Bild: Sandra Schaftner/Dortmund24

Mehrmals im Jahr macht auf Twitter der Hashtag #dobombe die Runde. Die Stadt verschickt Meldungen über den Fund eines Blindgängers und die Medien geben die Hinweise an die Bevölkerung weiter. Aber „gefunden“ wird die Bombe meistens schon Wochen vorher.

Die Evakuierung und Bombenentschärfung sind eigentlich nur ein kleiner Teil des ganzen Vorgangs. Was davor los ist, davon bekommt die Bevölkerung wenig mit. Zeit, euch mit hinter die Kulissen zu nehmen!

1. Ein Bau steht an

Die meisten Bomben werden in Dortmund gefunden, weil jemand bauen möchte. Denn heutzutage darf niemand ein Haus errichten, ohne dass vorher festgestellt wurde, dass der Bereich frei von Kampfmitteln ist. Dafür muss der Bauherr einen Antrag auf Luftbildauswertung bei der Stadt Dortmund stellen. Das gilt übrigens für Häuser, Keller, Anbauten, Leitungen oder Straßen. Dieser Antrag ist Pflicht – auch wenn die Oma sich sicher ist, dass auf das Grundstück keine Bomben gefallen sind, sagt Karl-Friedrich Schröder, technischer Einsatzleiter vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe. Dieser Dienst ist für die drei Regierungsbezirke Arnsberg, Münster und Detmold zuständig.

2. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst überprüft Hunderte Luftbilder

Die Stadt gibt den Antrag auf Luftbildauswertung an den Kampfmittelbeseitigungsdienst weiter. Dieser Dienst besitzt 130.000 Luftbilder aus dem Zweiten Weltkrieg für die Region Westfalen-Lippe. Etwa 10.000 bis 12.000 solcher Luftbilder zeigen die Fläche von Dortmund.

Die Luftbilder wurden zwischen 1940 und Herbst 1945 von den Alliierten gemacht. Sie wollten damit die Effizienz der Bombardierungen dokumentieren. Mit Aufklärungsflugzeugen flogen sie während des Krieges bis kurz nach Kriegsende über Deutschland. Danach lagen die Bilder einige Jahre in der Schublade. In den 50er bis 60er Jahren kam man auf die Idee, die Aufnahmen zu nutzen, um Blindgänger ausfindig zu machen. Ab den 60er Jahren arbeitete dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe erstmals mit Luftbildern, vorerst jedoch nur mit etwa 20.000. Seit dem Jahr 2000 hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst die heutige Anzahl an Luftbildern für die Region von Großbritannien gepachtet. 

Die Aufnahmen lagern in einem Raum beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in Hagen. An die Öffentlichkeit dürfen die Bilder nicht geraten. Denn das hätte in verschiedenen Bereichen fatale Auswirkungen. Unter anderem würden Grundstücke mit Blindgängern sehr stark an Wert verlieren.

Die Luftbilder zeigen, wie Deutschland von oben vor, während und nach den Angriffen der Alliierten ausgesehen hat. Erkennbar sind unter anderem Schützengräben und Bombeneinschläge. Seit dem Jahr 2000 kann der Kampfmittelbeseitigungsdienst daher schon sagen, wo beispielsweise auf dem Gebiet der ehemaligen Westfalenhütte Blindgänger liegen könnten. Er wird aber erst tätig, wenn ein Antrag auf Luftbildauswertung vorliegt. So sieht es das Verfahren vor.

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Das ist eines von 130.000 Luftbildern für die Region Westfalen-Lippe. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Für einen einzigen Bauantrag schauen die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes nicht alle Bilder an, aber dennoch eine ganze Menge: Wenn ein Antrag für den Innenstadtbereich von Dortmund gestellt wird, muss der Dienst etwa 350 Bilder auswerten, im übrigen Dortmund sind es im Schnitt 200 Bilder.

Die Luftbilder zeigen den Kriegsverlauf

„Wir versuchen anhand der Bilder den Kriegsverlauf genau nachzuvollziehen“, erklärt Klaus Bekemeier, Leiter des Dezernats 22, zu dem der Kampfmittelbeseitigungsdienst gehört. Die Bilder liegen zwar auf Papier vor. Heutzutage werden sie aber digitalisiert. Das hilft bei der Arbeit. „Früher saßen die Mitarbeiter hier mit der Lupe vor den Aufnahmen“, erzählt Bekemeier. Heute vergrößert der Computer das Bild.

Eine Vergrößerung ist oft nötig, weil Blindgänger ziemlich klein abgebildet sind. Einen Bereich, auf den viele Bomben abgeworfen wurden, könnt ihr euch wie eine Kraterlandschaft mit ganz vielen Trichtern und schwarzen Punkten inmitten von (zerstörten) Gebäuden und Landschaft vorstellen. Jeder Trichter steht für eine detonierte Bombe. Schwarze Punkte sind meistens die Einschlaglöcher von Blindgängern. „Man braucht ein gutes Auge für die Aufgabe“, meint Bekemeier. „Wenn man sagt, dass das Grundstück frei von Blindgängern ist, muss man sich relativ sicher sein.“

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Das ist Klaus Bekemeier, Leiter des Dezernats 22 bei der Bezirksregierung Arnsberg, zu dem der Kampfmittelbeseitigungsdienst gehört. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes rekonstruieren mit den Bildern alle Kriegshandlungen auf dem Grundstück. Dazu gehören nicht nur Bombenabwürfe, sondern zum Beispiel auch Artilleriebeschuss, Schützengräben und Flakstellungen. Das dauert. Laut Bekemeier sitzt der Kampfmittelbeseitigungsdienst bei größeren Anträgen wie für Wilo oder die Westfalenhütte viele Wochen.

