BVB: Warum Borussia Dortmund kein Mentalitätsproblem hat

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Axel Witsel vom BVB im Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Foto: dpa

Dem BVB wird nach dem Spiel in Frankfurt ein Mentalitätsproblem vorgeworfen. Doch der BVB hat andere Probleme. Ein Kommentar.

Mentalitätsproblem“. Ein Begriff, der nach Spielen wie das des BVB in Frankfurt in den Medien schon beinahe inflationär häufig verwendet wird. Das ärgert Kapitän Marco Reus (30) nicht zu Unrecht, denn der BVB hat andere Probleme als die Mentalität.

  • Marco Reus kritisiert zurecht die regelmäßige Erwähnung eines Mentalitätsproblems.
  • Das Verhalten der Mannschaft in engen Spielen ist auch nicht in Lucien Favres Sinne.
  • Vor allem auswärts fehlt dem BVB ein gewisses Selbstverständnis.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autoren und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

BVB und fehlende Mentalität - ein Schlagwort mit wenig Inhalt

Als Marco Reus im Sky-Interview nach dem Spiel in Frankfurt auf ein mögliches Mentalitätsproblem angesprochen wurde, platzte dem BVB-Kapitän der Kragen.

Zurecht. Denn dieser Vorwurf ist mit der banalste in der gesamten Landschaft der Fußball-Berichterstattung und kommt nach solchen Spielen wie in Frankfurt schon beinahe reflexartig zum Einsatz.

Dabei ist das erste Problem an diesem Vorwurf schon der Begriff selbst. Jeder Fan und jeder Experte wird den Begriff der Mentalität anders definieren. Der Begriff an sich ist so diffus, dass eine sachliche Auseinandersetzung mit ihm kaum möglich ist.

Ist mit „Mentalität“ so etwas wie Zweikampfführung gemeint? Davon gewann der BVB in Frankfurt 60 Prozent.

Die Probleme des BVB haben nahezu alle eine fußballerische Ursache

Viel mehr bietet es sich an, die Lösung der Probleme im fußballerischen Bereich zu suchen. Schaut man sich Spiele wie die Partie gegen die SGE oder auch viele andere Auswärtsauftritte des BVB an, dann erkennt man hier viele Ansatzpunkte.

Da wäre vor allem eine fehlende Kaltschnäuzigkeit. Jadon Sancho (19) oder Reus, dessen Status als Kapitän diskutiert wird, vergaben große Tormöglichkeiten. Mit einem frühzeitigen 3:1 durch den BVB-Kapitän beispielsweise wäre das Spiel entschieden gewesen.

Ebenfalls auffällig sind technische Probleme, zum Beispiel im Passspiel oder bei der Ballverarbeitung. Der BVB hat es durch schlampiges Passspiel und frühe Ballverluste nicht mehr geschafft, das Spiel zu kontrollieren.

Dazu gehören auch eine hohe Anzahl an im Ansatz vielversprechenden Kontersituationen, die fahrlässig vergeben wurden.

Was Favre fordert: Ruhe und Geduld – warum das der richtige Ansatz ist

Dem BVB fehlen in diesen Situationen Ruhe und Geduld. Das sind zwei Tugenden, die Favre (61) immer wieder fordert. Häufig wird dem Schweizer damit eine gewollte Passivität unterstellt, aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Favre, dem häufig vorgeworfen wird, kein Meistertrainer zu sein, will Ballbesitz und den Gegner kontrollieren. Dazu braucht man den Ball. Und Ruhe und Geduld.

Borussia Dortmund hatte Spiel und Gegner in den ersten 30 Minuten völlig unter Kontrolle und führte verdient – ohne dabei ein Feuerwerk abzubrennen. Probleme gab es erst dann, als Favres Plan nicht mehr verfolgt wurde.

Der Gegner hatte den Ball und das eigene Spiel wurde hektisch und unruhig. Damit lädt man den Gegner ein zu einem offenen Schlagabtausch und entstehen Spiele wie das gestrige.

Dem BVB fehlt das Selbstverständnis - vor allem auswärts

Genau mit dieser Geduld hat der BVB in der Hinrunde 2018 Rückstände gedreht und knappe Führungen souverän über die Zeit gebracht.

Aktuell fehlt Borussia Dortmund vor allem auswärts das Selbstverständnis, ein Spiel zu dominieren und sicher nach Hause zu fahren. Ein Selbstverständnis, was sich zum Beispiel die Bayern über Jahre mit Erfolgserlebnissen aufgebaut haben und was heute den entscheidenden Unterschied darstellt.

Zuhause hat sich der BVB mittlerweile zu einem Nimbus entwickelt. Kommt ein Gegner ins Westfalenstadion, weiß er, hier gibt es eigentlich nichts zu holen.

Diese Selbstverständlichkeit muss Borussia Dortmund jetzt auch auswärts entwickeln. Am besten mit Ruhe und Geduld.