Vor dem BVB-Spiel in Freiburg

Nils Petersen im Exklusiv-Interview: „Geilheit von Erling Haaland ist beeindruckend“

Nach dem FC Bayern ist vor dem SC Freiburg. Der BVB steht vor einem schweren Spagat – und einem schweren Stück Arbeit, wie Nils Petersen im Interview mit RUHR24 prophezeit.

Dortmund/Freiburg - Am 2. Bundesliga-Spieltag ist Borussia Dortmund beim SC Freiburg zu Gast. Für Nils Petersen kommt das Spiel gegen den BVB noch etwas zu früh. Der beste Joker aus ganz Europa (29 seiner 84 Bundesliga-Tore als Joker, so viele wie kein anderer) peilt sein Comeback nach einer Knie-Verletzung und über einmonatigen Zwangspause eine oder zwei Wochen später an.

BVB zu Gast beim SC Freiburg: Nils Petersen im Interview über Erling Haaland und Julian Brandt

Dennoch nahm sich der 32-Jährige vorab zwischen einer Behandlung beim Physiotherapeuten und dem Mittagessen Zeit für ein Interview mit RUHR24. In dem spricht Nils Petersen nicht nur darüber, was den BVB nach der Pleite im Supercup gegen den FC Bayern München beim SC Freiburg erwartet, ob die Schwarz-Gelben Meister werden können oder über die Gegenspieler Erling Haaland sowie Julian Brandt.

Der Stürmer urteilt zum Beispiel auch kritisch über Paris Saint-Germain und Lionel Messi, spricht über seine Corona-Erkrankung im März und verrät, warum Fußballer „treulose Tomaten“ sind.

Bei dir ist es nicht nur eine reine Höflichkeitsfloskel zum Einstieg: Wie geht es dir und kannst du nächste Woche ins Mannschaftstraining zurückkehren?
Ich hoffe, diese Woche schon Teile des Mannschaftstrainings absolvieren zu können. Gegen den BVB werde ich auf keinen Fall schon spielen können. Ich brauche erst einmal wieder einen gewissen Rhythmus und die Power für das Niveau statt nur zwei, drei Einheiten. Ein realistischer Zeitpunkt für ein Comeback ist nach dem Spiel in Stuttgart. Vielleicht sitze ich im Derby ja zumindest auf der Bank.
Du hattest hier und da schon einmal Verletzungen, die dich einen Monat lang außer Gefecht gesetzt haben. Ansonsten bist du aber in der Karriere vom ganz großen Pech verschont geblieben.
Ja, ich bin dankbar, bislang so gut durch die Karriere gekommen zu sein. Klar ist man von den Operationen genervt. Aber es gibt sicherlich viele Spieler, die es sofort unterschrieben hätten, so eine größtenteils verletzungsfreie Karriere zu absolvieren, wie ich.
Nils Petersen ist beim SC Freiburg Leistungsträger. Vor dem Heimspiel gegen den BVB schwärmt er von Erling Haaland.

Nils Petersen (SC Freiburg) vor BVB-Spiel im Interview: Im März an Corona erkrankt

