Mehr als nur eine Trainerfrage: Der BVB auf der Suche nach einer neuen Identität

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Dem BVB fehlt ein klares Konzept; Foto: dpa

Beim BVB ist eine Diskurssion um Trainer Favre entbrannt. Doch die Probleme liegen tiefer: Dem Verein aus Dortmund fehlt seit Jahren eine neue Identität.

Der BVB geht mit einer Enttäuschung in die Länderspielpause. Nach dem 2:2 beim SC Freiburg wird auch die Kritik an Trainer Lucien Favre (61) immer lauter. Aber Borussia Dortmund hat grundsätzlichere Probleme: schon seit langem weiß niemand mehr so richtig, wofür der Verein steht und welche Strategie man dort verfolgt.

  • Noch muss Lucien Favre in Dortmund nicht akut um seinen Job bangen.
  • Die im Sommer hochgelobte Transferpolitik wirft Fragen auf.
  • Vier BVB-Trainer in vier Jahren sind ein alarmierendes Zeichen.

Favres Kredit bei den Fans des BVB ist aufgebraucht

Auch nach dem erneut enttäuschenden 2:2 in Freiburg am gestrigen Samstag konzentriert sich die Kritik der meisten BVB-Fans, deren Fanclub mit den Schalke-Ultras abrechnet, auf den Trainer Lucien Favre. In den Foren und sozialen Medien werden bereits Nachfolger hoch- und runterdiskutiert.

Zuletzt war deshalb erneut über das Dortmunder Interesse am Bremer Trainer Florian Kohfeldt berichtet worden. Auch Ralf Rangnick (61) soll – laut Bild – ein heißer Kandidat beim BVB sein.

Zumindest in den Fankreisen und Medien ist die Trainerdiskussion in vollem Gange. Beim BVB selber ist es zumindest nach Außen hin noch ruhig. Eine Entlassung des Schweizers scheint nicht unmittelbar bevorzustehen. Jetzt zunächst ohnehin eine Pause an, einige Profis sind für Länderspiele mit ihrer jeweiligen Nationalmannschaft unterwegs.

Vier Trainer in vier Jahren: Diese Entwicklung sollte dem BVB zu denken geben

Seit dem Ende der Klopp-Ära 2015 ist Lucien Favre seit 2018 Cheftrainer bei Borussia Dortmund und damit der vierte Trainer in vier Jahren. Eine Entwicklung, wie man sie sonst eher von den Nachbarn aus Gelsenkirchen kennt.

Und eine Entwicklung, die alarmierend ist, denn sie zeigt, dass die Probleme beim BVB tiefgründiger sind. Sie zeigt, dass dem BVB eine grundsätzliche Strategie fehlt.

Thomas Tuchel (46), Peter Bosz (55), der die Wechselgerüchte um Kai Havertz (20) und Borussia Dortmund befeuert, Peter Stöger (53), Lucien Favre – die letzten Trainer in Dortmund standen alle für eine andere, teilweise vollkommen unterschiedliche Art von Fußball. Zwischenzeitlich war auch Julian Nagelsmann als BVB-Trainer im Gespräch, wechselte dann aber zu RB Leipzig.

Dem BVB fehlt seit Jahren eine klare Linie und strategische Ausrichtung

Mal dominanter Ballbesitz, wie unter Tuchel. Dann aggressives Pressing, wie unter Bosz. Mal passive Spielkontrolle, wie unter Favre. Dem BVB fehlt eine klare Linie und eine Identität. Welcher Fußball soll gespielt werden? Welcher Trainer kann diesen Fußball bieten? Und welche Spieler braucht der Trainer dafür?

All diese Fragen konnten in Dortmund in den letzten Jahren nur unzureichend beantwortet werden. Zudem scheint man in Sachen Ausrichtung und Zielsetzung nicht unbedingt an einem Strang zu ziehen. Lucien Favre hat weiterhin ein Problem mit den öffentlich kommunizierten Titelambitionen. Außerdem sträubt sich der Lehmeister gegen eine Verpflichtung eines weiteren Stürmers. Zorc hat zum Beispiel Alexandr Sobolev für den BVB im Auge.

Auch die hochgelobte Transferpolitik wirft Fragen auf

Auffällig: Während noch unter Klopp (erfolgreich) die strategische Planung und Transferpolitik am Trainer ausgerichtet wurde, scheint man Tuchel, Bosz und Favre eher von Oben eine Mannschaft aufs Auge gedrückt zu haben, die in einigen Teilen nicht den Vorstellungen des Trainers entspricht.

Für die Transfers von Julian Brandt (23), Nico Schulz (26), Thorgan Hazard (26) oder Mats Hummels (30) wurde der BVB im Sommer viel gelobt. Als wirkliche Verstärkung erwies sich bislang nur Rückkehrer Hummels. Besonders mit Julian Brandt scheint Favre bislang noch nicht viel anfangen zu können.

Dortmund läuft Gefahr, in ein Loch zu fallen

Vielleicht ist eine Trainerentlassung unausweichlich. Das darf beim BVB aber nicht der einzige Schritt bleiben. Es braucht wieder eine Strategie, bei der Vereinsführung, Trainer und Mannschaft an einem Strang ziehen.

Sonst besteht die Gefahr, in ein Loch zu fallen. Als warnendes Beispiel könnte dabei Manchester United dienen. Der Weltclub aus der Premierleague ist ebenfalls nach dem Ende einer Ära (Alex Ferguson) auf der Suche nach einer neuen Identität. Bislang allerdings erfolglos.