Favre nach Pleite gegen Köln entsetzt

Eine Entwicklung ist nicht in Sicht: Das Scheitern des BVB hat System

Der BVB offenbarte gegen den 1. FC Köln altbekannte Schwächen. Eine Entwicklung ist bei Borussia Dortmund nicht zu erkennen. Trainer Lucien Favre ist entsetzt.

Dortmund – Die 1:2-Niederlage des BVB gegen den 1. FC Köln offenbarte überraschende Defizite bei Borussia Dortmund. Zumindest für Sportdirektor Michael Zorc (58), Lizenzspielleiter Sebastian Kehl (40) und Trainer Lucien Favre (63).

VereinBallspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund, BVB
StadionSignal Iduna Park
TrainerLucien Favre

BVB: Wie sich Borussia Dortmund vor der Pleite gegen den 1. FC Köln in Sicherheit wähnte

Sechs Siege und 21:4 Tore aus den jüngsten sieben Pflichtspielen: Beim BVB wähnte man sich im Vorfeld des Spiels gegen den 1. FC Köln auf Erfolgskurs. Seit der 1:3-Pleite bei Lazio Rom lege die Mannschaft „eine andere Schärfe an den Tag“, schwärmte etwa Lizenzspielleiter Sebastian Kehl. „Die Reaktion war sehr gut“.

Und Michael Zorc jubelte: „Wir haben uns als Mannschaft weiterentwickelt. Der Fokus auf die Spiele und die Gier sind da.“ Bereits im Sommer habe er gespürt, dass die Mannschaft jetzt über eine „bessere Balance“ verfüge.

BVB-Pleite gegen 1. FC Köln offenbart: Das Scheitern von Borussia Dortmund hat System

Doch schon ein Bundesliga-Spiel später war die Laune beim Meisterschaftsaspiranten wieder im Keller. Die 1:2-Pleite gegen den Tabellenvorletzten aus Köln offenbarte mit erschreckender Deutlichkeit, dass man einem Irrtum unterlag. Zu klar wurden die altbekannten Schwächen vor Augen geführt.

Einmal mehr bestätigte sich der BVB als Aufbaugegner für einen auf dem Papier klar unterlegenen Kontrahenten. Weil Borussia Dortmund erst in der Schlussphase den Ernst der Lage begriff und nach 0:2-Rückstand nur noch zum Anschlusstreffer durch den eingewechselten Thorgan Hazard (27) kam, gewann der 1. FC Köln erstmals seit 18 Spielen wieder in der Bundesliga.

Erling Haaland (m.) und der BVB strauchelten massiv gegen den 1. FC Köln.

BVB unter Trainer Lucien Favre: 14 Niederlagen, sieben davon gegen Abstiegskandidaten

Für den umstrittenen BVB-Trainer Lucien Favre war es die 14. Bundesliga-Niederlage, seit er im Sommer 2018 sein Amt in Dortmund antrat. Viermal unterlag man Bayern München, zweimal der TSG Hoffenheim, einmal Bayer Leverkusen.

Ganze sieben Spiele verloren seine Schützlinge gegen Abstiegskandidaten. Die Favre-Elf konnte dabei jeweils mindestens 69 Prozent Ballbesitz nicht in Zählbares ummünzen. Nun also wieder. Weiterentwicklung? Fehlanzeige.

BVB-Trainer Lucien Favre entsetzt: Identische Gegentore nach Standards „schwer zu akzeptieren“

Entsprechend fassungslos präsentierte sich Lucien Favre auf der Pressekonferenz nach der Pleite gegen Köln. „Natürlich müssen wir das analysieren. Zwei Tore so? Es ist schwer zu akzeptieren, natürlich“, haderte der BVB-Trainer.

Seine Mannschaft war knapp neun Kilometer weniger gelaufen als der Gegner und hatte neben ihrer Teilzeitbeschäftigung als Krisenhelfer noch eine weitere altbekannte Schwäche offenbart: Beide Gegentore fielen nach nahezu identischen Eckballvarianten.

BVB: Roman Bürki und Felix Passlack sind ratlos

Das Muster: Ball auf den kurzen Pfosten, dort verlängert Marius Wolf (25) per Kopf, am langen Pfosten schiebt Ellyes Skhiri (25) ein. Wie man sich zweimal auf ein und dieselbe Art und Weise überrumpeln ließ, konnten sich auch die Spieler nicht erklären.

Torhüter Roman Bürki (30), beim zweiten Gegentreffer selbst nicht ohne Schuld, war ratlos: „Diese Standardsituationen hatten wir im Vorfeld eigentlich angesprochen, konnten sie aber aus irgendeinem Grund heute nicht verteidigen.“ 

Und Felix Passlack (22) meinte, aus der Ferne die Fehler erkannt zu haben: „Ich war nicht im Strafraum dabei, aber wir verteidigen Ecken Mann gegen Mann und da muss man bei seinem Gegenspieler bleiben“.

BVB und die Standards: In der Ära von Trainer Lucien Favre ein wiederkehrendes Problem

Besonders bedauerlich ist, dass der BVB das Muster der Gegentore nach Ecken auf den ballnahen Pfosten in der Ära Lucien Favre bestens kennt. In der Saison 2018/21 etwa fing man sich 19 von 44 Gegentoren nach einem ruhenden Ball ein.

Man muss sich zudem unweigerlich an den Anfang der vergangenen Spielzeit erinnern, als das Favre-Team am 2. Spieltag ausgerechnet gegen den 1. FC Köln ein vergleichbares Gegentor kassierte. Am 6. Spieltag verspielte man gar einen Sieg in Bremen, weil Marco Reus (31) nach einer Ecke nicht ins Kopfballduell am kurzen Pfosten kam und deshalb Marco Friedl (22) den Ball am langen Pfosten entspannt zum 2:2 einschieben konnte.

BVB kassiert fünf von neun Gegentoren nach ruhendem Ball

Damals nahm man die Enttäuschung zum Anlass, an Standardsituationen zu arbeiten. Mit Erfolg, wie Sportdirektor Michael Zorc im Mai dieses Jahres dem kicker verriet. Man habe „lange daran herumgebastelt“, sagte er damals. Und kam zu dem Schluss: „So, wie wir es im Moment spielen, passt es am besten: Einige spielen gegen den Mann, einige frei im Raum.“

Sportdirektor Michael Zorc hatte eigentlich gedacht, mit dem BVB einen Schritt weiter zu sein.

Nun, nachdem in der neuen Bundesliga-Saison neun Spiele gespielt sind, bietet sich wieder eine ernüchternde Bilanz. Fünf der neun Gegentore hat sich Borussia Dortmund nach ruhenden Bällen eingefangen. Über die Hälfte aller Treffer kassiert der BVB nach Standards.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc muss sich eingestehen: „Nicht so weit, wie wir uns erhofft haben“

Dass man sich gegen den 1. FC Köln zweimal von ein und derselben Variante einlullen ließ „sagt auch vieles aus“, meinte Michael Zorc später. Und weil es die Mannschaft von Trainer Lucien Favre wieder nicht geschafft hat, gegen einen auf dem Papier klar unterlegenen Gegner dominant aufzutreten, kam er zu einem tiefblickenden Schluss.

„Bei uns ist das eben so. Wir sind offensichtlich noch nicht so weit, wie wir uns erhofft haben – und wie wir selbst geglaubt haben. Wir konnten mit dem Lob vielleicht nicht so gut umgehen“. Eine Einsicht, die man beim BVB nicht zum ersten Mal serviert bekommt.

Rubriklistenbild: © Marius Becker/dpa