Je nach Ergebnis der Auswertung geht es dann mit dem nächsten Schritt weiter. Wenn der Dienst Blindgänger ausschließen kann, lautet die gute Nachricht: Es darf gebaut werden! Kann der Dienst das nicht mit Sicherheit ausschließen, dauert es noch.

3. Die Suche vor Ort

Könnte es laut den Luftbildern einen Blindgänger geben, steht ein Ortstermin an. Die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes treffen sich mit den Bauherren auf dem Grundstück. Durch die Auswertung aus dem Geo-Informations-System wissen sie, wo genau sie suchen müssen. Und das ist oft schon die erste Herausforderung. Manchmal steht an der Stelle bereits ein Haus – dann ist ein Tunnel notwendig. Pflaster und dichte Bepflanzung müssen weg, bevor die Arbeit losgeht. Schwierig wird es auch, wenn viele Metallteile im Boden liegen. Der Detektor für die Bomben sucht nämlich nach Auffälligkeiten im Erdmagnetfeld. Die werden durch große Metallteile hervorgerufen. Das können Blindgänger sein, aber auch Eisenrohre.

Die ganze Sache wäre nicht so schwierig, wenn die Bomben immer auf unbebauter Fläche wenige Meter unter dem Erdboden liegen würden. So ist es aber häufig nicht. Wenn Gebäude auf der Fläche stehen, müssen Tunnel gegraben oder Löcher in den Boden gebohrt werden. Wird der vermutliche Blindgänger nicht von den oberirdischen Detektoren entdeckt, gräbt der Kampfmittelbeseitigungsdienst tiefe Löcher in den Boden – bis zu 37 Bohrungen pro zwölf Meter Durchmesser. Dabei ist immer größte Vorsicht angesagt. „Wir müssen so vorgehen, als ob der Blindgänger bei der kleinsten Bewegung hochgehen könnte“, sagt Bekemeier.

Bei Zufallsfunden fängt der Prozess meist erst an dieser Stelle an. Oft liegen die Blindgänger laut Bekemeier schon in der Baggerschaufel, wenn der Kampfmittelbeseitigungsdienst zu zufälligen Funden gerufen wird. Sie sind gar nicht so selten, wie man meinen könnte. 2017 wurden in Dortmund sechs Blindgänger zufällig gefunden, die schwerer als 15 Kilogramm waren. Dazu kamen 23 Bomben, die über das Verfahren der Luftbildauswertung aus dem Boden geholt wurden.

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Diese Bomben hier sind Ausstellungsstücke. Aber wenn so ein Stück in der Baggerschaufel liegt, ist es höchste Zeit zu handeln. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

4. Die Art der Bombe wird bestimmt

Das weitere Vorgehen hängt von der Art der Bombe ab. Wichtig ist zum Beispiel, ob es sich um einen sogenannten Aufschlagzünder oder um einen Aceton-Zünder handelt. Ein Aufschlagzünder ist vergleichsweise ungefährlich, weil er nur bei einem heftigen Aufschlag eine Reaktion auslöst. Aceton-Zünder können möglicherweise schon durch Ausbuddeln zünden.

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Beim Kampfmittelbeseitigungsdienst liegen zur Veranschaulichung auch aufgeschnittene Bomben herum. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Außerdem müssen die Experten herausfinden, welches Kaliber an Bombe sie vor sich haben. Das bestimmt den Umkreis bei Evakuierungen. Bei einer 250-Kilogramm-Bombe sind es im Schnitt 250 Meter, wenn sie etwa fünf Meter tief liegt. Entscheidend für die Beurteilung ist auch, ob große Häuser in der Umgebung als Schutzmantel dienen können.

5. Evakuierung, Absperrung und Entschärfung

Dann erst folgt der Teil der Geschichte, den wir hauptsächlich mitbekommen. Die Stadt verschickt eine Meldung über den Bombenfund und die Medien verbreiten sie weiter. Wenn nötig werden Anwohner evakuiert und das Gebiet wird abgesperrt. Dann macht sich meistens ein Trupp von zwei Mitarbeitern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes an die Entschärfung der Bombe. Die meisten Blindgänger entschärfen die Experten aus der Ferne. Wenn das nicht geht, kämen Bohrmaschine und Rohrzange zum Einsatz, erklärt Schröder. Er hat schon unzählige Bomben für den Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft. Oft war er auch schon in Dortmund dabei.

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Karl-Friedrich Schröder ist einer der Helden, die die Bomben vor Ort entschärfen. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Und irgendwann heißt es dann im Liveticker von Dortmund24: „Die Stadt meldet, dass die Bombe erfolgreich entschärft wurde!“

In Hessen explodierte ein Blindgänger von selbst – und hinterließ einen riesigen Krater im Boden.