäne gehen. Enge Kontaktpersonen wie Sitznachbarn nicht mehr. In Dortmund könnte dann vielleicht auch wieder das Gesundheitsamt entscheiden, wer in Quarantäne geht. Denn das hat zwischenzeitlich offenbar aufgegeben – und Lehrern diese Bürde auferlegt.

StadtDortmund
OberbürgermeisterThomas Westphal
Inzidenz 158,6 (31. August)

Schulen in Dortmund entscheiden über Corona-Quarantäne der Schüler – Gesundheitsamt verliert Übersicht

Ein infizierter Schüler reicht, um eine ganze Lerngruppe oder gar eine ganze Klasse in Quarantäne zu schicken. So ist es vielerorts geschehen, besonders jetzt nach den Ferien. Denn seit in NRW die Schule wieder begonnen hat, steigt die Corona-Inzidenz besonders unter den jüngeren Schülern rasant. Auch in Dortmund (mehr Corona-News aus NRW bei RUHR24 lesen).

Dabei sieht die Verordnung in NRW lediglich vor, dass bei einem Corona-Fall „enge Kontaktpersonen“ in häusliche Quarantäne geschickt werden müssen. In einer Klasse sind das laut dpa in der Regel alle Mitschüler, die vor, hinter, rechts oder links vom Infizierten gesessen haben. Doch Kinder sind mobil, sie bewegen sich im Klassenraum, sie haben mehr enge Freunde, als nur ihren Sitznachbarn. Und wer hat überhaupt die Übersicht, nebem wem die Kinder in der Schule saßen?

Corona in Dortmund: Lehrer schicken Schüler in Quarantäne – Gesundheitsamt kommt nicht hinterher

Für das Gesundheitsamt Dortmund lag die Antwort auf die Frage, wer am besten beurteilen kann, wer als enge Kontaktperson eines einzelnen Schülers gilt, auf der Hand: Es sind die jeweiligen Lehrer. Und so griff das Amt in der Not zum offenbar einzig möglichen Ausweg und beauftragte die Schulen damit, betroffene Schüler zu benachrichtigen, wenn sie in Quarantäne gehören.

Wer gilt als enge Kontaktperson, wer nicht? Nur der Sitznachbar? Besonders Grundschüler sind mobil und sitzen nicht immer am Platz.

Wie die WAZ berichtet, kapitulierte das Gesundheitsamt Dortmund schlicht vor der immer weiter steigenden Zahl von Infektionsfällen an den Schulen. Zwar gilt weiterhin, auch in Dortmund, dass eine Quarantäne grundsätzlich nur vom Gesundheitsamt angeordnet werden kann. Doch an mindestens einer Schule in Dortmund übernimmt die Benachrichtigung über die Quarantäne nun die Schule selbst – angeordnet von der Stadt.

Dortmund: Corona-Inzidenz explodiert, vor allem unter Schülern

Denn laut WAZ habe das Gesundheitsamt Dortmund per Mail an eine Schule erklärt, dass „es derzeit nicht leistbar sei, alle Sitzpläne zu überprüfen, wenn eine Corona-Infizierung festgestellt wurde.“ Daher würden Klassenkameraden eines infizierten Schülers nun nicht mehr vom Gesundheitsamt benachrichtigt und unter Quarantäne gestellt. Stattdessen müsse diese Aufgabe nun die Schule selbst übernehmen. „Wir schaffen das derzeit nicht“, erklärte Pressesprecherin Anke Widow der Zeitung.

Tatsächlich liegt die Inzidenz in NRW Ende August bei den Fünf- bis 14-Jährigen bei weit über 300. Rund 30.000 Kinder befinden sich aktuell in Quarantäne. Mediziner sprechen sogar davon, dass die „Durchseuchung der Kinder“ begonnen habe. Diese Entwicklung geht auch an Dortmund nicht vorbei. In der Altersklasse der sechs- bis zehnjährigen etwa, lag die Inzidenz in Dortmund in der vergangenen Woche (23. bis 29 August) laut Stadt bei 524.

Schulen in Dortmund: Lehrer sind über Quarantäne-Regelung entsetzt

Zuletzt zwangen die steigenden Corona-Zahlen die Stadt sogar dazu, Maßnahmen wieder zu verschärfen. Oberbürgermeister Thomas Westphal fordert jetzt die Einführung der sogenannten 2G-Regel. Doch damit ist den Schülern in dieser Altersgruppe ohnehin wenig geholfen. Denn bislang gibt es keinen Impfstoff, der für unter 12-Jährige zugelassen wäre. Zumal die Regel nur für den privatwirtschaftlichen Sektor (Restaurants, Fitnesstudios, Clubs) gelten könnte.

Wie die WAZ weiter berichtet, ruft die Nachricht aus Dortmund unter Lehrern jedoch großes Entsetzen hervor. „Ich bin schockiert“, soll die Vorsitzende des Philologenverbands Nordrhein-Westfalen erklärt haben. Es sei ganz klar nicht die Aufgabe der Lehrer Quarantäneregelungen umzusetzen, das sei klar die Aufgabe des Gesundheitsamtes. „Unser Schwerpunkt sind die pädagogische Arbeit und der Unterricht.“

Rubriklistenbild: © Ronny Hartmann/dpa

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