Kommentar

BVB droht heftige Zäsur: Keine Mentalität, keine Qualität, keine Mannschaft

Dem BVB droht in dieser Saison der Absturz ins Mittelmaß. Die Auftritte in den vergangenen Wochen waren besorgniserregend. Ein Kommentar.

Dortmund – Der BVB hat sich mit einem 2:0-Sieg gegen Hannover 96 ins DFB-Pokal-Achtelfinale gemogelt. Die Leistung: beinahe unterirdisch. Ähnlich wie schon in zahlreichen anderen Spielen in dieser Saison. Die Situation bei Borussia Dortmund ist prekär. Den Spielern fehlt es nicht nur an Mentalität, sondern auch an Qualität, wie RUHR24-Redakteur Kevin Mattes kommentiert.

Verein Borussia Dortmund (BVB)
Gründung19. Dezember 1909
Vereinsfarben Schwarz-Gelb
TrainerEdin Terzic

BVB droht heftige Zäsur: Keine Mentalität, keine Qualität, keine Mannschaft

Was hatte der BVB im Sommer für eine riesige Euphoriewelle entfacht? Edin Terzic, ein Dortmunder Junge, der mit dem Verein bereits Großes erreicht hat, kehrte auf den Trainerstuhl zurück. Zudem wurde der Kader mit sogenannten Top-Transfers wie Niklas Süle, Karim Adeyemi oder Nico Schlotterbeck verstärkt. Im Umfeld war die Vorfreude auf die neue Spielzeit grenzenlos. Optimisten träumten gar schon wieder von einem Titel.

Knapp drei Monate später ist vom Titel-Optimismus rund um den BVB nichts mehr zu sehen. Spielerisch glänzt die Mannschaft nur äußerst selten. Siege gegen zum Teil vermeintlich schwächere Mannschaften sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Am Ende ist es oftmals eher Krampf als Kampf oder Klasse. Der einstige Top-Klub hat diverse Baustellen, die schleunigst behoben werden müssen. Andernfalls droht ein tragischer Absturz.

BVB: Trainer Edin Terzic wird vom Team im Stich gelassen

1. Trainer: Selten hatte Borussia Dortmund einen so engagierten und akribischen Trainer, der zudem auch noch wie die Faust aufs Auge zu Stadt und Verein passt. Edin Terzic verkörpert alle Tugenden des BVB. Bodenständigkeit, harte Arbeit, Erfolgshunger und Fannähe.

Der 39-Jährige ist auch aufgrund seines jungen Alters sicherlich nicht frei von Fehlern. Gegen Union Berlin wählte er mit einer 3er- respektive 5er-Kette einen überraschend defensiven Ansatz. Das Experiment ging gründlich in die Hose. Bei der Stürmerfrage hielt er außerdem viel zu lange am glücklosen Modeste fest, anstatt auf den aufstrebenden Moukoko zu setzen.

BVB-Trainer Edin Terzic wird von seiner Mannschaft zu häufig im Stich gelassen.

BVB-Alarm: Terzic spricht von „fehlender intrinsischer Motivation“

Es sind Fehler, die man dem hochtalentierten Trainer zugestehen muss. Die Mannschaft sollte außerdem dazu imstande sein, so etwas zu reparieren. Ist sie allerdings nicht. Die Protagonisten lassen ihren Coach oftmals hängen. Sowohl öffentlich als auch im viel zitierten Meetingraum appelliert Edin Terzic nun schon fast wöchentlich an die Einstellung seiner Spieler.

Eine Besserung ist kaum in Sicht. Besonders alarmierend waren die jüngsten PK-Aussagen des Übungsleiters. Nach dem Spiel gegen Hannover 96 bemängelte er die fehlende intrinsische Motivation seines Teams, die Mängel abzustellen. Mit anderen Worten: Die Spieler wollen oder können es nicht besser machen oder die Worte des Trainers erreichen die Mannschaft nicht.

Mentalitätsdebatte beim BVB geht weiter: Dortmund bekommt alte Probleme nicht in den Griff

2. Mentalität: Jahr für Jahr müssen sich Spieler der Mentalitätsdebatte stellen. Immer wieder gibt es unnötige, unverständliche und unerklärbare Rückschläge. In dieser Saison gab es mit den Niederlagen gegen Werder Bremen, RB Leipzig und dem 1. FC Köln bereits drei Stück. Der grobe Mannschaftsstamm blieb über die Jahre derselbe.

Der BVB musste in dieser Saison schon wieder zahlreiche Rückschläge hinnehmen.

Auffällig ist jedoch, dass selbst neue extern verpflichtete Spieler, die Situation nicht verbessern. Emre Can etwa wurde als Leader geholt, ist inzwischen allerdings eher ein Problem als die Lösung. Auch ein Nico Schlotterbeck, der wohl zu den talentiertesten Innenverteidigern Europas gehört, patzt kontinuierlich. In vier knapp aufeinanderfolgenden Spielen ließ er bei Eckbällen seinen Gegenspielern freie Fahrt.

