Kommentar

BVB: Julian Brandt hat ein Charakter-Problem

Julian Brandt gehört zu den sympathischsten Profis im BVB-Kader. Darum wird er nie sein volles Potenzial abrufen. Ein Kommentar.

Dortmund – Seine Ehrlichkeit wurde Julian Brandt zum Verhängnis. Warum der freundliche Feingeist von Borussia Dortmund nicht zum Führungsspieler taugt, kommentiert RUHR24-Autor Nicolas Luik.

NameJulian Brandt
Geboren2. Mai 1996 (Alter 26 Jahre), Bremen
Größe1,85 Meter
Aktueller VereinBorussia Dortmund (BVB)

BVB: Julian Brandt wird sein Charakter zum Verhängnis – für einen Profifußballer zu nett

Spitzenfußballer sind selten klassische Kumpeltypen. Wer in diesem Hochleistungsgeschäft ganz oben ankommen will, benötigt eiserne Disziplin, unbändigen Willen und die Bereitschaft, die Ellenbogen auszufahren. Im Umgang mit der Presse geben sich Medienprofis meist aalglatt, um keine Angriffsfläche zu bieten. Julian Brandt ist anders.

Julian Brandt wird beim BVB sein Charakter zum Verhängnis.

Das BVB-Nordlicht versprüht den Charme eines Sunnyboys. Er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und einen sehr angenehmen Humor. Mit ihm verbringt man garantiert einen wunderbar chilligen Sommer-Urlaub. Seine lässige Art sorgt mitunter aber auch für Probleme.

BVB: Julian Brandt spricht im Interview offenherzig über seine Schwächen

So geschehen, als er in einem zweistündigen Gespräch beim Kicker meets DAZN-Podcast etwas zu bereitwillig über seine Schwächen sprach. Mit einem Augenzwinkern gab Julian Brandt zu, den einen oder anderen BVB-Trainer mit seinem Defensivverhalten zur Verzweiflung getrieben zu haben.

„Ich hatte natürlich viele Trainer, die ich defensiv maximal gebrochen hab. Das Geile ist: Es zieht sich ein bisschen durch wie ein Faden. Jeder erzählt mir dasselbe. Wenn ich einen neuen Trainer habe, höre ich quasi dieselben Sachen.“ Was in Brandts gewohnt lockerer Ausdrucksweise nicht so fatal gemeint war, wie es klingt, enthält aber doch einen wahren Kern.

BVB: Julian Brandt bringt mit bemerkenswertem Interview die Kritiker gegen sich auf

Nicht umsonst sagt Julian Brandt auch: „Es gibt zwei Lager in Dortmund. Es gibt welche, die finden dich cool. Und es gibt welche, denen gehst du seit drei Jahren auf den Sack.“

Aussagen von Julian Brandt sorgten für Empörung bei einigen BVB-Fans.

Letztere Fraktion zeigte sich aufgrund der Aussagen empört, weil sie sich in ihren Kritikpunkten an seinem Spielstil bestätigt sah. Dabei betonte Julian Brandt aber mehrfach, konsequent an seinen Schwächen zu arbeiten. Es sei eben nur nicht immer so einfach. So gesehen ein bemerkenswert ehrliches Interview mit einigen humoristischen Spitzen, die nicht von jedem Leser/Hörer korrekt als solche interpretiert wurden.

BVB: Julian Brandt kann Talent nicht vollständig abrufen – trotz aller Mühe eine Charakterfrage

Jedenfalls: Durch seine typisch offenherzig-ungefilterten Aussagen hat sich der BVB-Virtuose ungewollt und vielleicht sogar unverdient ins Zentrum der Kritik manövriert. Dabei liegt die Wahrheit in der Mitte. Julian Brandt gibt sich durchaus Mühe. Und er kann Borussia Dortmund weiterhelfen, allerdings nur unter bestimmten Umständen.

Vorneweg: Es ist nicht so, dass er keine Lust auf Arbeit hat. Wer es schafft, sich im Profifußball zu etablieren, muss grundsätzlich Leidensbereitschaft mitbringen. Mit seinen 26 Jahren ist er 37-facher deutscher Nationalspieler. Das nötigt Respekt ab. Rein am Talent bemessen, könnte aber noch mehr gehen.

BVB: Julian Brandt fehlt für den großen Karrieresprung die Verbissenheit

Er gehört zu den lauffreudigsten BVB-Profis, spult regelmäßig über 12 Kilometer pro Spiel ab. Oft fehlt aber die Bedingungslosigkeit im Zweikampf. Dort hinzugehen, wo es garantiert schmerzt. Kurz gesagt: Julian Brandt ist zu nett. In seinem Mindset ist Verbissenheit nicht vorgesehen.

Auch 100-prozentige Konzentration ist ein Thema. Für den ganz großen Sprung stehen zu vielen Unkonzentriertheiten in der Summe zu wenige geniale Momente gegenüber. Es sind Nuancen, die aus einem talentierten Kicker auf Dauer einen Unterschiedsspieler machen. Er ist zu sehr Freigeist.

BVB: Julian Brandt wird auf Dauer nicht mehr zum Unterschiedsspieler

Darum wird Julian Brandt beim BVB nie zum Führungsspieler reifen. Er wird nie dauerhaft die vollen 100 Prozent seines großen Potenzials ausschöpfen. Charakterlich ist er dazu bestimmt, in einem funktionierenden Team für Glanzlichter zu sorgen.

Wenn aber die Mannschaft ohnehin Probleme mit ihrer Offensiv-Idee und defensiven Stabilität hat, wird Julian Brandt sie nicht retten. Für den bevorstehenden Umbruch beim BVB bedeutet das in der kommenden Saison, dass andere Spieler vorweg gehen müssen. Brandt bleibt der Sunnyboy, der ein noch besserer Fußballer sein könnte, wenn er nicht so sympathisch wäre.

Rubriklistenbild: © Yay Images/Imago, Chai v.d. Laage/Imago, BVB, Collage: Nicolas Luik/RUHR24