Am Samstag sind in Dortmund rund 500 Menschen für die Legalisierung von Cannabis auf die Straße gegangen. Wer sind die Menschen, die beim Global Marijuana March mitlaufen? Wir haben versucht, es herauszufinden.

Dortmund – Global Marijuana March: Das klingt für viele nach asozialen Alt-68ern, schluffigen Grünenwählern oder rastalockentragenden Bob-Marley-Verschnitten. Wer in Deutschland Gras raucht, der wird in vielen Kreisen belächelt und als drogensüchtiger Hippie abgestempelt.

Beim Global Marijuana March zogen hunderte Befürworter der Cannabis-Legalisierung durch die Straßen von Dortmund. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Wer sind die Menschen aber wirklich, die für die Legalisierung von Cannabis auf die Straße gehen, ihre Gesichter in die Kameras halten und Schilder wie „THC statt AFD“ basteln? Das wollte ich herausfinden – und habe mich unter die Demoteilnehmer beim Global Marijuana March gemischt.

Der Geruch von Gras liegt in der Luft

Das erste Klischee ist schon nach drei Sekunden bestätigt: Reggaemusik dröhnt aus den Boxen am Platz von Buffalo, im Schatten des U-Turms. Und ja: Es liegt auch der süßliche Geruch von Gras in der Luft, der mit der Zeit immer kräftiger wird. Die gelangweilten Motorradpolizisten am Straßenrand scheint das nicht zu stören. Organisatorin Nadja Reigl von den Piraten ermahnt noch schnell alle Demonstranten. Gras sollte auf der Demo nur geraucht werden, wenn es medizinisch notwendig sei. Es scheint auf der Demo offenbar jede Menge solcher medizinischen Fälle zu geben.

Der Demozug startete am Platz von Buffalo gegenüber des U-Turms. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Etwas abseits treffe ich Christian (36), der allein zur Demo gekommen ist. Christian will sich „keinen Kopf mehr machen wegen der Kriminalität“, will legales und sauberes Gras rauchen. Mit 19 habe er das erste Mal an einem Joint gezogen, sei danach nicht mehr davon weggekommen. Einmal habe er sich Gras in einem dunklen Park besorgt, danach ging es ihm nicht gut. „Und die Dealer machen damit auch noch ordentlich Reibach“, sagt er. Es sei also an der Zeit, das Gras ungestreckt in professionellen Läden zu kaufen.

Einsatz für legales Marijuana

Man hört dieses Argument während der Demo oft: legaler und dafür sauberer Stoff statt illegale Drecksgemische. Und dazu bräuchte man eine rechtliche Grundlage. Die in Deutschland aber derzeit nicht in Aussicht ist.

Auf dem Rednerpult beginnen die ersten Referenten zu sprechen. Erst Piratin Nadja Reigl, dann ein Mitglied der Linken, am Ende Katja Bender von den Grünen. Sie stellen die „Verhinderungspolitik“ der großen Parteien wie die der CDU an den Pranger, zitieren aus medizinischen Studien, die Graskonsum als nicht schädlicher als Alkohol ansehen. Der Tenor: Legalisiert das Gras, kontrolliert den Anbau und dessen Verkauf und alles wird gut.

Der Marsch setzt sich in Bewegung. Es geht über den Wall am Hauptbahnhof vorbei. Erstmal in die Nordstadt, dann zurück in Richtung Westpark.

Mit zwölf Jahren angefangen

Ganz hinten läuft Viola (40) aus Dortmund mit der Demo mit. Sie erzählt mir, dass sie mit zwölf angefangen habe, Gras zu rauchen. In einem Alter, in dem Gleichaltrige einst an Fußballsammelkarten und Zoobesuche dachten.

