Bewerbermarkt

Dortmunder Bewerber „stellen Forderungen“ – Händler verzweifeln an Azubis

Der Einzelhandel sucht händeringend nach neuen Azubis. Wie schwierig die Lage in Dortmund ist, weiß ein Experte der IHK. Er hofft auf Veränderungen.

Dortmund – Dass Fachkräfte im Bereich des Handwerks und des Einzelhandels fehlen, ist für die einzelnen Betriebe und Geschäfte seit Jahren schon ein großes Problem. Mit Blick auf den Mangel an Auszubildenden erklärt ein Dortmunder Branchenexperte gegenüber RUHR24, wie dramatisch die Lage aktuell ist – und wieso er noch Hoffnung hat.

Bewerbermangel im Einzelhandel betrifft auch Dortmund – Betriebe suchen neue Azubis

Die Bewerbungsgespräche für klassische Ausbildungsberufe im Einzelhandel haben sich verändert. Gegenüber den Ruhr Nachrichten beklagte ein Inhaber eines Dortmunder Einrichtungsgeschäfts jüngst, dass junge Bewerber immer mehr fordern, einige gleichzeitig aber einen zu geringen Bildungsstand hätten.

Daher sei es „schwieriger geworden, geeignete Auszubildende zu finden“, erklärt er. Manche wollten eine Vier-Tage-Woche, andere keine Samstagsschichten, wiederum andere hingen sehr viel vorm Smartphone und seien dadurch unaufmerksam – im Einzelhandel natürlich schwierig. Trotz dieser Herausforderungen suchen viele Dortmunder Einzelhandelsbetriebe momentan händeringend nach neuen Azubis (mehr News aus Dortmund auf RUHR24).

Mehrheit der Einzelhändler klagt über fehlendes Personal – Dortmunder Fachgeschäft muss ohne Azubis auskommen

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Auf RUHR24-Nachfrage gab Hornbach an, dass im Einstellungsjahr 2022 „mehr als 410 Auszubildende Ihren Berufsweg bei HORNBACH begonnen“ hätten. Das sei „noch einmal ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zu dem hohen Niveau in den Jahren davor“, erklärt Jochen Braun, Mitglied der Geschäftsleitung der HORNBACH Baumarkt AG.

Andere Unternehmen äußerten sich auf Nachfrage nicht. Laut diverser Umfragen sollen aber „etwa 60 Prozent aller Einzelhändler über fehlendes Personal klagen“. Es gebe „nicht mehr genug Bewerber für einen Ausbildungsplatz“, berichten die Einzelhandel-News.

„Masterplan Einzelhandel“ soll Betriebe in Dortmund stärken

Bei der Drogeriemarktkette DM seien im Jahr 2022 beispielsweise rund 1900 Ausbildungsplätze unbesetzt. Der Branche fehlten einer Studie zufolge zwischen Juli 2021 und Juni 2022 insgesamt durchschnittlich mehr als 37.000 passend qualifizierte Fachkräfte, berichtet die Fachzeitschrift Lebensmittel-Praxis.

Das Problem ist auch in Dortmund, wo der seit 2004 bestehende „Masterplan Einzelhandel“ unter anderem eine flächendeckende Nahversorgung sichern soll, bekannt. Gegenüber RUHR24 gab eine Mitarbeiterin des Dortmunder Fotofachgeschäfts Kosfeld an, dass man in den vergangenen Jahren keine Azubis mehr habe einstellen können. Schuld sei die Coronakrise gewesen, wodurch „die Lage nicht mehr ganz so dolle wie noch vor ein paar Jahren“ sei.

Dortmunder Experte ist sich sicher: Corona-Pandemie verhinderte Berufsorientierung

Dass es „in diesem Jahr mehr freie, unbesetzte Stellen als Bewerber“ im Einzelhandel gibt, weiß auch Dirk Vohwinkel, Leiter der Ausbildungsberatung bei der IHK zu Dortmund. Für ihn spielt die Corona-Pandemie eine wichtige Rolle.

Denn nach der Pandemie hätten nicht alle Betriebe ihre Stellen wieder besetzen können. Es fehle zudem an Angeboten zur Berufsorientierung, so der Dortmunder Experte.