Du bist im März an Corona erkrankt. Wie erging es dir in der Zeit? 
Erstaunlicherweise gut. Es war eine krasse Erfahrung an die eigenen vier Wände gebunden zu sein. Für meine Frau war fast es fast schlimmer, weil sie 14 Tage in Quarantäne musste. Sie hat sich nicht angesteckt, aber zehn Tage gehen einfach schneller um (lächelt) (Nils Petersen musste nach seiner Erkrankung nur zehn Tage in Quarantäne, Anm. d. Red.). Ich hatte eher Angst vor möglichen Langzeitschäden oder Problemen, beispielsweise mit dem Herzmuskel. Es gibt in der Bundesliga mit Rune Jarstein von Hertha BSC ja einen Härtefall. Von daher hatte ich eher Angst. Aber: Toi, toi, toi, es ist nichts hängen geblieben. Ich habe mich aber natürlich ordentlich durchchecken lassen – auch, um mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu bekommen.
Du bist auch jemand, der wie dein Trainer Christian Streich über den Tellerrand schaut. Wie erlebst du die Debatten momentan zu Corona? Köln lässt nur noch Geimpfte und Genesene ins Stadion und Hans-Joachim Watzke denkt beim BVB auch darüber nach.
Am Ende sind Vereine auch Wirtschaftsunternehmen, die ein Interesse an einem vollen Stadion haben und daher für mehr Sicherheit sind, um keine weitere Welle und leere Stadien zu riskieren. Fehlende Zuschauer bedeuten fehlende Einnahmen – und für uns Spieler einfach auch fehlende Fans. Ich bin das Gegenteil eines Impfgegners. Ich bin ein Befürworter. Da ich auch ein Genesener bin, muss ich mich noch etwas gedulden. Ich hoffe bald geimpft werden zu können.
Aber?
Ich bin ebenso ein Demokratie-Verfechter. Ich prügele nicht auf die ein, die sich nicht impfen lassen. Das soll jeder für sich entscheiden. Irgendwann kommt nur die Phase, dass man sich wegen ständiger Nachweise in Unkosten stürzen muss.
Nils Petersen (l.) vom SC Freiburg steht nach einer Knie-Verletzung vor seinem Comeback. Im März war er an Corona erkrankt.
Ist das Thema der Impfung bei euch im Team ein großes?
Jetzt nicht mehr. Damals, als es los und darum ging, wer sich impfen lassen will, war es bei uns ein großes Thema. Die Impfbereitschaft ist in unserer Mannschaft aber sehr, sehr groß. Ich weiß gar nicht, ob jemand nicht geimpft ist. Christian Streich ist ja jemand, der über den Tellerrand schaut. Er hat keinen dazu verdonnert, sich impfen zu lassen. Aber er hat über die Vorteile gesprochen. Bislang haben wir niemanden, der an Nachwirkungen leidet.

Nils Petersen (SC Freiburg) vor BVB-Spiel im Interview: Wernigerode und Bus statt Dubai und Ferrari

Trifft es zu, wenn man sagen würde: Statt Dubai und Ferrari lieber Wernigerode und Busfahren mit deiner Schwester?
(lacht) Schwierig. Natürlich sage ich ‘Ja’. Ich bringe gerne meine Bodenständigkeit in den Vordergrund. Das will jeder Leser sehen und liest sich auch toll. Ich bin kein Luxus-Urlauber, aber auch ich fahre ein schönes Auto und habe tolle Urlaube. Zudem lassen meine Frau und ich aktuell ein Haus bauen und gönnen uns andere luxuriöse Dinge. Aber ich zeige das nicht jeden Tag. Wenn ich einen Ferrari hätte, würde ich es nicht in den sozialen Netzwerken posten. Wer freut sich denn dann schon für mich (lacht)?
Was geht dir dann durch den Kopf, wenn du siehst, wie Paris Saint-Germain sich trotz der weltweiten Probleme, auch im Fußball, eine Star-Mannschaft zusammenkauft?
Schwierig. Ein Fan davon werde ich nicht. Ich war und werde auch kein Fan von Paris Saint-Germain. Die Stadt ist wunderschön, leider war ich da noch nie. Aber bei PSG steckt so viel Geld dahinter, obwohl es viele Probleme in der Welt gibt. Lionel Messi macht es ganz nebenbei auch nicht unbedingt sympathischer. Hinzu kommt, dass die erste französische Liga nicht unbedingt die allerinteressanteste ist. Jeder kann natürlich entscheiden, wo er hingehen und Geld verdienen will. Aber als Fan von PSG würde ich mich ja nicht einmal über die Meisterschaft freuen, weil es mit der Mannschaft selbstverständlich sein muss – auch, wenn sie es vergangene Saison nicht geschafft hat. Wenn wir im Freundeskreis schon einmal darüber debattieren, dann sind eher viele gegen Paris Saint-Germain. Die kaufen den Erfolg praktisch ein. Das ist ein bisschen wie das virtuelle Manager-Spiel. Da habe ich mich auch nie darüber gefreut, wenn ich Meister wurde.
Paris Saint-Germain hat mehrere Stars diesen Sommer verpflichtet, unter anderem Lionel Messi (r.).
Lass uns auf das Sportliche schauen. Du hast mit den Bender-Zwillingen bei Olympia 2016 gespielt, die den Profi-Ligen jetzt den Rücken gekehrt haben und die nur wenige Monate jünger sind als du. Hat es dich überrascht und spielst du mit ähnlichen Gedanken oder will Nils Petersen noch mit 40 den Joker-Rekord ausbauen?
Gute Frage. Es hat mich erst einmal nicht überrascht. Ich kenne sie, das sind zwei Jungs, die auch außerhalb des Fußballs ihren Weg gehen werden und wahnsinnig sympathisch sind. Sie hatten einige Verletzungen in ihren Karrieren, haben aber auch viel erreicht und viele Spiele absolviert. Dass Spieler wie André Schürrle, Sandro Wagner, Benedikt Höwedes, Marcell Jansen oder die Bender-Zwillinge eher früher aufhören, wundert mich nicht. Früher wurde man mit 23 Jahren ins kalte Wasser geworfen, jetzt schon mit 18. Die Bender-Zwillinge haben früh angefangen und zwölf, 13 Jahre als Profi gespielt.
Und wie sieht es bei dir aus?
Ich persönlich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Noch macht es mir zu viel Spaß, ernsthaft darüber nachzudenken, die Spieler-Karriere zu beenden. Ich bin eher Realist, der darauf schaut, ob ich das Niveau halten kann und ob der Körper noch mitmacht. Das klingt jetzt vielleicht nach einer Verletzung doof, aber ja, das tut er. Ich werde aber nicht des Geldes wegen weiterspielen. Ich will der Mannschaft helfen.

