Szenario im Interesse aller

Zündstoff-Potential: Bei Jadon Sancho geht es auch um die Frage der Moral

Den Trubel um seine Person merkt man BVB-Star Jadon Sancho im Training nicht an.
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Den Trubel um seine Person merkt man BVB-Star Jadon Sancho im Training nicht an.

Aktuell führt der BVB noch keine Verhandlungen mit Manchester United wegen Jadon Sancho. Der Transfer ist auch eine Frage der Moral.

  • Bis zum 10. August erwartet Borussia Dortmund ein Angebot von Manchester United für Jadon Sancho.
  • Vieles spricht dafür, dass ein Transfer in diesem Sommer nicht über die Bühne gehen wird.
  • Aus moralischer Perspektive wäre das momentan diskutierte Szenario wohl das beste für alle.

Dortmund – "Zwischen Borussia Dortmund und Manchester United gab und gibt es in Sachen Sancho bisher keinerlei Kontakt, auch nicht indirekt oder über angebliche Mittelsmänner." Es ist eine deutliche Ansage, die BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (61) über die Süddeutsche Zeitung verlauten lässt. Seine Worte dürften eines der letzten Kapitel in der schier unendlichen Transfersaga um Jadon Sancho (20), Borussia Dortmund und Manchester United sein.

BVB rechnet mit Angebot von Manchester United für Jadon Sancho – sie werden es ablehnen

Süddeutsche und kicker berichten übereinstimmend, dass die Red Devils in den kommenden vier Tagen bis zum Start des BVB-Trainingslagers in Bad Ragaz – die klar abgesteckte Deadline der Westfalen – tatsächlich mit einer offiziellen Offerte beim Vizemeister vorstellig werden. Zumindest rechne man damit in der Chefetage.

Verhandlungsführer Ed Woodward (48) werde dann eine Summe deutlich unterhalb der geforderten 120 Millionen Euro für Jadon Sancho anbieten. Borussia Dortmund wird diese ablehnen. Damit werden alle Parteien leben können.

BVB-Star Jadon Sancho ist für Manchester United auch ein Prestigeobjekt

Der BVB darf sich auch in der kommenden Spielzeit über die mutmaßlich zahlreichen Tore und Torvorlagen des Offensiv-Juwels freuen, denn Jadon Sancho soll angekündigt haben, bei einem Verbleib weiter Leistungen für den BVB zu bringen. Der Profi kann sich ein weiteres Jahr auf etwas kleinerer Bühne weiterentwickeln, kommt dabei aber dennoch in den Genuss der Königsklasse.

Ed Woodward kann das Gesicht des stolzen Klubs wahren und das Scheitern des Transfers mit den "übertriebenen" Forderungen des Verhandlungspartners begründen (alle BVB-Artikel auf RUHR24).

Als regelrechter Gewinner würde aus den gescheiterten Verhandlungen jemand ganz anderes hervorgehen: Die Moral. Manchester United ist Fußball-Hochglanz. Laut Forbes stand Man United 2019 mit einem Wert von 3,81 Milliarden Dollar auf Platz sechs der wertvollsten Sport-Klubs der Welt. Teure Blockbuster-Transfers zu tätigen, gehört gewissermaßen zur DNA des Klubs.

United-Geschäftsführer Ed Woodward wird dem BVB wohl ein Angebot für Jadon Sancho unterbreiten.

Jadon Sancho würde dem Verein sportlich sicher weiterhelfen. Er wäre aber auch ein Prestigeobjekt. Herausragende sportliche Erfolge, das wohl wirksamste Mittel um den Wert eines Klubs zu steigern oder mindestens zu halten, sucht man bei United in den vergangenen Jahren vergeblich. Auf eine Meisterschaft wartet der einstige Serienmeister seit mittlerweile sieben Jahren.

Viele Arbeitslose wegen Corona in Manchester – Transfer von Jadon Sancho wäre ein fatales Zeichen

Es braucht also andere "Erfolge", um in der Beletage zu bleiben – zum Beispiel welche auf dem Transfermarkt. Allerdings müssen sich Ed Woodward und Co. fragen, ob ein Transfer von Jadon Sancho ausgerechnet in diesem Sommer dem Ansehen des Klubs tatsächlich nützen, oder nicht eher schaden würde.

Manchester United ist Hochglanz – die Stadt Manchester aber nicht. Einst der Mittelpunkt der Schwer- und Textilindustrie, hat sich auch in der Metropole im Nordwesten Englands der Strukturwandel hin zum dominierenden Dienstleistungssektor vollzogen. Das Image der Arbeiterstadt besitzt Manchester aber noch immer – und es ist auch noch immer zu spüren.

Der Wandel hat die berühmte Schere zwischen Arm und Reich groß werden lassen. Man findet beides in der Stadt, auch im Extremen. Entsprechend hart hat die Coronavirus-Krise große Teile der Bevölkerung getroffen. Allein von März bis April ist die Zahl der Arbeitslosen in Manchester laut meteor um 41.290 auf 107.385 gestiegen. Das sind 6,7 Prozent der Erwerbsfähigen (16 bis 64 Jahre). Nur in vier anderen Städten im Vereinigten Königreich war der prozentuale Anstieg im gleichen Zeitraum größer.

Firmen wurden in die Insolvenz oder an den Rand dieser getrieben. Viele Menschen stehen vor dem finanziellen Ruin. Sollte Manchester United als größter Klub der Stadt in diesem Krisen-Sommer tatsächlich 120 Millionen Euro für Jadon Sancho an den BVB überweisen und dieser fortan in Manchester ein fürstliches Gehalt, das dem Vernehmen nach bereits ausgehandelt wurde, beziehen, wäre das, bei aller Liebe zum Sport im Mutterland des Fußballs wohl nicht nur für die "Mancunians" nur schwer nachvollziehbar.

Video: Transfermarkt: Manchester United droht BVB mit Abbruch im Sancho-Poker

Wenn diese Pandemie etwas zum Positiven verändert hat, dann, dass die schon völlig verloren geglaubte Moral zumindest in Teilen wieder ihren Einzug in den Profifußball feiert. Vor diesem Hintergrund wäre es wohl das beste, wenn Manchester United tatsächlich mit einem zu geringen Angebot bei den BVB-Verantwortlichen abblitzt und die Verhandlungen zu einem späteren Zeitpunkt neu aufgenommen werden. Dann, wenn es auch moralisch wieder vertretbar(er) ist, über solche Unsummen in der schönsten Nebensache der Welt zu verhandeln.