Über ihren älteren Bruder sei die an die Droge gekommen, rauchte anfangs exzessiv. „Ich habe gemerkt, dass Alkohol mich kaputtmacht, das Rauchen aber nicht“, sagt sie. Dabei weisen Ärzte daraufhin, dass Graskonsum gerade in jungen Jahren in den Hirnstoffwechsel eingreift und auch die Hirnstruktur verändern kann. Das äußere sich in Denk- oder Gedächtnisstörungen oder in Unkonzentriertheit.

Viola verrät mir, dass sie in der Eventbranche arbeitet. „Da sehe ich, was der Alkohol mit den Menschen macht – er macht sie dumm.“ Kiffer seien dagegen friedliche Menschen. Was Viola nicht versteht, ist die Logik des Staats. Sie ist der Meinung, wenn Cannabis verboten ist, müsste es auch der Alkohol sein. „Ich finde aber, es sollte jeder selbst entscheiden, was er konsumiert.“

Und so marschiert die Demo am Hauptbahnhof vorbei in Richtung Nordstadt. Am Straßenrand machen Passanten Fotos und Videos, zeigen lachend mit dem Finger auf die Demoteilnehmer. „Guck mal, die sind alle dicht“, sagt eine Beobachterin ihrer Freundin und grinst sich ins Fäustchen.

Lieber Gras, als Alkohol

Mit einer gelb getönten Sonnenbrille läuft ein paar Meter daneben Stephan (29) aus Bochum im Marsch mit. „Viele sagen, dass man nichts mehr auf die Kette bekommt, wenn man Gras raucht – das kann ich von mir nicht behaupten“, sagt er. Stephan ist Maschinenbaustudent in Bochum, hat aktuell einen Schnitt von 1,7. Zum Gras sei er gekommen, als er gemerkt habe, was der Alkohol mit ihm anstellt. „Man sagt und macht Dinge, die man hinterher bereut.“ Dann erzählt er mir, dass sein Vater Alkoholiker gewesen sei. Da habe er beschlossen, keinen Alkohol mehr zu trinken – und ging zum Grasrauchen über.

Ähnlich geht es Monika (51). Sie trinke gar keinen Alkohol mehr, doch genau damit fing alles an. „Im besoffenen Kopp habe ich einen Joint probiert und mochte es.“ Heute raucht sie ab und zu mal Gras, wenn sie nicht schlafen kann zum Beispiel, zur Entspannung.

Menschen suchen Entspannung

Ich stelle fest, dass es das ist, was viele suchen: Entspannung. Sie halten den Graskonsum für nicht weniger verwerflich als Alkohol. Sie glauben, dass es nicht kriminell sein kann, sich mit Gras ein paar schöne Stunden zu machen. Sie zeigen ihr Gesicht auf der Demo, halten Schilder in die Luft auf denen „Geh mal weg mit Saufen, ich will lieber eine rauchen“ steht. Und obwohl die Meisten mir offen ihre Cannabisgeschichte erzählen, verraten sie mir immer nur ihren Vornamen, wollen sich nicht alleine fotografieren lassen. Wohl aus Angst, sie könnten später für ihre offenen Worte gesellschaftlich geächtet werden.

Beim Global Marijuana March zogen Hunderte Bewürworter des Cannabis-Konsums durch die Straßen von Dortmund. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Am Ende fällt mir ein junger Mann mit weißem T-Shirt, Sonnenbrille und großen Kopfhörern auf. Er stellt sich als Tom vor. Woher er kommt, will er mir nicht verraten. Tom trägt ein Schild mit der Aufschrift „Gegen staatliche Bevormundung – freies Hanf für freie Bürger“. Als er mir erzählt, dass er mit 13 angefangen habe, Gras zu rauchen, fängt er kurz an zu stocken. Zu persönlich, sagt er, sei das, was danach geschehen sei. „Nicht medientauglich“, nennt Tom es. Es sei viel schief gelaufen, doch heute habe er einen anderen Blick auf die Dinge – und auch eine klare Botschaft an die Politik: Cannabis legalisieren und Kinder und Jugendliche von Anfang an dafür sensibilisieren. „Damit die Kleinen nicht in die falschen Kreise geraten.“