Nils Petersen (SC Freiburg) verteidigt vor BVB-Spiel im Interview Julian Brandt

Ein weiterer Teamkollege bei Olympia 2016 war Julian Brandt, damals noch in Diensten von Bayer Leverkusen. Beim BVB ist ihm der Durchbruch noch nicht gelungen. Täte ihm ein Schritt zurück vielleicht gut, so wie es bei dir beim Wechsel vom FC Bayern zu Werder Bremen der Fall war?
Eine gute Frage. Jule ist ein genialer Fußballer. Beim BVB ist das Level noch einmal ein anderes als in Leverkusen, was den Druck angeht. Da wirst du anders beäugt, da gibt es eine andere Konkurrenz. Er hat da sicherlich noch nicht so performt, wie er es sich selbst vorgestellt hat. Ich habe ihn aber noch nicht abgeschrieben. Ich kann den Wechsel auch verstehen. In Leverkusen hat er konstant gut performt. Dann kannst du wie Christian Günter hier in Freiburg für immer bleiben oder du wagst den nächsten Schritt. Von daher wünsche ihm in Dortmund weiter alles Gute.
Julian Brandt hat beim BVB noch nicht den Durchbruch geschafft. Nils Petersen kann den Wechsel trotzdem nachvollziehen.
Gibt es weitere aktuelle BVB-Spieler, mit denen du noch Kontakt hast? 
Nein, nicht wirklich. Ich habe zu allen Gegenspielern eigentlich immer ein gutes Verhältnis, aber keinen regelmäßigen Kontakt. Von Olympia 2016 gibt es noch eine kleine Chat-Gruppe, aber Fußballer sind treulose Tomaten (lacht). Ich habe unfassbar tolle Typen in den vergangenen Jahren kennengelernt und man freut sich immer, wenn man sich wiedersieht. Aber über kurz oder lang verläuft es sich.