BVB fehlt die Qualität: Führungsriege hat sich bei Transfers verzockt

Spieler, die schon lange im Klub sind, haben es nun mehrfach gezeigt. Sie können diese Probleme nicht abstellen. Viele der neuen, die sich an den etablierten Kräften hochziehen sollten, reihen sich nahtlos ein. Diese Ansammlung von zum Teil sehr guten Spielern ist offenbar untrainierbar.

3. Qualität: Wer seit Jahren ein Mentalitätsproblem hat, muss sich zwangsläufig die Frage nach der Qualität stellen. Der hochgejubelte Kader von Borussia Dortmund ist bei weitem nicht so stark, wie die breite Öffentlichkeit womöglich denkt. In den vergangenen Jahren waren es oftmals überragende Einzelspieler wie Jadon Sancho oder Erling Haaland, von denen das Kollektiv profitierte. In diesem Jahr ist es Jude Bellingham, der deutlich heraussticht.

Jude Bellingham ist aktuell der überragende Spieler beim BVB.

BVB: Mannschaft verkörpert nur selten echten Teamgeist

Schaut man nur auf einen Teil der zuletzt getätigten Transfers, wird das Qualitätsproblem offensichtlich. Für Achraf Hakimi holte der BVB Thomas Meunier. Für Jadon Sancho wurde Donyell Malen geholt. Emre Can ersetzte Thomas Delaney. Aus Erling Haaland wurde Anthony Modeste, gleichwohl der Klub hier eigentlich Sebastien Haller als legitimen Nachfolger präsentierte.

4. Mannschaft: Die Mannschaft ist offensichtlich keine Einheit. Teams wie der SC Freiburg und Union Berlin zeigen derzeit eindrucksvoll, dass ein starkes Kollektiv fehlende Qualität wettmachen kann. In Dortmund erhält man zurzeit dagegen einen anderen Eindruck.

BVB: Spieler sorgen unnötig für Konflikte

Mats Hummels stellt sich nach Spielen permanent vor die TV-Kameras und nagelt gegen die Spielweise seiner Kollegen. Karim Adeyemi zeigte sich nach seinem Fehler bei den Köpenickern wiederum wenig selbstkritisch und suchte die Gründe für die Niederlage beim Trainer und dessen Systemumstellung.

Mats Hummels kritisierte seine Mitspieler zuletzt mehrfach in der Öffentlichkeit.

Emre Can kritisierte Hummels für dessen Äußerungen in der Öffentlichkeit und forderte ihn auf, diese doch intern zu halten. Es ist ein seltsames Bild, das die Mannschaft nach außen verkörpert. Ein Team, wo jeder für den anderen kämpft, sieht anders aus.

BVB: So verspielt Borussia Dortmund die Champions League

All diese Probleme könnten dafür sorgen, dass der BVB am Ende seine Ziele verfehlt. Besonders tragisch wäre es, wenn der Revierklub, der nach zehn Spieltagen auf Tabellenplatz acht steht, die Qualifikation für die Champions League verpasst. Es wäre das erste Mal seit sieben Jahren und dennoch muss man nach den jüngsten Eindrücken eingestehen: Es könnte Realität werden.

Für Borussia Dortmund wäre es eine echte Zäsur, da somit immens wichtige Einnahmen ausbleiben würden. Wirtschaftlich sieht es bei den Westfalen nach den Corona-Jahren und der andauernden Energiekrise ohnehin nicht so rosig aus, wie es einmal war.

Dem BVB brechen beim Verpassen der Champions League Qualifikation wichtige Einnahmen weg.

BVB: Spieler müssen nun die Ärmel hochkrempeln und für Borussia Dortmund brennen

Noch haben die Spieler alles in der eigenen Hand. Dass die Mannschaft zu großen Leistungen im Stand ist, zeigte sie unter anderem 80 Minuten lang bei Manchester City oder beim Wahnsinns-Comeback gegen den FC Bayern. Die Akteure müssen sich in den verbleibenden dreieinhalb Wochen vor der WM-Pause allerdings zusammenraufen. Jetzt geht es auch nicht mehr um Schönspielerei, sondern darum, die Ansagen des Trainers umzusetzen.

Die Spieler müssen den Beweis liefern, dass sie eines Tages zurecht nach Dortmund geholt worden sind. Das Weiterkommen in der Champions Leauge ist Pflicht. Zudem muss der Klub in der Liga wieder Boden gut machen. Dann können sich die Verantwortlichen im Winter neu sortieren und Veränderungen für die zweite Saisonhälfte eruieren.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autors und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

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