„Durch die Lockdowns konnten keine Praktika stattfinden, (...) Bildungsmessen fielen aus“ erklärt Vohwinkel. „Die angebotenen digitalen Formate, mit denen die Betriebe entgegensteuern wollten, sind von den jungen Leuten leider auch nicht so gut angenommen worden, wie erhofft“.

Rund 1500 Azubis im IHK-Kammerbezirk Dortmund – 800 Kaufleute und 700 Verkäufer

In der Folge habe man unter anderem in Dortmund nun „Schulabgänger, die sehr unorientiert sind, was ihre berufliche Perspektive angeht“. Deshalb entschieden sich viele, doch noch weiter zur Schule zu gehen und bewerben sich nicht auf freie Ausbildungsplätze.

Nach wie vor seien Ausbildungsgänge zum Einzelhandelskaufmanns sowie zum Verkäufer sehr begehrt, erklärt Vohwinkel. Aktuell werden laut der IHK Dortmund in etwa 1500 Personen im Einzelhandel im Kammerbezirk ausgebildet. Rund 800 Betriebe bilden dabei im Bereich des kaufmännischen Einzelhandels aus, zum Verkäufer lassen sich aktuell etwa 700 Personen ausbilden.

Junge Bewerber stellen neue Forderungen – Dortmunder Einrichtungshaus ächzt

Das Problem, dass junge Bewerber vermehrt Forderungen im Bewerbungsgespräch stellen, kommt für Vohwinkel wenig überraschend. Die Not des Inhabers des Dortmunder Einrichtungshauses könne er dabei auch durchaus nachvollziehen. „Die jungen Leute wissen natürlich um die Situation am Bewerbermarkt und um ihre starke Verhandlungsposition“, erklärt er. Dazu seien heutzutage eben „Viele mit dem Handy in der Hand geboren“.

Der Markt drehe sich so immer mehr zum Bewerbermarkt. In dem Bewusstsein, dass sich viele Bewerber ihren Ausbildungsplatz aussuchen können, stellen sie dann eben entsprechende Forderungen. „Dazu gehören flexible Arbeitszeiten oder mobiles Arbeiten von zu Hause aus“, erklärt Vohwinkel.

Mitarbeiter der IHK-Dortmund will duale Ausbildung im Einzelhandel gegenüber Studiengängen attraktiver machen

Für den Mitarbeiter der IHK zu Dortmund ist klar, dass man die zwei- bzw. dreijährige Ausbildung im Einzelhandel wieder attraktiver gestalten und dem Studium gleichsetzen muss. „Das duale Ausbildungssystem soll neben dem Studium nicht mehr als ‚Beruf zweiter Klasse‘ verkauft werden“, findet er.

Während einige beispielsweise irgendeinen Bachelor of Arts anstrebten, um überhaupt etwas zu studieren, seien andere bereits längst in einen Einzelhandels-Beruf integriert. „Sie verdienen dann eher Geld und sind auch schneller in höheren Positionen“, erklärt Dortmunder IHK-Mitarbeiter.

Der Einzelhandel kämpft mit dem Mangel an jungen Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungsplätze.

Dortmunder Ausbildungsbetriebe sollen sich laut IHK-Mitarbeiter für Bewerber interessant machen

Ausbildungsbetriebe im Dortmunder Einzelhandel sollten weiter schauen, dass sie von den jungen potenziellen Bewerbern wahrgenommen werden. Ebenso sei es wichtig, die Azubis stets fair zu bezahlen und „mit den Rohdiamanten entsprechend verantwortungsbewusst“ umzugehen. Außerdem sollten sich die Betriebe den jungen Leuten regelmäßig verstärkt auf Messen präsentieren.

Im Rahmen ihrer Möglichkeiten bliebe den Betrieben zudem wohl kaum etwas anders möglich, als Zugeständnisse zu machen. Flexibilität sei das Stichwort. Hoffnung macht Vohwinkel die geplante Ausbildungsoffensive-Kampagne der IHK Dortmund, in der 2023 wieder mehr Bewerber den Geschmack am Einzelhandel finden sollen.

Rubriklistenbild: © Olaf Döring via www.imago-images.de

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