Nils Petersen (SC Freiburg) schwärmt vor BVB-Spiel im Interview von Erling Haaland

Du bist wie Erling Haaland Stürmer. Was denkst du, wenn du ihn spielen siehst und welche Leistungen er abruft?
Das ist schwer zu beschreiben. Ich war nie auf seinem Level und ich frage mich, wo es bei ihm noch hingeht. Als der BVB ihn aus Salzburg geholt hat, dachte ich mir: Mal schauen, was dabei herumkommt. So eine Qualität wie jetzt habe ich aber nicht kommen sehen. Das Spiel ist zwar auf ihn zugeschnitten, aber es ist unfassbar schwierig ihn zu verteidigen. Wir haben in Freiburg jetzt noch nicht über ihn gesprochen, aber jeder weiß natürlich, dass du in ein Spiel anders hineingehst, wenn du auf Erling Haaland und nicht auf Nils Petersen triffst. Seine Präsenz, seine Wucht – das ist schon Wahnsinn alles. Er bringt im Prinzip alle Komponenten mit.
Du bist viel erfahrener als er. Kannst du dir trotzdem noch etwas von ihm abschauen?
Die Wucht in jedem Zweikampf. Die Schnelligkeit kann ich nicht mehr lernen. Die Geilheit von ihm, unbedingt noch ein drittes Tor zu erzielen und nicht zu wollen, dass das Spiel endet. Gegen Frankfurt hätte man ja irgendwann sagen können, dass das Spiel entschieden ist. Aber er wollte immer weiter und weiter nach vorne. Das ist schon beeindruckend. Viele erreichen sonst schneller eine Form von Zufriedenheit.
Von BVB-Star Erling Haaland ist Nils Petersen schwer beeindruckt.
Wer waren oder sind deine Vorbilder?
Puh, gute Frage. Ich bin 1988 geboren, da war automatisch die WM 1994 mit Bebeto und Romario im Fokus. Die fand ich schon cool. Später habe ich auch gerne Ruud van Nistelrooy gesehen.
Lass uns auf das aktuelle Geschehen schauen. Kann der BVB diese Saison Deutscher Meister werden?
In dieser Saison ist durch die vielen Trainerwechsel wahnsinnig viel möglich. Selbst für RB Leipzig trotz der Niederlage in Mainz. Ich traue ihnen und dem BVB viel zu. Irgendwann ist der FC Bayern fällig. Ob das diese Saison sein wird, bin ich gespannt. Wenn Erling Haaland fit bleibt und die Konstanz hält, dann hat der BVB Chancen. Aber sie sollten nicht zu früh zu euphorisch werden. Daher ist das Spiel jetzt in Freiburg spannend.
Warum?
Es kommt ja immer wieder die Diskussion auf, dass der BVB gegen vermeintliche kleinere Teams patzt. Am Samstag ist es sicherlich so ein Spiel. Daher bin ich gespannt, ob Dortmund über die Saison gesehen die Konstanz wird halten können.

Nils Petersen (SC Freiburg) prophezeit dem BVB im Interview ein sehr schweres Auswärtsspiel

Was muss denn beim SC Freiburg, der jetzt in ein neues Stadion investiert hat, passieren, damit mal offensivere Saisonziele formuliert werden? In den vergangenen drei Jahren war der Sportclub nie schlechter als Platz 13. 
Wir leben von der Demut, das tut immer gut. Das nimmt den Druck heraus. Das Umfeld ist auch nicht so, dass es das verlangt. Auch die Fans haben keinen anderen Anspruch. Aber es stimmt schon, dass wir in den vergangenen Jahren nicht schlechter als Platz 13 oder schon einmal in einer europäischen Qualifikation waren. Da wird es schwer, Platz 15 immer wieder als Ziel zu verkaufen. Wir haben ein neues Schmuckkästchen, Nationalspieler aus verschiedenen Ländern – auf Dauer wird es sicherlich so kommen, dass wir andere Ziele als den Klassenerhalt formulieren. Dafür müssen wir den Klassenerhalt aber erstmal so früh wie möglich klarmachen.
Wie geht das Spiel gegen den BVB aus?
Ich glaube, dass der BVB sich hier bei uns wahnsinnig schwertun wird – das hoffe ich zumindest. Das sind Spiele, die uns liegen, die wir als Underdog gerne mitnehmen. Vor allem, nachdem der BVB so furios in die Saison gestartet ist. Ich hoffe, dass wir ein unangenehmer Gegner sein werden. Es darf ruhig weh tun. Wir müssen bei Standards hoch konzentriert sein und Erling Haaland sollte nicht fünf Gegenspieler ausdribbeln können.

Rubriklistenbild: © David Inderlied/Kirchner-Media

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