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„Jetzt benimm dich mal“ oder „Setz dich anständig hin“ – solche „Ansagen“ kennst du sicher von Zuhause. Und das ist gut so, meint Knigge-Trainerin Corinna Schüngel. Denn gute Manieren sind ein Schlüssel zum Erfolg – im Privatleben, im Studium und in der Ausbildung.

Die Seminare von Corinna Schüngel, Knigge-Trainerin aus Essen, sind gut besucht: „Gute Manieren sind wieder „in“, hat die 37-Jährige festgestellt. Immer mehr Unternehmen buchen bei ihr auch Coachings für Auszubildende. Was dabei auf der Agenda steht, warum ihr gute Manieren braucht und welche besonders hoch im Kurs stehen, hat die Treffer-Redaktion bei ihr nachgefragt.

Frau Schüngel, zuerst eine grundsätzliche Frage: Was versteht man eigentlich unter „Benimm“?

Benimm hat viel mit Werten zu tun: mit Höflichkeit, Rücksicht und Respekt. Ich vergleiche Benimmregeln gerne mit Spielregeln. Ein Spiel kann auch nur funktionieren, wenn es Regeln gibt und sich alle daran halten. So ist das in der Gesellschaft – ob im Privat- oder im Berufsleben – auch.

Wo sind Regeln denn heute besonders wichtig?

Direkt ins Auge fällt natürlich die Kleidung. Ich glaube, viele Schülerinnen und Schüler oder auch spätere Auszubildende machen sich zu wenig Gedanken darüber, wie ihr Kleidungsstil auf andere wirkt. Natürlich ist Kleidung ein Teil der Persönlichkeit und des individuellen Ausdrucks.

Aber im Beruf ist manches, was in der Schule ok war oder was man in der Freizeit gut tragen kann, fehl am Platz. Wenn man mit kurzen Hosen oder XXL-Fingernägeln zum Vorstellungsgespräch oder Probearbeiten kommt, riskiert man, abgelehnt zu werden.

Natürlich bleibt es die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen, sich so anzuziehen, wie er möchte. Aber er sollte sich bewusst sein, dass ihm dann so manche Chancen durch die Lappen gehen können.

Aber man sieht doch, dass sich nicht alle an Kleiderregeln halten …

Das ist richtig. Die Frage ist aber, ob man sich daran orientieren will und muss. Vielmehr sollte man sich fragen, was das wirklich in einem auslöst: Lässt man sich im Kosmetikinstitut gerne von jemandem mit struppigem Haar beraten – oder fehlt einem dann nicht vielleicht das Vertrauen in dessen Kompetenz? Ist es für einen wirklich okay, wenn die Verkäuferin an der Theke der Bäckerei Kaugummi kaut, während sie einen bedient – oder fühlt man sich dann nicht doch weniger willkommen?

Es geht also nicht nur um die Kleidung?

Nein, es geht grundsätzlich darum, ob man seinem Gegenüber Aufmerksamkeit und Respekt zollt – sei es, dass man einer vollbepackten älteren Dame im Laden mal die Tür aufhält, sei es, indem man in Textnachrichten auf Großbuchstaben verzichtet, weil das „übersetzt“ nichts anderes heißt, als jemanden anzuschreien.

Apropos Handy: Was gibt es da im Beruf für Benimmregeln?

Ich kenne kein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern die Nutzung des Handys in der Arbeitszeit erlaubt. Deshalb verbietet es sich auch von selbst, es auf den Schreibtisch zu legen. Hand aufs Herz: Man kann die Finger dann doch nicht davonlassen. Das Handy gehört in die Tasche.

In den Pausen kann man natürlich seine Nachrichten checken und auch beantworten, aber eben nur in den Pausen. Wartet man auf eine besondere Nachricht oder einen Anruf, der sofort beantwortet werden muss, dann kann man das Handy ausnahmsweise auch mal auf den Schreibtisch legen – aber nicht ohne die Kollegen über die besonderen Umstände zu informieren!

Was ist denn für Sie persönlich die ultimative Benimmregel?

Am wichtigsten ist es, dass gutes Benehmen ehrlich und authentisch ist! Ich sage meinen Teilnehmern zum Abschluss eines jeden Seminars: „Trainieren Sie nicht Ihr Lächeln, trainieren Sie Ihr Herz!“

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Im Kontakt mit Kunden muss man sich an bestimmte Gepflogenheiten halten. Gerade in einer Apotheke erwarten die Kunden – darunter ja auch viele ältere Menschen, die das so gewohnt sind – ein höfliches, zuvorkommendes Auftreten.

Dazu gehört beispielsweise, dass man die Kunden, die einem ihr Anliegen schildern, in aller Ruhe ausreden lässt und ihnen wirklich zuhört – ein ganz wichtiger Ausdruck guter Umgangsformen, aber eben auch eine wesentliche Voraussetzung für die anschließende Beratung.

Ein gepflegtes Erscheinungsbild gehört ebenfalls zum guten Ton. Bei der Kleiderwahl geht es heute aber auch in der Apotheke etwas lockerer zu. Hannah Beruda, Geschäftsführerin PTA-Fachschule Westfalen-Lippe e. V.

Wer war eigentlich dieser Knigge?

Wenn von guten Manieren die Rede ist, fällt immer wieder der Name „Knigge“. Damit gemeint ist Adolph Freiherr Knigge, der Mitte des 18. Jahrhunderts geboren wurde. Ihm werden gemeinhin Benimmregeln zugesprochen – also Tischsitten oder Kleidervorschriften.

Tatsächlich ging es in dem bekanntesten Buch des Adligen, dem Werk „Über den Umgang mit Menschen“, eher um Taktgefühl und Höflichkeit zwischen den Generationen und Berufen, nicht um konkrete Regeln. Allerdings ergänzte der Verlag, der das Buch veröffentlichte, aus eigener Feder Benimmregeln im Anhang. Daher verbindet heute jeder den Namen Knigge – fälschlicherweise – genau damit.

Dieser Artikel erschien zuerst im „Treffer“, dem Ausbildungsmagazin der Ruhr Nachrichten.“